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Olpe, Olpe, 3. Juni 2015

Seit zehn Jahren hilft das Kindertrauerzentrum am Kinder- und Jugendhospiz Balthasar mit dem Verlust umzugehen

Wenn die Mama plötzlich im Wolkenhaus lebt

Was Kinder nicht mit Worten benennen können, das drücken sie kreativ aus.
Was Kinder nicht mit Worten benennen können, das drücken sie kreativ aus.
Wen fragt man um Rat, wenn durch einen Todesfall ein Kind trauert und man nicht weiß, wie man ihm helfen kann? Viele Erzieher, Lehrer und besorgte Eltern suchen diesen Rat bei den Trauerbegleitern des Kinder- und Jugendhospizes Balthasar. Daher wurde im Jahr 2005 das Kindertrauerzentrum Thalita gegründet. 140 Kindern und ihren Familien konnte seit dem geholfen werden.

„Unzählige Anfragen haben uns damals erreicht, und meine Kollegen und ich waren sehr mit den vielen ambulanten Beratungen von Teams und einzelnen Personen beschäftigt. Die Unsicherheit, wie man richtig mit einem Kind bei einem Abschied umgehen kann, war groß“, erinnert sich Birgit Halbe, pädagogische Leitung im Kinder- und Jugendhospiz Balthasar. Wie werde ich dem Kind gerecht? Die Angehörigen haben oft Sorge, den Kindern nicht gerecht zu werden oder etwas zu übersehen. Zumal sie ja in der Regel auch einen Verlust erlitten haben: hat das Kind seinen Vater verloren, trauert die Mutter um ihren Ehemann und befindet sich selbst in einer Ausnahmesituation.

Kinder, die einen nahestehenden Menschen verloren haben brauchen einen geschützten Raum, um ihrer Trauer Ausdruck verleihen zu können. Thalita ist so ein Raum. Zwei Mal im Jahr kommen bis zu acht Kinder für neun bis zehn Doppelstunden zusammen. Sie sind zwischen 7 und 14 Jahre alt und kommen nicht nur aus Olpe, sondern auch aus den Kreisen Siegen und Altenkirchen sowie aus Gummersbach, dem Hochsauerland- und dem Märkischen Kreis. "Mädchen steh auf!" Der Name Thalita stammt aus dem Matthäus Evangelium, in dem Jesus zu einem Mädchen sagt „Thalita kumi!“, was übersetzt heißt „Mädchen steh auf!“

Alle Kinder erleben eine erschwerte Trauer. Zum einen, weil sie Kind sind und für abschiedliche Situationen oft noch keine Verhaltensmuster entwickeln konnten. Zum anderen, weil es sich zumeist um sehr plötzliche Todesfälle und oft sogar um den Tod von Elternteilen handelt.

In den Kindertrauergruppen geht es vor allem darum, dass sich die Kinder ihren Gefühlen stellen und sie als normale Reaktion erleben. Birgit Halbe: „Trauer ist keine Krankheit und sie ist so individuell, dass sich niemand seiner Gefühle schämen muss.“ Kinder reagierten zunächst oft unsicher, wenn sie z.B. wütend auf Vater oder Mutter sind, weil die sie durch ihren Tod allein gelassen haben. In der Gruppe zu merken, dass man weder mit der Wut noch mit der Unsicherheit alleine ist und es auch anderen so geht, sei für die Kinder sehr hilfreich.Trost im Erinnern Auch das Erinnern an den verstorbenen Menschen sei wichtig, denn davon könne großer Trost ausgehen, erklärt Birgit Halbe weiter. „In Thalita wird die Suche nach tröstlichen Bildern unterstützt, etwa indem sich die Kinder vorstellen, der Verstorbene sei nun an einem besonders schönen Ort, oder indem sie reale Orte der Erinnerung finden und aufsuchen.“

Für die achtjährige Sonja* zum Beispiel wohnt die Mutter nun in einem Wolkenhaus, vor dem es einen großen Garten gibt, in dem die Lieblingsblumen der Mutter blühen. Ein anderes Mädchen hatte dagegen eine Mama-Bank im wirklichen Garten, auf der die Mutter vor ihrem Tod oft gesessen hatte. Die Tochter fühlte sich ihrer Mutter nah, als sie nach deren Tod selbst auf dieser Bank sitzen konnte.
Viele Kinder verarbeiten ihre Trauer kreativ.
Viele Kinder reden auch mit den Verstorbenen und bleiben ihnen auf diese Weise verbunden oder sie nutzen Symbole, damit das Band zwischen ihnen und dem Verstorbenen nicht abreißt. Wie die zehnjährige Maike: „Der Papa ist zwar gestorben, doch er ist für immer in meinem Herz. Ich habe einen Stein für das Grab mit einem Herz bemalt.“

„Bemerkenswert ist, wie offen Kinder sind und wie schnell sie zum Wesentlichen kommen“, resümiert Birgit Halbe ihre Erfahrungen. Dabei gibt es nicht nur die emotionale Seite, sondern immer auch die sachliche. Kinder sind von Natur aus neugierig und wissbegierig.

Es werden Fragen gestellt, deren Antworten den erwachsenen Angehörigen oft schwer fallen. Wie der Papa in eine so kleine Urne passen kann. Oder ob das Verbrennen weh tut. Und natürlich die Sache mit den Würmern. Dass es so tief in der Erde gar keine Würmer mehr gibt, wissen die wenigsten. Halbe:„Das Todesgeschehen und auch die eigene Reaktion darauf zu begreifen, stärkt die Kinder. Sie können dann besser mit Schuldgefühlen umgehen und sie finden in Zeiten, in denen die Traurigkeit zurückkommt, leichter wieder einen Weg aus ihr hinaus. Kinder müssen ihre Trauer mit allen Sinnen erfahren und sie im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, um sie auch akzeptieren zu können.“ Dabei helfen Gespräche, Rollenspiele, Bewegung und besonders kreatives Arbeiten.

Was Kinder nicht mit Worten benennen können, das drücken sie kreativ aus. So malte der kleine Felix zwei Herzen, ein rotes und ein weißes. Auf die Frage, warum er denn ein Herz weiß gemalt habe, erklärte er: „Das rote Herz ist warm und gehörte meiner Mama, als sie noch lebte. Das weiße Herz ist kalt. Das ist, als sie tot war.“ Woher er das wisse, dass das Herz der Mutter kalt ist? „Ich habe sie angefasst und sie war kalt. Dann muss jetzt auch ihr Herz kalt sein.“ Offen und ehrlich Birgit Halbe: „Die Kinder erfassen sehr viel, ein offener und ehrlicher Umgang mit ihnen ist dafür die wichtigste Voraussetzung. Kinder wollen Wahrheit.“ Eine entscheidende Frage sei etwa, wie ein Kind von dem Todesfall erfahren hat. Birgit Halbe erklärt: „Kinder haben sehr feine Antennen. Sie merken sehr, sehr schnell, wenn etwas nicht stimmt, trauen sich dann aber nicht, die Erwachsenen zu fragen. Für Kinder ist es ein großer Vertrauensbruch, wenn sie als letztes und erst Stunden später erfahren, dass z.B. der Vater in der Nacht gestorben ist. Daran haben sie sehr zu arbeiten.“

Auch wenn eine bestehende Krankheit zum Tod führen wird, sei es wichtig, die Kinder darauf vorzubereiten und sie frühzeitig mit einzubeziehen.

Seit einigen Jahren werden in Thalita auch die Eltern begleitet. Ein offenes Elterncafé während der Kindertrauergruppen lädt zum Austausch ein. Weit verzweigtes Netzwerk Zusätzlich besteht um Thalita ein weit verzweigtes Netzwerk aus Psychologen, Beratungsstellen und Krisenteams in Schulen, so dass die Begleitung der Familien auch über die Trauergruppe hinaus sichergestellt ist.

Drei bis vier Monate nach Beendigung der Gruppentreffen gibt es außerdem ein Nachtreffen zum Erfahrungsaustausch. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Der elfjährige Max formulierte es so: „Ich bin noch traurig, aber es ist irgendwie einfacher geworden. Ich bin auch wieder fröhlich und das macht es erträglicher.“ Sogar dauerhafte Freundschaften sind durch die Treffen in Thalita schon entstanden.

In den vergangenen zehn Jahren ist das Kindertrauerzentrum Thalita zu einem wichtigen Bestandteil im Angebot des Kinder- und Jugendhospizes Balthasar geworden. Aus Thalita heraus entstand vor einigen Jahren außerdem der „Schreck-lass-nach“-Koffer als mobiles Hilfsangebot. Der Koffer kann von Kindergärten und Schulen kostenlos ausgeliehen werden, um die Themen Tod und Trauer mit kleinen Kindern zu bearbeiten. Er ist gefüllt mit Bilderbüchern, Geschichten, Mandalas, Symbolen, Fachliteratur und Kopiervorlagen, die Hilfe und Impulse für das Aufgreifen abschiedlicher Situationen geben sollen.

Mehr Informationen unter www.kinderhospiz-balthasar.de. (LP)

Bildergalerie: Wenn die Mama plötzlich im Wolkenhaus lebt