Kardinal-Jaeger-Straße: Kehrtwende und Entschuldigung im Wendener Rat

Straße soll umbenannt und Prävention gestärkt werden


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Die Kardinal-Jaeger-Straße in Hünsborn. von Lorena Klein
Die Kardinal-Jaeger-Straße in Hünsborn. © Lorena Klein

Wenden. Aus den großen Diskussionen rund um die Umbenennung der Kardinal-Jaeger-Straße in Hünsborn hat der Wendener Gemeinderat eine Lehre gezogen. Dem neuen Beschlussvorschlag, der neben einem neuen Straßennamen auch die Förderung von Präventionsangeboten gegen sexualisierte Gewalt vorsieht, haben am Mittwochabend, 23. September, alle vier Fraktionen einstimmig zugestimmt.


Update von Donnerstag, 24. September:

Den Tagesordnungspunkt gleich zu Beginn der Ratssitzung nutzte Bürgermeister Bernd Clemens ebenfalls, um sich ausdrücklich für das vorangegangene Vorgehen zu entschuldigen. Bei den Beratungen vor der Sommerpause habe er den Straßennamen in erster Linie als eine Angelegenheit und Entscheidung der Anlieger betrachtet.

„Erst nach der Sitzung ist mir bewusst geworden, dass die Betroffenheit ganz woanders liegt“, erklärte er. Und zwar bei den Opfern sexualisierter Gewalt, mit denen man im Nachgang auch ins Gespräch gekommen sei. Der Bürgermeister bekräftigte: „Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich die Dimension der von Missbrauch Betroffenen völlig unterschätzt habe. Es tut mir leid.“

Das Rathaus der Gemeinde Wenden. von Nils Dinkel
Das Rathaus der Gemeinde Wenden. © Nils Dinkel

CDU-Fraktionsvorsitzender Dr. Patrick Bredebach resümierte: „Die Diskussion der vergangenen Monate hat gezeigt, wie sensibel das Thema ist und welche unterschiedlichen Perspektiven es gibt. Das Thema verlangt Sensibilität – diesem Anspruch wollen wir mit den nächsten Schritten gerecht werden.“

Bei der Entwicklung und Umsetzung entsprechender Präventionsangebote appellierte SPD-Fraktionsmitglied Ludger Reuber, der selbst in der Jugendhilfe tätig ist: „Bitte zieht bei den Beratungen von Anfang an die Fachstellen hinzu.“

Die beschlossenen Punkte markieren im Vergleich zur Juli-Sitzung somit eine Kehrtwende und eine neue Chance, die auch Auswirkungen auf die Zukunft haben soll.

Gemeinsame Erklärung nach Eckigem Tisch

Ursprünglicher Artikel von Freitag, 11. September:

Die Frage um die Umbenennung der Kardinal-Jaeger-Straße in Hünsborn hat vor der Sommerpause im Wendener Land und darüber hinaus hohe Wellen geschlagen. Eine Mehrheit stimmte im Rat für die Beibehaltung des Straßennamens, dessen Namensgeber, Kardinal Lorenz Jaeger, nachweislich hunderte Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche vertuscht hat. Das Abstimmungsergebnis löste großen Protest aus. Deshalb haben sich alle vier Wendener Ratsfraktionen am Montag, 7. September, zu einem Eckigen Tisch zusammengefunden.

Was ist da passiert vor der Sommerpause im Gemeinderat? Sollte die Entscheidung revidiert werden? Und wie geht man in Zukunft mit dem Thema Kindesmissbrauch um? All das waren Fragen, die sich die Fraktionen von CDU, UWG, SPD und Grünen gemeinsam gestellt haben. Nach der Zusammenkunft des Eckigen Tisches, zu dem auch Betroffene sexualisierter Gewalt eingeladen waren, haben die Fraktionen am Freitag, 11. September, eine gemeinsame Erklärung dazu veröffentlicht.

Unter Betrachtung unterschiedlicher Perspektiven sei bei diesem Treffen sowohl das bisherige Vorgehen (LokalPlus berichtete) reflektiert als auch Impulse und Pläne für die Zukunft besprochen worden. „Dazu gehörten von Beginn an neben der Frage der Straßenbenennung ausdrücklich auch die historische Einordnung sowie weitergehende Maßnahmen zur Aufarbeitung, Erinnerungskultur und Sensibilisierung“, heißt es im gemeinsamen Statement.

„Aus der historischen Verantwortung müssen konkrete Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft entstehen. Unser gemeinsames Ziel ist es deshalb, insbesondere die Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, die Sensibilisierung und die Aufklärung dauerhaft zu stärken”
— Die vier Wendener Ratsfraktionen

Zu Wort kamen beim Eckigen Tisch auch jene, die selbst Missbrauch erlitten haben. „Im Mittelpunkt standen insbesondere die Erfahrungen und Schilderungen von Betroffenen sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Für alle Beteiligten war es wichtig, diesen Erfahrungen Raum zu geben und ihnen mit dem gebotenen Respekt zu begegnen“, erklären die vier Fraktionen.

Bei allen herrsche Einigkeit, „dass die weitere Befassung mit diesem Thema vor allem zukunftsgerichtet sein muss.“ Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei notwendig – jedoch genüge sie nicht allein. „Aus der historischen Verantwortung müssen konkrete Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft entstehen. Unser gemeinsames Ziel ist es deshalb, insbesondere die Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, die Sensibilisierung und die Aufklärung dauerhaft zu stärken.“

Aufhebung des ersten Beschlusses

Konkret haben die Fraktionen folgende Handlungsschritte erarbeitet, die in der Ratssitzung am Mittwoch, 23. September, final beschlossen werden sollen:

  • Die Kardinal-Jaeger-Straße soll erneut auf die Tagesordnung kommen und umbenannt werden. Der Beschluss von Anfang Juli wird aufgehoben, ein neuer Straßenname soll im November beschlossen werden. Der Aufwand, der durch die Umbenennung bei den Anwohnern entsteht, soll entschädigt werden – eventuell mit Hilfe kirchlicher Stellen.
  • Politik, Verwaltung, Fachstellen und Betroffenen-Vertretungen sollen gemeinsam Präventionsangebote entwickeln und realisieren.
  • Der Plan, eine Information zu Kardinal Jaeger und seiner Verbindung zu den Missbrauchsfällen in der Straße aufzustellen, soll zunächst weiterverfolgt, aber noch nicht endgültig beschlossen werden.

Die entsprechende Sitzungsvorlage ist im Ratsinformationssystem der Gemeinde Wenden zu finden.

Die Kardinal-Jaeger-Straße in Hünsborn. von Lorena Klein
Die Kardinal-Jaeger-Straße in Hünsborn. © Lorena Klein

CDU, UWG, SPD und Grüne und Wenden nehmen auch vor allem eines aus den vergangenen Monaten mit: „Entscheidend ist, was wir aus der Auseinandersetzung für die Zukunft unserer Gemeinde ableiten. Wir wollen dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche besser geschützt werden, dass Betroffene Gehör finden, dass Wissen und Sensibilität wachsen und dass Verantwortung nicht nur rückblickend benannt, sondern für die Zukunft wahrgenommen wird.“

Der Eckige Tisch habe gezeigt, dass es trotz unterschiedlicher Ausgangspositionen möglich ist, miteinander ins Gespräch zu kommen und Lösungen zu finden. „Diesen respektvollen und sachlichen Umgang miteinander wollen die vier Fraktionen auch bei der weiteren Umsetzung beibehalten.“

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