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Kreis Olpe, 30. November 2018

Gruppen-Selbstversuch

Wie lebt es sich im Alltag mit einer Behinderung?

Die vier Mädels testeten in Altenhundem, welche Hürden man  als Mensch mit Behinderung meistern muss.
Die vier Mädels testeten in Altenhundem, welche Hürden man als Mensch mit Behinderung meistern muss.
Foto: Christine Schmidt
Altenhundem. Eine ungewöhnliche Truppe ist jetzt durch Altenhundem gezogen: Das eine Mädchen mit einer Schlafmaske vor den Augen, das zweite mit neonfarbenen Stöpseln im Ohr, die Dritte schob ihre Freundin im Rollstuhl. Vier FSJ’lerinnen (Freiwilliges Soziales Jahr) im Selbstversuch: Wie ist es eigentlich, mit einer Behinderung im Alltag klar zu kommen?

Unter dem Thema „Leben mit Behinderung“ sollen die vier Mädels, die im Jugendhof Pallotti Lennestadt ein einwöchiges Seminar absolvieren, den Selbstversuch wagen. „Wir arbeiten jeden Tag mit beeinträchtigten Menschen“, erklärt Maren Kinkel aus Olpe. „Jetzt sollen wir selbst die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt.“ Als Rollstuhlfahrer muss man sich selbst Platz machen Jennifer Rüsche, die die Rolle der Rollstuhlfahrerin übernimmt, versucht in einem Schuhgeschäft durch die Reihen zu kommen. Aber überall stehen Sitzbänke. Für Jennifer ein Problem. Sie kommt nur schwierig daran vorbei. Den Platz muss sie sich selbst schaffen.

Auch an die Schuhe in dem oberen Regal kommt sie nicht. „Das ist für alle Rollstuhlfahrer ein Hindernis. Wenn Produkte oben positioniert sind, kommt man da nicht ran“, so die Olperin. Die Menschen sind immer auf Hilfe angewiesen.
Michelle Petunin führt die "blinde" Jennifer Rüsche durch die Stadt.
Für Blinde ist es generell ein Problem, allein unterwegs zu sein, stellt die Gruppe fest. Einen Blindenstock gibt es für die Testgruppe nicht. Deshalb lässt sich Maren Kinkel von Michelle Petunin führen. „Ich komme mir so hilflos vor. Ich weiß ja nie, wo wir gerade sind.“ Ängstlich und zögerlich tippelt sie über den Gehweg. „Wo sind wir?“, fragt sie ständig nach.

Auch beim Punkt Blindenschrift gibt es großen Nachholbedarf. Ob bei gekauften Produkten oder gar an Bushaltestellen – blinde Menschen sind auf die Hilfe anderer angewiesen. „Man muss anderen oft vertrauen“, sagt Michelle Petunin, „ich weiß doch beispielweise nie, wie viel Wechselgeld ich wirklich zurückbekomme.“ Straßen überqueren stellt oft ein Problem dar Die Gruppe zieht weiter Richtung Bahnhof und muss die Straße zweimal überqueren. Da die Fahrzeuge sehr laut sind, sind die akustischen Ampelsingale kaum hörbar. Für blinde Menschen sehr riskant.

Aber auch Michelle Wuntke, die jetzt im Rollstuhl sitzt, hat es schwer. Sie versucht, die Straße auf eigene Faust zu überqueren. Sie ist mit dem „Rolli“ zu langsam, sodass die Ampel schon wieder auf Rot geschaltet hat.

Sie hängt am Bordstein fest und schafft es nicht, mit eigener Kraft diese Hürde zu überwinden. Ein Lkw, der vor ihr steht, will weiterfahren. Da es nur eine gestellte Situation ist, steht Michelle auf, nimmt den Rollstuhl und hebt ihn über die Kante. Für sie machbar, für beeinträchtigte Menschen nicht.Weihnachtsmärkte könnten zum Problem werden„Es ist wirklich anstrengend, allein klarzukommen“, sagt Michelle. Denn nur mit der Kraft der Arme kann man sich fortbewegen. Bergauf zu fahren ist da fast unvorstellbar.

Passend zur Adventszeit testen die vier Mädels auch die Zugänglichkeit auf dem Weihnachtsmarkt. Für eine gemütliche Atmosphäre sind dort, bis auf einen kleinen Weg, überall Hackschnitzel verteilt. Für Menschen, die im Rollstuhl sitzen, wird das zu einem Kraftakt. Maren Kinkel versucht angestrengt die dünnen Reifen durch die tiefen Späne zu bewegen. Kein Vorankommen. Sie versinkt darin.
Maren Kinkel kommt mit dem Rollstuhl nur schwer durch die Hackschnitzel.
Viele Hürden gibt es auch besonders vor Geschäften: die Treppenstufen. Maren Kinkel will herausfinden, ob und wie schnell Rollstuhlfahrern geholfen wird. Vor dem Optik-Geschäft versucht sie vergebens die kleine Stufe zu bezwingen. Es dauert nur ein paar Sekunden, da eilt ihr eine Verkäuferin zu Hilfe. Die Frau erklärt, dass es auch extra eine Rampe und im hinteren Bereich des Ladens einen barrierefreien Eingang gibt.

So wie hier macht die Gruppe in vielen Geschäften weitere positive Erfahrungen: Die Tür wird aufgehalten, der Rollstuhl hineingehoben oder der Aufzug gezeigt.
Die vierköpfige Gruppe ist sich einig: Viele Leute sind hilfsbereit, aber auf diese Hilfe sind beeinträchtigte Menschen auch in vielen Situationen angewiesen. Ohne Hindernisse in die Stadt zum Einkaufen zu gehen, ist so gut wie immer mit Problemen verbunden.
Info:
Der Versuch, als gehörloser Mensch den Alltag zu meistern, konnte laut Gruppe nur schwer umgesetzt werden, da die Ohrstöpsel die Hör-Funktion nur leicht beeinträchtigten.

Der Rollstuhl wurde von dem Sanitätshaus Fritsch zur Verfügung gestellt.

Die Gruppenarbeit gehört zu einem Seminar des In Via Bildungswerks, das momentan im Jugendhof Pallotti Lennestadt stattfindet.
Ein Artikel von Christine Schmidt

Bildergalerie: Wie lebt es sich im Alltag mit einer Behinderung?