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Olpe, Olpe, 10. November 2015

Astrid Müller spricht über Recycling-Kunst / Hobby und Lebensaufgabe

„Man kann aus allem irgendetwas machen“

Astrid Müller aus Olpe verpasst alten Rehgeweihen ein neues, buntes Gewand. Und auch viele anderen Gegenstände recycelt sie zu neuen Dekoartikeln.
Astrid Müller aus Olpe verpasst alten Rehgeweihen ein neues, buntes Gewand. Und auch viele anderen Gegenstände recycelt sie zu neuen Dekoartikeln.
Fotos: Katja Fünfsinn
Astrid Müller aus Olpe schaut immer zweimal hin, bevor sie etwas wegwirft: Die 56-Jährige fertigt aus alten Kleiderbügeln, Kaffeekannen und Rehgeweihen kunterbunte Dekorationen an. Im Gespräch mit LokalPlus erzählt sie außerdem, wie sie Stühle in kleine Blumenbeete verwandelt.

Das Haus von Astrid Müller ist eines jener Häuser, die Menschen ohne ein Händchen für Inneneinrichtung und Dekorationen staunen lässt: Bereits im Hausflur fällt der Blick direkt auf eine große Schale mit Kerzen und herbstlicher Dekoration. Die Fensterbank auf dem Treppenabsatz beherbergt kleine Figuren. Beim ersten Schritt in die Wohnung knarrt der Boden unter den Füßen. Die Holzdielen sind mit einer dicken Schicht aus hellem Lack bedeckt. Astrid Müller fängt den interessierten Blick auf und lacht. „In dem Haus hier haben schon meine Eltern und Großeltern gelebt. Und ich wollte, dass sich so wenig wie möglich verändert." Hobby als Lebensaufgabe Also hätten ihr Mann und sie nur die Wände gestrichen, als sie vor drei Jahren in das Haus eingezogen. Viele Möbel hätten sie geerbt, aber auch die selbst gekauften seien allesamt älter als 20 Jahre. „Ich schaue auch auf dem Sperrmüll, da findet man immer wieder mal Kommoden", erzählt Astrid Müller und lacht wieder. Sie zeigt auf eine Kommode. Die ist eigentlich aus hellem Buchenholz. Jetzt ist sie dunkel eingefärbt. Die 56-Jährige hängt nicht nur an den alten Möbelstücken: Ihr Hobby - für sie längst Lebensaufgabe - ist es, aus altem Kram, den andere vermutlich im Hausmüll oder auf dem Sperrmüll entsorgen würden, neue Dekorationsstücke herzustellen. Gegen den Wegwerf-Wahn „Wir sind mittlerweile eine totale Wegwerfgesellschaft", erklärt Astrid Müller und schaut zum ersten Mal sehr ernst. „Ich möchte einen kleinen Beitrag leisten, damit es etwas besser wird. Dann schlafe ich besser“, sagt sie, lacht wieder und fügt hinzu: „Man kann aus allem irgendetwas machen.“ Und so stand beim Einzug in das große Haus, das sie selbst nur "meine persönliche Villa Kunterbunt" nennt, fest: Ein Zimmer wird als Werkraum eingerichtet. Dort fertigt Astrid Müller ihre Stücke an. Kaffeekanne wird zur Gießkanne Auf ihre Ideen komme sie meistens durch Zufall. Früher, als sie und ihr Mann noch die Besitzer des „Klumpens" in Olpe waren, habe sie schon immer die Fensterbänke mit vielen Blumen verschönert. Dann sei ihr aufgefallen: Es gibt zu wenige schöne Gießkannen. Also suchte sie sich alte Kaffeekannen mit gebogenem Schnabel aus und verpasste ihnen ein buntes neues Aussehen.
Dazu verwendete sie Dékopach-Papier: Bei dieser Technik werden kleine Papierstücke glatt oder zu Bällchen gerollt, mit einem speziellen Kleber auf das Objekt aufgetragen und anschließend mit Klarlack versiegelt. Manchmal benutze sie auch alte Zeitungen oder Bücherseiten. Einmal habe ein Gast lange auf eine Kanne geschaut. „Da hat er etwas über sich in der Zeitung gelesen", erzählt Astrid Müller. Recycelte Milchtüten Auch alte Kleiderbügel bearbeitet sie in der gleichen Weise: Aus Schlüsselleisten werden knallbunte Garderoben für Kinder, leere Milch- und Safttüten verwandelt sie in Blumenvasen. In denen bringt sie gerne Freunden einen Blumenstrauß mit. Auch ein alter Spazierstock wird mit buntem Papier zum flippigen Begleiter. Alte Kronleuchter lassen sich schnell zu dekorativen Kerzenleuchtern verwandeln: Einfach die Kabel ziehen, einfärben und anstelle der Birnen Kerzen einsetzen. Altes soll zu Neuem werden Altes soll die Zeit nicht nur überdauern, sondern zu etwas Neuem werden. Das ist der Wunsch von Astrid Müller. Und am besten sollte es zu etwas nützen. Sie selbst sammelt altes Porzellan. Das steht nicht in irgendeiner Vitrine, sondern wird benutzt. Und kommt sogar in die Spülmaschine. „Manchmal geht dann mal eine Tasse kaputt, aber das macht ja nix.“ Stühle werden zum Blumenbeet Alten Stühlen widmet sich Astrid Müller in zweierlei Hinsicht: In vielen Ecken in ihrem Haus stehen Stühle, die sie mit Dékopach-Papier in kunterbunte Originale verwandelt hat. Auch Auftragsarbeiten nimmt sie an. Aus anderen Stühlen entfernt sie das Polster, füllt den entstandenen Hohlraum mit Blumenerde und bepflanzt dieses kleine Beet. Am liebsten mit Sukkulenten, die auch im Winter draußen überleben.
Passend zur Jahreszeit kann der kleine Stuhl noch mit anderen Dekoartikeln verschönert werden.
Rehbockschädel in neuem Gewand Auf eine andere Idee ist sie durch ihren Bruder gekommen. Der ist Jäger und brachte ihr eines Tages alte Rehbockschädel. Solche skelettierten Köpfe mit den kleinen Hörnern hängen als Jagdtrophäen in den Häusern von Jägern, aber wer würde sich so etwas heutzutage als Dekoartikel noch an die Wand hängen? Genau die Frage stellte sich auch Astrid Müller. Schnell fand sie Haushaltsauflösungen, bei denen sie für kleines Geld ganze Wäschekörbe voller Tierschädel kaufen konnte.
Auch hier griff sie wieder auf ihre Lieblingstechnik zurück: Mit buntem Dékopach-Papier, aber auch mit alten Landkarten, Geschenkpapier oder ähnlichem, bearbeitete sie die Schädel. Die Hörner malte sie mit schimmerndem Acryllack an.
Für die schönsten Exemplare malt sie alte Bilderrahmen an, in die sie die Schädel einsetzt. Ein paar Perlen aus einer kaputten Perlenkette dazu – fertig ist der Hingucker an der Wand. Wie geht es noch besser? Andere Ideen findet Astrid Müller im Internet oder in Zeitschriften. „Das sind ja alles keine neuen Ideen“, sagt sie, betont aber auch: „Oft frage ich mich, wie ich etwas noch besser machen kann.“ Ihre recycelten Dekoartikel bietet sie unregelmäßig auf dem Olper Wochenmarkt oder auf Kreativmärkten an. Wenn sie etwas mal wirklich nicht mehr gebrauchen kann, stellt sie es in einem Korb an die Straße. So wie sie es in Norddeutschland schon öfter gesehen hat. Meistens steht das nicht lange da. „Es nimmt sich immer irgendjemand etwas mit."
Ein Artikel von Katja Fünfsinn

Bildergalerie: „Man kann aus allem irgendetwas machen“