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Lennestadt, Lennestadt-Oberelspe, 9. Dezember 2015

Sabine Esleben ist die Patin der syrischen Familie Rasoul in Oberelspe - und ihre Freundin

"Ich habe eine neue Schwester gefunden"

Verstehen sich prächtig: Sabine Esleben (Mitte) und die Familie Rasoul.
Verstehen sich prächtig: Sabine Esleben (Mitte) und die Familie Rasoul.
Fotos: Kerstin Sauer
„Die Familie Rasoul ist mir einfach vor die Füße gefallen.“ Sabine Esleben lacht. Dass sie sich im Kreise der syrischen Flüchtlingsfamilie Rasoul in Oberelspe wohl fühlt, ist eindeutig. Und dass die sechsköpfige Familie „ihre“ Sabine liebt, auch. Es wird viel gelacht. Geredet. Erklärt. Gespielt. Genauso, wie die Gleichstellungsbeauftragte Petra Peschke-Göbel es sich vorstellt. Denn Sabine Esleben ist die Patin der Familie Rasoul.

Alle haben sich im Wohnzimmer versammelt, sitzen auf der Couch, auf Stühlen, hocken auf dem Boden. Pressetermin bei der Flüchtlingsfamilie Rasoul in Oberelspe. Mutter Sanaa bewirtet die Gäste mit arabischem Tee, Keksen und Obst. Währenddessen erzählt Vater Yousef von seiner Flucht. In sehr gutem Englisch beschreibt er, wie die Familie aus Syrien Unterschlupf im Libanon suchte, weil in der Heimat Menschen umgebracht, Freunde verschleppt wurden – und nie zurückkamen. Drei Jahre im Libanon Drei Jahre lebten sie im Libanon. Und machten sich von dort im August dieses Jahres auf den Weg Richtung Westen. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien gelangten sie nach Ungarn. Mal mit dem Taxi, mal zu Fuß – immer mit den Kindern Ahmad (15), Lama (13), Adam (6) und Leja (4). In Ungarn starteten sie eines Abends um 21 Uhr nach Österreich – 150 Kilometer. Zu Fuß. Ohne Pause.

Seit Anfang Oktober leben die Rasouls nun in einer Wohnung in Oberelspe. Und hier kommt nun Sabine Esleben ins Spiel. Die gute Fee im Haus. „Ich wollte mich schon immer für Flüchtlinge einsetzen“, erzählt die 41-Jährige. Anfangs brachte sie öfter Kleiderspenden in die Flüchtlingsunterkunft Regenbogenland in Olpe. „Aber mir war klar: Irgendwann möchte ich mehr machen.“
Wenn die Wörter mal nicht reichen, greifen sie einfach zum arabischen Wörterbuch - dann klappt's wieder.
Als die Stadt Lennestadt über das HANAH-Servicebüro anfing Paten für Flüchtlingsfamilien zu suchen, meldete sich auch Sabine Esleben. Und hilft den Rasouls seit ihrer Ankunft in Oberelspe, wo immer sie kann.

Erinnert sie sich noch an den ersten Besuch? „Natürlich“, sagt Sabine Esleben und holt tief Luft, „ich hatte ordentlich Herzklopfen. Aber Yousef ließ mich sofort ins Haus, verfrachtete mich auf die Couch zu seiner Familie – und von da an lief es einfach.“ Nachricht an die Mama im Libanon Inzwischen ist Sabine Esleben nicht nur die Patin der Familie, sondern ihre Freundin. Mehr noch, wie Sanaa Rasoul (42) strahlend in gebrochenem Englisch erzählt: Sie habe ihrer Mutter ein Foto über Handy geschickt, darauf sie mit Sabine im Arm. Dazu habe sie geschrieben: „Mama, ich habe eine neue Schwester gefunden.“
Das macht der kleinen Leja Spaß: Stundenlang könnte sie mit Sabine Esleben "Hoppe hoppe Reiter" spielen.
Herzlich ist das Verhältnis zwischen Sabine Esleben und der Familie Rasoul. Oft steht sie mit Sanaa in der Küche und quatscht – auf Englisch, Deutsch und etwas Arabisch. „Sie haben mir schon ein paar Worte beigebracht.“ Mit Lama spielt sie Jenga, die kleine Leja liebt es, bei „Hoppe hoppe Reiter“ auf ihren Knien zu hüpfen. Und wenn der Wortschatz mal nicht reicht, wird einfach zum arabischen Wörterbuch gegriffen.

„She is super!“ sagt Yousef Rasoul und grinst Sabine Esleben an. Das ist der 41-Jährigen genug Dank für ihre Mühen. Gerne geht sie dafür mit dem sechsjährigen Adam zum Fußball. Gerne begleitet sie dafür den 15-jährigen Ahmad zum Arzt, weil er von seiner Flucht zwei Abszesse am Fuß hat. Und gerne fährt sie dafür mit Sanaa einkaufen oder nimmt sie mit zum Sport. Freunde, Nachbarn und Bekannte helfen Und wenn sie mal nicht kann, springen immer wieder andere Oberelsper mit ein, wie Sabine Esleben erzählt: „Als die Kinder jetzt zur Schuluntersuchung nach Olpe mussten, hatte ich keine Zeit - da haben wir problemlos einen freiwilligen Fahrer gefunden.“

Und auch bei den nächsten Schritten wird die Oberelsperin ihrer syrischen Familie wieder helfend zur Seite stehen. Wenn die Kinder – wie sie sich sehnlichst wünschen – bald in die Realschule nach Grevenbrück bzw. in die Grundschule nach Oedingen gehen. Wenn die Rasouls neue Kontakte in Oberelspe schließen. Wenn die Familie bald an dem neuen Einsteiger-Kurs für die deutsche Sprache teilnehmen darf, der in drei Monaten 320 Stunden umfasst. „Denn das ist der größte Weihnachtswunsche der Familie: Dass sie Deutsch lernen“, weiß Sabine Esleben.
Spielstunde mit Leja und Lama. Im Hintergrund ein beleuchteter Weihnachtsbaum, den Sabine Esleben der Familie mitgebracht hat. "Sie feiern zwar kein Weihnachten, aber jede Dekoration, die ich ihnen mitbringe, hängen sie begeistert auf."
Und auch, wenn sie nicht immer persönlich vor Ort sein kann: Telefonisch ist sie für „ihre“ Familie Rasoul immer erreichbar. Als Patin. Und als Freundin.
Das Patenschafts-Modell in Lennestadt
-Die Patenschaften werden über das HANAH-Servicebüro vermittelt: 02723/608-220;
-60 verschiedene Unterkünfte gibt es derzeit im Raum Lennestadt;
-Etwa zehn Paten betreuen derzeit in Lennestadt eine Familie; einige weitere Interessenten stehen laut der Gleichstellungsbeauftragen Petra Peschke-Göbel in der Warteschleife;
-Die Verantwortlichen bei der Stadt prüfen immer genau, welche Familie zu welchem Paten passen könnte. Beim ersten Treffen sind sie als Vermittler mit dabei.
-Petra Peschke-Göbel ist von dem Patenschaftsmodell überzeugt: „Wir haben damit Neuland betreten. Aber wir wissen: Eine Patenschaft ist für beide Seiten ein großer Gewinn.“
Ein Artikel von Kerstin Sauer

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