Nachrichten Wirtschaft
Kreis Olpe, 22. September 2016

Marode Straßen, Schwerlastverkehr und die Folgen für die Wirtschaft: Hermann-Josef Droege (IHK) im Interview

„Attraktive Arbeitsplätze brauchen adäquate Infrastruktur"

Sind regionale Arbeitsplätze aufgrund der Schwerlastverkehrsproblematik in Gefahr?
Sind regionale Arbeitsplätze aufgrund der Schwerlastverkehrsproblematik in Gefahr?
Symbolfoto: © Shutter81 / Fotolia
Droht eine mittel- und langfristige Verlagerung von Arbeitsplätzen oder gar von ganzen südwestfälischen Unternehmen in infrastrukturell besser aufgestellte Regionen – aufgrund maroder Straßen? Immer mehr Straßen in der Region sind in schlechtem Zustand und können den zunehmenden Schwerlastverkehr in wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr „tragen“. Im Gespräch mit LokalPlus zeigt Hermann-Josef Droege, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Siegen, auf, welche Gefahren sich für den heimischen Arbeitsmarkt ergeben können, und benennt zugleich Lösungsansätze.

Die mögliche Folge maroder Straßen und der damit einhergehenden Einschränkungen und Umwege für den Schwerlastverkehr: Südwestfälische Unternehmen wandern ab oder produzieren zumindest teilweise woanders – regionale Arbeitsplätze sind damit mittel- und langfristig gefährdet.

Jüngstes Beispiel: die Erndtebrücker Eisenwerke (EEW). Der Röhrenhersteller aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein hat zunehmend Probleme, seine Produkte über marode und zu enge südwestfälische Straßen zu bekommen. Somit verlagert er (zunächst befristet) einen Teil der Endproduktion in die Niederlande – und damit auch einen Teil der für die Region so wichtigen Arbeitsplätze für Fachkräfte.
Hermann-Josef Droege, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Siegen
Herr Droege, ist die Sorge, dass regionale Arbeitsplätze infolge der schlechten Straßen in Gefahr sind, begründet?


Sie ist begründet, weil man am Beispiel der Erndtebrücker Eisenwerke sieht, wohin das Ganze führen kann. Hinzu kommt, dass die schlechte Erreichbarkeit heimischer Unternehmen Zusatzkosten verursacht und im Bereich der Fachkräftegewinnung mit Blick auf Fahrzeiten und Entfernungen der Zeitfaktor gleichzeitig ein Attraktivitätsfaktor bzw. zu einem Attraktivitätsproblem wird.

Attraktive Unternehmen mit attraktiven Arbeitsplätzen müssen auch in Zukunft entscheidende Bedingungen vorfinden bzw. auch Bewerbern bieten: Man muss in zumutbarer Zeit hin- und auch wieder wegkommen.

Die Sicherung und womöglich der Ausbau attraktiver Arbeitsplätze erfordert als zwingende Voraussetzung eine adäquate Verkehrsinfrastruktur. Für den grundsätzlichen wirtschaftlichen Erfolg unserer Unternehmen stehen in aller Regel standorttreue Familien als Inhaber. Für die äußeren Voraussetzungen, also für die Erreichbarkeit, muss in allererster Linie die Politik Verantwortung übernehmen.

Was raten Sie Fachkräften aus der Region, die auf Jobsuche sind?

Als Optimisten hoffen wir natürlich auf Besserung der strukturellen Probleme. Wir haben auch den begründeten Eindruck, dass Landes- und Bundespolitik langsam wach werden, weil die Probleme immer offenkundiger und gravierender werden und nicht länger politisch unter den Teppich gekehrt werden können.

Jobsuchenden in der Region rate ich, sich nicht unmittelbar von dieser Problemstellung Bange machen zu lassen. Wir haben das große Glück, so viele tolle Unternehmen mit attraktiven Jobs aufweisen zu können – also: Arbeiten dort, wo andere Urlaub machen.

Erkennen Sie aus genannten Gründen auch bei anderen Unternehmen bereits eine konkrete Tendenz zum Auslagern von Arbeitsplätzen?

Wir müssen erste Fälle von Arbeitsplatzverlagerung zur Kenntnis nehmen. Aber mindestens genauso gravierend ist die ebenso absehbare Zurückhaltung bei Invests in die vorhandenen Standorte, die auf Dauer allenfalls eine Arbeitsplatzsicherung des Status quo ermöglichen. Vielleicht aber auch einen Arbeitsplatzabbau, zumal fast alle Unternehmen international aufgestellt sind. "Grundsätzliche Standortnachteile" Können Sie beziffern, wie viele Unternehmen aus Ihrem IHK-Bezirk durch die Transportprobleme zunehmend betroffen sind?

Das ist nicht zu beziffern, weil die Unternehmen unterschiedlich betroffen sind. Wir reden von Schwertransporten und Schwersttransporten, aber auch von der grundsätzlichen Standortbenachteiligung durch lange und schwierige An- und Abfahrtswege. Betroffen sind zum Beispiel auch heimische Bauunternehmen aus Wittgenstein, die eine Baustelle im Rheinland oder im Frankfurter Raum anfahren. Sie erreichen die Autobahn erst dann, wenn die Konkurrenz bereits an der Baustelle angekommen ist.

Was raten Sie den betroffenen Unternehmen bzw. gibt es Ideen, wie sich diese Herausforderungen gemeinsam bewältigen lassen? Geht der Blick bei der Suche nach Lösungen vielleicht auch in andere Regionen?

Unternehmen, die sich entsprechend betroffen fühlen, sollten sich unbedingt öffentlich zu Wort melden. Sie sind die besten Kronzeugen für unsere regionale Straßenmisere. Die Erfahrung zeigt, dass Politik vor allem dann zuhört, wenn Unternehmer authentisch ihre schwierige Situation beschreiben.

Unabhängig davon suchen wir natürlich auf Landes- und teilweise auf Bundesebene nach Verbündeten, die es durchaus gibt. Die Arbeitsgemeinschaft der IHKs bietet dazu eine ausgezeichnete Plattform.

Sie sind zudem Vorstandsmitglied des Vereins „Route 57“. Wie sieht die Zielsetzung dieser Initiative genau aus?

Zielsetzung der Initiative „Route 57“ ist, den Raum Siegen mit dem industriestarken Wittgensteiner Raum durch eine leistungsfähige Verkehrsachse zu verbinden, beginnend bei der Südumgehung Kreuztal bis zum Raum Berleburg. Darüberhinaus sieht der aktuelle Entwurf zum Bundesverkehrswegeplan vor, von Erndtebrück aus diese Verkehrsachse weiterzuführen über die hessische Landesgrenze bis nach Frankenberg. Wir wollen weg von der solitären Betrachtung und unterschiedlichen Bewertung von Ortsumgehungen in Kreuztal, Hilchenbach oder Erndtebrück, sondern vielmehr den Gesamtzusammenhang dieser dringend notwendigen Verkehrsachse in den Vordergrund und natürlich in das politische Bewusstsein bringen.

Und damit wäre das Problem mit dem Schwerlastverkehr aus der Region geschafft?

Damit wären die Schwerlastprobleme der Region nicht gelöst, aber deutlich gemildert. Zum Einen würde die Streckenführung sicherlich weniger Serpentinen, Kurvenradien, Streckenanstiege und vor allem gefährliche Ortsdurchfahrten enthalten. Allerdings leidet der Schwerlastverkehr darüberhinaus unter weiteren Bedingungen, wie zum Beispiel die offiziell noch notwendige Begleitung durch Polizei oder eine außerordentliche Bürokratie, die zum Beispiel immer wieder notwendige statische Neuberechnungen von Brücken in den Transportwegen fordert. Oder auch die vielfach aufgeteilte Entscheidungszuständigkeit bei der Genehmigung einer Route durch die Bezirke aller diese Route betreffenden Kreispolizeibehörden bzw. Polizeipräsidien. Kritik an bürokratischen HürdenEinige Unternehmen beschweren sich über eben diese hohen bürokratische Hürden, wenn es um Genehmigungen für den Transport besonders schwerer Lasten geht. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Die Beschwerden sind absolut zutreffend. Eine wissenschaftliche Studie im Auftrag der IHK Siegen hat kurz- und mittelfristige Vorschläge zur Erleichterung dieser Probleme unterbreitet. Leider erfolgt die Umsetzung viel zu langsam. Es hängt auch hier an der Bürokratie in Land und Bund.

Gibt es Ausweichrouten und wenn ja, welche sind das?

Mittlerweile hat auf Druck unter anderem der IHK Siegen die Landesregierung eine Ausweichroute aus unserem Raum bis zu den Binnenhäfen von Herne und Duisburg unterbreitet, die allerdings zum Teil erst noch baulich ertüchtigt werden muss. Dies bedeutet, dass z.B. Verkehrskreisel im Verlauf dieser Route umzubauen sind, Ampelanlagen sind an veränderte Standorte zu versetzen und auch einige Brücken sind erst noch neu zu bauen. Allerdings sind wir ganz grundsätzlich sicherlich einen deutlichen Schritt vorangekommen, denn ohne diese Initiative hätten wir möglicherweise bald ausschließlich Stillstand.

Inwieweit droht Südwestfalen als eine der bundesweit bedeutendsten Wirtschaftsregion – Stand jetzt – zurückgeworfen zu werden?

Die erkennbaren Standortnachteile für heimische Unternehmen durch eine problematische Verkehrsanbindung sind evident. Die Bereitschaft der Politik, für Verbesserungen zu sorgen, vermittelt Hoffnung. Die Politik muss allerdings auch wissen, wir bewegen uns schon fast in einem Wettlauf gegen die Zeit. Straßen werden nicht besser. Internationale Konkurrenz wird stärker und internationale Märkte warten nicht endlos darauf, dass Produkte aus Südwestfalen endlich ankommen.

Seit wann ist die Problematik bekannt? Hätten Alternativen nicht schon längst diskutiert werden können?

Aus Unternehmergesprächen Ende 2011/Anfang 2012 haben wir erfahren, dass die Hindernisse zur Abwicklung von Schwertransporten immer unerträglicher wurden. Deshalb haben wir Prof. Dr. Jürgen Steinbrecher von der Uni Siegen mit einer grundsätzlichen Analyse dieser Situation beauftragt und ihn gebeten, kurz-, mittel- und langfristige Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Unseres Wissens wurde damit erstmals bundesweit eine fundierte Analyse inkl. Lösungswegen für Schwerlasttransporte vorgelegt.

Noch im gleichen Jahr (Herbst 2012) hat die IHK mit einer Gruppe von Unternehmern NRW-Verkehrsminister Groschek diese Studie in Düsseldorf überreicht. Spontan hat der Verkehrsminister die Einrichtung einer Projektgruppe zur Umsetzung der Handlungsvorschläge in technischer, rechtlicher und verwaltungsmäßiger Hinsicht zugesagt.

Die anschließende Arbeit in dieser Projektgruppe zu diesem tatsächlich sehr umfassenden Problemspektrum gestaltet sich allerdings relativ zäh, nach Auffassung einer Reihe heimischer Unternehmer zu zäh. Die IHK Siegen, wie auch einige beteiligte Unternehmer, arbeiten im Interesse der Sache in der Projektgruppe weiter konzentriert und engagiert mit.

Wir hoffen sehr, dass zum Einen die Schwerlastroute zu den Binnenhäfen tatsächlich schnellst möglich Realität und damit tatsächlich befahrbar wird und andererseits die notwendigen rechtlichen Änderungen bei der Bewältigung der Schwerlastbürokratie weniger zögerlich in Angriff genommen werden.
Ein Artikel von Christoph Reuber

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