Nach vorne schauen: Aus der Ukraine in ein neues Zuhause in Olpe

Familie und Schüler über ihre Zukunftspläne


Topnews
Treffen im DaZ-Raum des Städtischen Gymnasiums Olpe. von Lorena Klein
Treffen im DaZ-Raum des Städtischen Gymnasiums Olpe. © Lorena Klein

Olpe. Auf den Tag genau zwei Jahre ist es am Samstag, 24. Februar, her, dass der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begann und einen tiefen Einschnitt in Europa und der Weltpolitik brachte. Seither sind Millionen Menschen aus dem Land geflohen. Der Krieg dauert an, die Zukunft ist ungewiss. Doch ihre eigene Zukunft, die möchten viele Geflüchtete neugestalten, die Hoffnung nicht aufgeben. So wie Familie Yakovenko und einige Schülerinnen und Schüler, die das Städtische Gymnasium in Olpe besuchen. LokalPlus hat mit ihnen gesprochen.


Zuhause herrscht Krieg. Unmittelbar nachdem Familie Yakovenko das Ausmaß begriff, verließ sie das Land und ihre Heimatstadt Pulyny. Artur Yakovenko (16) erinnert sich sofort an das Datum, den 28. Februar, an dem er mit seiner Mutter Lydia (41), seinem Vater Serhii (42) und seinen Geschwistern Erika (14), Hanna (11) und Samuel (7) nach Deutschland kam. Als Vater von mehr als drei Kindern durfte Serhii mit seiner Familie aufbrechen. Das sei zunächst unklar gewesen, erzählt Artur.

Doch um die Flucht soll es heute nicht vorrangig gehen im DaZ-Raum (Deutsch als Zweitsprache) des Städtischen Gymnasiums in Olpe. Sondern um das neue Kapitel, das für die Familie in Olpe begann und das auch ein Kapitel der Hoffnung ist.

Große Fortschritte in kurzer Zeit

Drei der Yakovenko-Geschwister – Artur, Erika und Hanna – besuchen das Städtische Gymnasium in Olpe. Hier haben sie von Beginn an Deutsch gelernt. Mittlerweile können sie sich gut in der für sie neuen Sprache verständigen. Arturs Fortschritt und Engagement überzeugte so sehr, dass er durch ein Stipendium gefördert wird.

Die SGO-Schüler Erika und Artur Yakovenko, Albert Hryhorian, Hanna Yakovenko und Valeriia Pavlova (von links) vor der Tür zum DaZ-Raum. von Lorena Klein
Die SGO-Schüler Erika und Artur Yakovenko, Albert Hryhorian, Hanna Yakovenko und Valeriia Pavlova (von links) vor der Tür zum DaZ-Raum. © Lorena Klein

Auch einen weiteren Meilenstein hat der älteste Sohn der Yakovenkos schon gemeistert, genau wie seine Mitschüler Albert Hryhorian (16) und Valeriia Pavlova (17). „Die drei sind so gut integriert, dass wir sie frühzeitig aus dem Integrationserlass herausgenommen haben“, erklärt Petra Kindgen, die am SGO Deutsch als Zweitsprache unterrichtet.

Der ist für Schüler mit Migrationshintergrund eine Art „Schonzeit“, die sich auf den Erwerb der deutschen Sprache fokussiert, und dauert normalerweise zwei Jahre. Ein wesentlicher Baustein ist dabei auch die Willkommensklasse, in der Schüler verschiedenen Alters aus unterschiedlichen Herkunftsländern zusammenkommen.

„Hier kann ich meine Zukunft verstehen“

Artur, Valeriia und Albert nehmen seit diesem Schuljahr am Regelunterricht der zehnten Klasse teil und werden benotet wie Muttersprachler. Die nächsten Ziele haben sie schon vor Augen: das Abitur und danach ein Studium.

Seitdem sie in Olpe ein neues Zuhause gefunden haben, sind Valeriia und Albert schon in ihre Heimatstadt Kiew zurückgekehrt, um dort Familie und Freunde wiederzusehen. Auch dort geht das Leben weiter, momentan sei Kiew sogar sicherer als andere Städte, erklärt Albert. Doch der Weg zurück ist für ihn keine Option, er möchte in Deutschland bleiben. „Hier kann ich meine Zukunft verstehen“, sagt Albert. Sein Traum ist es, hier Medizin zu studieren.

Ein Neuanfang

Und auch Familie Yakovenko sieht ihre Zukunft in Deutschland. Gemeinsam unterstütze und motiviere sich die Familie beim Deutsch lernen, erklärt Mutter Lydia, denn das sei die größte Hürde. In der Ukraine hat sie als Floristin gearbeitet, ihr Mann Serhii ist Fotograf.

Bereits vor dem Krieg habe die Familie mit dem Gedanken gespielt, nach Deutschland auszuwandern. Sich auf das neue Leben einzulassen, sei vielleicht auch deswegen einfacher für sie, vermutet Artur. Auch wenn es viele Herausforderungen mit sich bringt.

Familie Yakovenko: Vater Serhii (hinten) und Mutter Lydia (vorne) mit ihren Söhnen und Töchtern - Samuel, Hanna, Erika und Artur (Mitte, von links). von Serhii Yakovenko
Familie Yakovenko: Vater Serhii (hinten) und Mutter Lydia (vorne) mit ihren Söhnen und Töchtern - Samuel, Hanna, Erika und Artur (Mitte, von links). © Serhii Yakovenko

Das kann auch DaZ-Lehrerin Petra Kindgen nachvollziehen, die selbst 30 Jahre lang in einem anderen Land, in Frankreich, gelebt hat. „Es ist schon ein Abenteuer, die Anforderungen sind extrem hoch“, erklärt sie.

Nachrichten schaue die Familie nur selten, erzählt Lydia Yakovenko. Es tue im Herzen weh. Und auch wenn der Kontakt zu Verwandten in der Heimat natürlich weiter besteht, gesprochen werde hauptsächlich über Alltägliches, so ihr Sohn Artur. Er schaut nach vorne. Das neue Leben in Olpe mit seiner Familie, die Bildungsmöglichkeiten, sein Engagement in der Kirche – all das gebe ihm die Motivation, sich hier weiter zu entfalten.

Artikel teilen: