Nachrichten Wirtschaft
Attendorn, 06. Dezember 2016

„Brandgefährliche Entwicklung“

Gekipptes Boni-Verbot: Attendorner Apotheker schlagen Alarm

Bei einem Gespräch vor einigen Tagen informierten die beiden Attendorner Apotheker Christian Springob (rechts) und Dr. Lukas Peiffer (Mitte) Bürgermeister Christian Pospischil über die die  Apothekenversorgung vor Ort.
Bei einem Gespräch vor einigen Tagen informierten die beiden Attendorner Apotheker Christian Springob (rechts) und Dr. Lukas Peiffer (Mitte) Bürgermeister Christian Pospischil über die die  Apothekenversorgung vor Ort.
Foto: Hansestadt Attendorn
Attendorn. Die Attendorner Apotheker schlagen Alarm: Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes, ausländischen Versandapotheken das Recht auf Boni-Leistungen auf verschreibungspflichtige Arzneimittel einzuräumen, sehen sich die heimischen Apotheker in ihrer Existenz bedroht. Bei einem Gespräch mit Bürgermeister Christian Pospischil vor einigen Tagen informierten die beiden Attendorner Apotheker Christian Springob und Dr. Lukas Peiffer über die möglichen Auswirkungen auf die Apothekenversorgung vor Ort.
Hintergrund: Mitte Oktober hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass ausländische Apotheken sich nicht an die deutsche Verordnung für Arzneimittelpreise halten müssen, wenn sie verschreibungspflichtige Medikamente nach Deutschland versenden. Rabatte und Boni sind seit dem „Rx-Boni-Urteil“ (Rx = verschreibungspflichtige Arzneimittel) damit für ausländische Anbieter erlaubt. Für deutsche Apotheken hat das Gebot der Preisbindung weiter Gültigkeit. Das nun aufgehobene  Boni-Verbot hatte nach Meinung deutscher Apotheker sichergestellt, dass der Patient sein Arzneimittel jederzeit und überall ohne Preisvergleich mit der gleichen Qualität und Beratung erhielt.Großer Konkurrenz aus HollandSeit Verkündung des Urteils bietet insbesondere ein Unternehmen mit Sitz in Holland „mit reichlich Präsenz im deutschen Werbefernsehen“ (O-Ton der beiden Apotheker) große Rabatte beim Online-Medikamentenkauf an - sehr zum Unmut der Apotheker vor Ort.

Christian Springob und Dr. Lukas Peiffer: „Diese Entwicklung ist brandgefährlich für die derzeit noch bestehende flächendeckende Versorgung durch uns Vor-Ort-Apotheken. Abgesehen davon, dass wir inländischen Apotheker keine Boni gewähren dürfen, ist es aufgrund der gesetzlichen Aufgaben einer inländischen Apotheke auch finanziell nicht möglich, überhaupt Boni zu gewähren. Strenge Auflagen fordern das ständige Vorrätighalten von Notfallmedikamenten mit dem damit verbundenen Risiko des Verfalls der Ware. Auch Betäubungsmittel mit hohem dokumentarischem Aufwand sind nur in einer Apotheke vor Ort zu bekommen."Tätigkeiten zum Gemeinwohl gefährdetDoch nicht nur diese Ungerechtigkeit sorgt für reichlich Bauchschmerzen bei den beiden Attendornern, die jeweils die elterlichen Apotheken übernommen haben und diese nun bereits in zweiter (Springob) bzw. siebter (Peiffer) Generation weiterführen: „Gerade wir Landapotheken leben von einem Rx-Anteil um die 70 bis 80 Prozent. Das ist das Rückgrat, welches den Apothekenbetrieb sichert, ähnlich dem ärztlichen Honorar. Die Rahmenbedingungen der letzten Jahre haben sich zugunsten der Krankenkassen derart verändert, dass hier kein wirtschaftlicher Spielraum mehr vorhanden ist. Daneben übernehmen wir viele Tätigkeiten, die dem Gemeinwohl dienen, wie den flächendeckenden Notdienst, die meist taggleiche Versorgung der Patienten oder das Anfertigen von Individualrezepturen wie Salben, Lösungen, Sprays oder Kapseln, die meist von den Online-Versendern abgelehnt werden. Auch die Versorgung von Senioren- und Pflegeheimbewohnern mit den damit verbundenen Schulungen des Pflegepersonals und der Überprüfung der Arzneimittelvorräte ist nur durch die lokale Apotheke möglich.“ 

Zudem seien die Apotheken vor Ort die Anlaufstelle für alle Fragen und Probleme mit kostenfreier und fachmännischer Beratung sowie die nächste und oftmals letzte Instanz des Patienten nach dem Arztkontakt - und damit mitverantwortlich für die richtige Anwendung und Dosierung der verschriebenen Medikamente. "Inlandsdiskriminierung zerstört funktionierendes System"Für Christian Springob und Dr. Lukas Peiffer steht fest: „Die 20.000 Apotheken, die es derzeit in Deutschland vor Ort gibt, arbeiten vernünftig, aber sehen sich nun einer großen existenziellen Gefahr ausgesetzt. Ein bisher gut funktionierendes System wird durch diese Inlandsdiskriminierung ohne Not zerstört. Daher fordern wir von der Politik ein klares Bekenntnis zum deutschen Apothekenwesen und ein Versandverbot von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln.“

Bürgermeister Christian Pospischil hob die gute Versorgung der Hansestadt durch die heimischen Apotheker hervor und sicherte seine Unterstützung zu. So wolle er die Bevölkerung sensibilisieren und darüber hinaus dieses wichtige Thema auf Landes- und Bundesebene ansprechen. Attendorns Bürgermeister: „Niemand kann und will den Online-Handel verbieten. Aber jeder, der Medikamente online bestellt, sollte sich bewusst sein, dass damit die Apotheke vor Ort und ihr Service geschwächt und damit auch gefährdet wird.“
(LP)

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