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Lennestadt, Lennestadt-Altenhundem, 13. Juli 2015

Was macht ein Schützenfest eigentlich so besonders? Ein Selbstversuch

Die Faszination im Visier

Ging auf seiner Suche nach der Faszination des Schützenfests auch selbst an die Vogelstange: LP-Redakteur Sven Prillwitz.
Ging auf seiner Suche nach der Faszination des Schützenfests auch selbst an die Vogelstange: LP-Redakteur Sven Prillwitz.
Fotos: Matthias Clever.
Vor knapp zwei Jahren habe ich erstmals über ein Schützenfest berichtet. Seitdem war ich an zahllosen Vogelstangen dabei, als alte Könige gingen und neue ermittelt wurden – immer als außenstehender, als distanzierter Betrachter. Heute will ich das ändern. In Altenhundem tauche ich an diesem Montagmorgen für dreieinhalb Stunden in dieses Spektakel ein. Begebe mich in einer Art Selbstversuch auf die Suche nach den Gründen für die Faszination Schützenfest. Und erlebe mehrere Überraschungen.

Blechern, etwas dumpf klingt mein Name durch die Lautsprecheranlage der Sauerlandhalle. Die Durchsage übertönt den lauten, wirren Geräuschpegel aus aufgeregten Stimmen, vereinzelten Gesängen und Gläserklirren. Ich schiebe mich durch eine johlende, gut gelaunte Masse an Menschen. Spätestens jetzt bin ich mittendrin, und gleich werde ich selbst auf den Vogel schießen. Der Schützenverein Altenhundem hat mir diesen so genannten „Presseschuss“ im Vorfeld zugesichert. Als ich das Podium betreten will, hält mich der Mann am Mikro, Paul Brüggemann, kurz zurück: kein Zutritt mit Bierglas. Ich bin ernsthaft irritiert.
LokalPlus-Redakteur Sven Prillwitz mit Thomas Ludwig (links) und Werner Winterhoff (Mitte).
Biertrinken, das habe ich an diesem Tag sehr schnell gelernt, ist nämlich wichtig. Und mehr als das: „Das ist hier Tradition“, erklären der stellvertretende Vorsitzende Werner Winterhoff und Schriftführer Thomas Ludwig vor dem Antreten auf dem Marktplatz. Und drücken mir quasi zur Begrüßung ein Flaschenbier in die Hand. Ein Ritual, das sich in den kommenden dreieinhalb Stunden häufig wiederholen wird. Sehr spendabel, diese Schützenbrüder. „Alle sehen am dritten Schützenfesttag ein bisschen leidend aus, aber da muss jeder durch“, sagt Winterhoff dann auch und grinst. Viel Spaß, ein bisschen Reih und Glied In der Tat: Der eine oder andere sieht etwas angeschlagen aus. Der Stimmung auf dem Marktplatz tut das aber keinen Abbruch. Die rund 150 Schützenbrüder, die sich zum Antreten versammelt haben, lachen, grinsen und wirken aufgedreht. Fast vorfreudig. Ich hatte Reih und Glied erwartet, Ordnung und militärisches Pathos. Das gehört hier zwar dazu, spielt zu meiner großen Überraschung aber eine beinahe untergeordnete Rolle. Dass einem älteren Major in Anspielung auf einen fast schon zur Legende gewordenen Sturz feierlich-ironisch eine aufblasbare Gehhilfe überreicht wird, hätte ich im Vorfeld erst recht nicht erwartet.
Sorgte für zahlreiche Lacher: die aufblasbare Gehhilfe.
Ernsthaft geht es dagegen auf dem Podium zu. Nachdem ich mein Bierglas abgestellt habe – „aus Sicherheitsgründen“, wie mir Paul Brüggemann erklärt – weist mich Michael Ahrens kurz in den Gebrauch der Waffe ein. „Den Gewehrkolben in die Schulter drücken, über Kimme und Korn zielen und den Finger am Abzug sachte durchziehen“, erklärt der Schießmeister. Er scheucht noch einen Fotografen freundlich, aber bestimmt aus der Nähe des Gewehrs. Dann nehme ich – zum ersten Mal in meinem Leben – den bunten Holzvogel ins Visier. Von Weichholz und der Unmöglichkeit des Pfuschens Und erinnere mich an das, was ich eine gute Dreiviertelstunde zuvor – natürlich bei einem Bierchen – am Tisch für den Ehrenvorstand erfahren habe: Jeder Vogel ist anders, Pfusch ist beim Schießen ausgeschlossen. Sagt Johannes Horn, Spitzname „Der Säger“. Er muss es wissen, denn er liefert das Holz für den Aar: Weichholz, keine Äste. Um die Gefahr von Querschlägern zu minimieren. Und um den „strengen Auflagen“ für das Schießen nachzukommen. Dann diktiert mir der Ehrenvorsitzende eine Erklärung in meinen Schreibblock: Dass es der „größte Fehler“ meines Lebens sei, bisher das Schützenfest in Altenhundem nicht mitgefeiert zu haben.
Sven Prillwitz im Gespräch mit Rolf Redecker.
Ich kontere mit der Frage danach, was die Faszination dieses Brauchtums überhaupt ausmacht. „Die Gemeinschaft“, sagt Horn und bezeichnet das Schützenfest als „Appendix des Lebens“. Rolf Redecker, am Samstag für seine Verdienste um das Schützenwesen noch vom Sauerländer Schützenbund ausgezeichnet, fügt den Aspekt Alternativlosigkeit hinzu. „Da wird man reingeboren, das ist keine Entscheidung, die man fällt.“ Wenn die Familie im Schützenverein ist, ist der eigene Eintritt genetisch bedingt, so Redecker. Willkommene Alternativlosigkeit Klingt für mich nicht nach Faszination, sondern nach einer Mischung aus Brauchtum und Zwang. Allerdings ist die „Alternativlosigkeit“ nur die eine Hälfte der Antwort, die mir meine Gesprächspartner an diesem Tag auf die Frage nach der Faszination des Schützenwesens liefern. Die andere Hälfte, der vielleicht sogar häufiger genutzte Begriff, ist Gemeinschaft. Dazu gleich mehr.

„Ziel auf den Apfel, den kannst du eigentlich gar nicht verfehlen“, sagt Schießmeister Michael Ahrens noch. Von wegen: Ich unterschätze den Rückstoß des Gewehrs, verreiße die Waffe ein Stück. Die Kugel schlägt links neben dem Kopf des Vogels ein. Nicht mal um einen einzigen Splitter habe ich das Wappentier gebracht. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir das Schießen einfacher vorgestellt. Wesentlich einfacher sogar. So viel dazu. Punkrock auf dem Schützenfest Immerhin: Jetzt habe ich einem gestandenen Schützenbruder aus Altenhundem etwas voraus. Der bärtige Mittdreißiger, der sich „R.D.“ nennt, hat in seinem ganzen Leben noch nicht mit scharfer Munition geschossen und will das auch nicht tun. „Ich bin kein Militarist“, sagt er. Auch Ordensverleihungen bleibe er konsequent fern. Dass er überhaupt hier ist, überrascht mich schon mit Blick auf seine Kleidung: Lederjacke mit Buttons, zwei Aufnäher („Die Toten Hosen“ und ein durchgestrichenes Hakenkreuz), dazu ein T-Shirt mit der Aufschrift „Good Night White Pride!“
Punkrock, Schützenfest und - natürlich - Bier: Anstoßen mit "R.D."
Ein Punkrocker mit Antifa-Attitüde, ein politisch eher linksaußen angesiedelter Mensch mitten in einer Feier konservativen Brauchtums? „Das ist ein Widerspruch, ich weiß“, sagt „R.D.“, stößt mit mir an und trinkt einen Schluck Bier, „aber das hier ist ein sehr liberaler, ein sehr lockerer Verein.“ Das habe auch der Appell am Ehrenmal am Samstag bewiesen, als es um Frieden ging. Und darum, Menschen auf der Flucht nicht abzulehnen, sondern ihnen zu helfen. Alles unter dem Aspekt der Gemeinschaft. Und des Wiedersehens: „Viele Leute wohnen nicht mehr hier, aber zum Schützenfest kommen alle hierhin und treffen sich. Das gibt´s sonst nur über Weihnachten“, sagt „R.D.“. Und schiebt hinterher, dass das Schützenfest „natürlich wichtiger“ sei. Die Glaubensfrage: Weihnachten oder Schützenfest? Die Glaubensfrage, welche Tradition den höheren Stellenwert hat, bleibt an diesem Montag unentschieden. Bürgermeister Stefan Hundt schüttelt den Kopf. „Um das zu klären, bedarf es eines klaren philosophischen Bekenntnisses“, sagt er und lacht. Und nennt ebenfalls den Aspekt Gemeinschaft als Grund für die Faszination des Schützenwesens. So wie beispielsweise auch der Vorsitzende der Altenhundemer Schützen, Christoph Brüggemann, Michael „Mini“ Ohm aus der Königskompanie und Pfarrer Christoph Gundermann. Durch den Zusammenhalt, sagt Letzterer, sei es möglich, innezuhalten und die Werte Glaube, Sitte und Heimat zu verinnerlichen. „Schützenfest und innehalten?“, frage ich über den Party-Lärm und mit Blick auf die Biergläser in unseren Händen ungläubig. „Ja, denn es gibt immer eine Messe zum Auftakt. Eine gut besuchte Messe“, fügt der Pfarrer hinzu.
Pfarrer Christoph Gundermann: "Ich habe keine Ambitionen, den Vogel zu schießen. Das wäre ja auch schwierig mit der Königin."
Auch die wenigen Personen, die inmitten des Festtrubels an diesem Montag arbeiten müssen, sind Teil dieser Gemeinschaft – und ebenfalls gut gelaunt. Das Reinigungspersonal freut sich über die Wertschätzung, die Besucher ihnen und ihrer Arbeit gegenüber mehrfach äußerten, und über die Leute. „Das ist natürlich anstrengend, aber man erlebt auch eine Menge lustige Sachen“, sagt eine der beiden Frauen. Details will sie aber nicht nennen. Party-Ritual der Thekenmannschaft Und die Schwerarbeiter dieses Schützenfestes, die Angestellten hinter den Tresen und mit den Getränketabletts? Sie wirken gelassen, routiniert und ebenfalls gut gelaunt. Auch weil sie sich ein eigenes Party-Ritual zugelegt haben: Polo-Shirts mit aufgedruckten Zifferblättern auf dem Rücken. Der einzige Unterschied: Jeder Minutenzeiger hat einen anderen Stand. Passt dieser zur Zeit, die die Uhr über der Theke anzeigt, muss der Träger des passenden Shirts eine Runde Bier für die übrigen Kellner schmeißen. Sofern der Ansturm der Durstigen es zulässt, versteht sich. Ausdauer ist gefragt: Bis 2 Uhr nachts könne der Ansturm auf den Tresen dauern.
Die Schützen bejubeln ihren neuen Regenten.
Mittlerweile steht mit Andreas Eickelmann der neue Schützenkönig fest. Die dreieinhalb Stunden sind plötzlich um. Die Jungschützen und einige andere Mutige stehen auf den Bierbänken und feiern ihren frisch gebackenen Regenten, in der Sauerlandhalle herrscht Fußballatmosphäre. Die Gemeinschaft feiert, tanzt und lacht. Einige liegen sich in den Armen, stoßen an. Das ist sie also, die Faszination Schützenfest. Eine freche Prognose und zwei Ratschläge Aber noch nicht ganz. Zwei Tipps hat Christoph Brüggemann noch für mich. Einen für das Vogelschießen: „Lullibulli kannst du das nicht machen, das ist ja schließlich auch ein Großkaliber“, sagt der 1. Vorsitzende und kündigt an, im kommenden Jahr König werden zu wollen – mit dem 83. Schuss. Und dann überrascht er mich noch einmal. „Um das hier mitzumachen, braucht man Kondition und Begeisterung. Und man muss ein bisschen einen an der Waffel haben“, sagt Brüggemann und grinst, als er mir zum Abschied die Hand gibt.
Ein Artikel von Sven Prillwitz

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