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Lennestadt, Lennestadt-Halberbracht, 19. September 2015

Nach dem neuen Album, vor der neuen Tour: Kai Wingenfelder im Interview

„Auf Tour muss man auch zum Spießer werden“

Die Band
Die Band "Wingenfelder" tritt im Rahmen ihrer Tour auch in Lennestadt auf.
Foto: Wingenfelder
Von Rock zu Pop, von „Fury in the Slaughterhouse“ zu „Wingenfelder“: Das ist, grob umrissen, die musikalische Geschichte von Thorsten und Kai Wingenfelder. Die beiden Brüder und Songwriter haben Anfang September das mittlerweile dritte „Wingenfelder“-Studioalbum veröffentlicht, das den Titel „Retro“ trägt und ab Mitte November auf gleichnamiger Tour ausgiebig auf seine Live-Tauglichkeit getestet wird. Auf dem Plan steht auch ein Zwischenstopp im Sauerland: Am 4. März tritt „Wingenfelder“ in der HJE-Festhalle in Lennestadt-Halberbracht auf. Im Interview mit LokalPlus-Redakteur Sven Prillwitz hat Kai Wingenfelder über das neue Album, den digitalen Vertrieb von Musik, das Leben auf Tour und das Publikum im Sauerland gesprochen.

Euer neues Album ist seit ein paar Tagen draußen. Ist es das geworden, was ihr euch davon erhofft habt?
Das wissen wir noch nicht genau. Es ist ein Experiment geworden, weil wir mit so vielen Facetten gearbeitet haben und mit zwei so unterschiedlichen Produzenten (Ralf C. Mayer und Paul Grau, Anm. d. Red.). Das, was wir wollten, ist aber grundsätzlich herausgekommen: ein Album, das textlich mehr in Richtung unseres ersten Albums geht und musikalisch mehr in Richtung Pop. Es ist eine kontroverse Platte.
Nach dem ungeschriebenen Gesetz der Musikbranche, wonach sich eine Band mit dem schwierigen zweiten Album für eine musikalische Richtung entscheide, habt ihr also mit Pop euren Weg gefunden?
Die Plattenbranche redet da Blödsinn. Ich weiß nicht, was als nächstes kommt. Vielleicht Krawallgitarren und ein Rockalbum. Wichtig ist es, sich neu zu erfinden.
Zwölf Songs haben es auf das neue Album geschafft. Worum geht es in den Texten?
Wir wollen Geschichten erzählen, das ist unsere Stärke. Sachen, die wir selbst erlebt haben, oder Sachen, in die wir uns gut hineinversetzen können. Wenn es darum geht, Texte zu schreiben, unterscheiden mein Bruder und ich uns, das macht das Album auch aus. Ich mag es eher, wenn ein Text nicht ganz klar ist und sich Leute in den Zeilen selbst wiederfinden können. „Du willst es doch auch“ und „Mein Hafen“ sind meine Lieblingsstücke auf der Platte.
Beim Blick auf die Tracklist fällt der Titel „Beste Band der Welt“ ins Auge. Macht ihr den „Ärzten“ ihren Slogan streitig und erhebt selbst Anspruch, die Besten zu sein?
Nichts von beidem. Als mein Bruder damals zu Schulzeiten seine erste Band hatte, wurde er auf dem Schulhof von den Mädchen anders angeguckt als vorher und hat sich wie ein Rockstar gefühlt. Das war eine große Zeit für ihn, sagt er, und es hat sich damals so angefühlt, als sei es die beste Band der Welt (lacht).
Liest man die Ankündigung zu eurem neuen Album, klingt es so, als ob ihr keine Freunde des Streamings und des digitalen Kaufs einzelner Lied seid. Warum nicht?
Ein digitaler Download ist in Ordnung, da gehen rund 70 Cent pro Song an den Musiker. Aber mit dem Streaming habe ich meine Probleme. Der Künstler investiert ein Jahr oder mehr in eine Platte, kriegt aber nichts dafür, und das ist nicht okay. Streaming macht mittlerweile 50 Prozent der digitalen Musik aus. Die Plattenfirmen haben diese Entwicklung verpennt. Mittlerweile ist Apple der größte Streaming-Anbieter, und das ist ´ne Computerfirma. Mit Streaming klauen die Anbieter dem Musiker seine Musik und glauben, das können sie mit 0,01 Cent pro Klick bezahlen? Davon können Künstler und Kultur nicht leben.
Von Mitte November bis Mitte März nächstes Jahres seid ihr auf „Retro“-Tour. Wie bereitet man sich darauf vor und wie schafft man es überhaupt, an bis zu fünf Abenden hintereinander auf der Bühne zu stehen?
Man probt vorher viel und muss sich auch mental darauf vorbereiten. Wichtig ist Disziplin, denn eine Tour kann anstrengend sein. Man trinkt ja auch mal gerne einen, aber das muss ich mir bei einem Fünfer-Block schenken. Sonst hängst du hinterher schnarchend im Hotel, ziehst die Klimaanlagen-Luft und die Stimme ist weg. Man muss also auf Tour auch mal zum Spießer werden. (lacht).
Gibt es eine feste Setlist, oder tauscht ihr Lieder aus, um auf der Bühne nicht zu sehr in Routine zu verfallen?
Wir tauschen am Anfang einer Tour mehr als am Ende und schieben viel. Wenn das Programm aber einmal richtig eingespielt ist und beim Publikum zieht, ziehen wir das auch durch. Den guten Flow willst du ja beibehalten.
Dürfen Fans von „Fury in the Slaughterhouse“ sich eigentlich auf das eine oder andere Lied von damals freuen, oder ist das Kapitel endgültig abgeschlossen?
Noch dürfen sie sich freuen. Im Moment ist es noch so, dass wir einige „Fury“-Lieder spielen, die die Leute gerne hören und die wir selbst geschrieben haben.
Vor knapp zwei Jahren seid ihr in Finnentrop aufgetreten, jetzt ist Lennestadt an der Reihe. Was macht das Sauerländer Publikum aus?
Wir sind gerne da und haben im Sauerland noch nie ein beschissenes Konzert gespielt. Da herrscht eine warme Atmosphäre. Solange man auf der Bühne steht und alles gibt, hat man immer einen schönen Abend. Das Publikum ist sehr dankbar dafür, geht voll und mit und gibt einem Musiker das, was er braucht: gute Stimmung und Applaus. Die Sauerländer können gut Party machen.
(LP)

Bildergalerie: „Auf Tour muss man auch zum Spießer werden“