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Kreis Olpe, Kreis Olpe, 22. August 2015

Die Kolumne von Lucas Schwarz: Teil 1

Warum ich das Fach Geschichte abwählen musste

Neue Kolumne: Ein Schüler
Am Ende werden ihm zwei Schuljahre fehlen: Die 3. Klasse, die er übersprungen hat, und ein Jahr am Gymnasium. Lucas Schwarz macht am Städtischen Gymnasium das so genannte G8- oder „Turbo-Abitur". Der 15-Jährige bezeichnet sich selbst als Film-Junkie, spielt Gitarre - und liebt das Schreiben. Diverse Kurzgeschichten, sogar zwei Romane hat er bislang verfasst, peilt die Teilnahme an Poetry Slams an. Bei LokalPlus erscheint ab sofort immer samstags die Kolumne des jungen, unbekannten Schriftstellers aus Lennestadt.

Wussten Sie, verehrter Leser, eigentlich, dass die heutige Stadt Istanbul, die ehemalige Hauptstadt des osmanischen Reiches, im jahrhundertelangen Verlauf ihrer Geschichte mal den Namen Adrianopel, dann Didymoticho, dann Bursa, dann Söğüt und erst dann die deutlich bekannteste Form, Konstantinopel, trug?
Wussten Sie ferner, dass in der Zeit der Qin-Dynastie im chinesischen Kaiserreich – gut 200 Jahre vor der Geburt Jesu Christi – schon groß angelegte Bücherverbrennungen von Werken der Unterstützer und Taktgeber des Konfuzianismus gab?

Und ganz sicher wissen Sie auch so einiges über den indigenen Stamm der Bororo, die im Südwesten Brasiliens und in Bolivien leben und sich mit der auch noch von anderen indigenen Völkern Südamerikas genutzten Sprache Macro-Ge verständigen...

Ja, all das ist in ihrem umfangreichen geschichtlichen Wissensschatz vertreten, wirklich? Dann kann ich Ihnen mit ziemlich großer Sicherheit sagen, dass Sie diese drei wirklich interessanten Informationen nicht im schulischen Geschichtsunterricht gelernt haben. Und wenn Sie noch nie von einer dieser drei Informationen gehört haben, dann wissen Sie vielleicht wenigstens schon, auf was ich hinaus will. Leichtes Spiel in den ersten Jahren Ich mochte Geschichtsunterricht früher sehr gerne. Ich hatte immer nette Lehrer in diesem Fach, und es war recht einfach, an gute Noten zu kommen, denn ich interessierte mich immer auf einem genau richtigen mittleren Level für die Themen, konnte ganz gut frei sprechen und diskutieren und schreib- und lesefaul war ich auch nicht. In Geschichte hatte ich in den ersten Jahren meiner gymnasialen Schullaufbahn immer leichtes Spiel.

Doch irgendwann, es muss in der 8. Klasse gewesen sein, wendete sich mein Bild von diesem Fach vom einen aufs andere Mal und ich baute leistungs- und aufpasstechnisch immer mehr ab, bis ich schließlich nur noch lustlos rumsaß und auf den Gong wartete. Was war geschehen?

Nunja, ich hatte begonnen, mich in meiner Freizeit selbst mit dem Thema auseinanderzusetzen. Angeheizt durch meine damalige Leidenschaft für Fantasy- und Historienliteratur las ich mich (vornehmlich im Internet, aber auch in dem ein oder anderem der Stadtbücherei entliehenen Sachbuch) in die auf den ersten Blick absurdesten Themen hinein und hatte einen Heidenspaß damit. Eigener Wissensdurst öffnet den Horizont Ich informierte mich zur bloßen Erheiterung und aus Wissbegierde über die Geschichte des Orients, über chinesische Schlachtschiffe und die Siedler in Nordamerika. Ich las Berichte über das alte Ägypten, aber auch Augenzeugen-Interviews über US-Soldaten, die im zweiten Weltkrieg in Korea gewesen waren. Das Medium Text war dabei wichtig, aber ich schaute mir auch reihenweise Dokumentationen auf YouTube an, manchmal zu bloßen Entspannung, und auch fing ich an, TV-Serien wie Mad Men oder Vikings zu schauen, die sehr detailliert und spannend, aber auch durchaus wissensvermittelnd vom Leben im New York der 60er erzählten – oder eben auch von jenem im Frühmittelalter, in der Wikingerzeit.

Und da ging mir das Lichtlein auf, dass man im schulischen Geschichtsunterricht in Deutschland irgendwie etwas falsch macht. Ich sträubte mich immer mehr dagegen, mir zum zehntausendsten Mal etwas über den BDM oder die „Zukunftsstadt“ Germania oder sonstwas aus dem Dritten Reich anzuhören... und schaltete mehr und mehr auf Durchzug.

Denn es ist nicht so, dass die Behandlung dieser Themen, der Themen, die sich in unserem eigenen Land und in unseren Nachbarländern abgespielt haben, falsch wäre – um Gottes Willen, nein. Zu viele Wiederholungen des immer gleichen Stoffs Aber es ist einfach irgendwann genug damit. Ab einem gewissen Punkt der Wiederholung, zum Beispiel wenn zum vierten Mal in drei Jahren Geschichtsunterricht über die Shoa redet, hat man es doch endlich mal begriffen, denke ich.

Ich finde, es gibt so viele interessante und wissenswerte geschichtliche Themen da draußen, so viele verschiedene Kulturen, die alle ihre eigene große Historie haben und die eigene tolle Geschichten und außergewöhnliche Infos mit sich bringen, dass es eine Schande ist, sie einfach nicht in den mit der deutschen Geschichte vollgepackten Lehrplan zu lassen.

Denn, es ist natürlich nicht wichtig, dass Sie wissen, dass Schüler wissen, welche Namen Konstantinopel vor dem Namen Konstantinopel trug, wie es um die Bücherverbrennungen im chinesischen Kaiserreich bestellt war oder was die Leute vom Volk der Bororo aus Brasilien auszeichnet – mein Kritikpunkt ist einfach, dass man im Geschichtsunterricht nicht mal den Hauch einer Chance bekommt, sich dieses Wissen irgendwie anzueignen. Konsequenz: Geschichte als Fach abgewählt Also habe ich letztes Jahr zum Eintritt in die Einführungsphase das Fach Geschichte abgewählt. Privat setze ich mich gerne weiter mit geschichtlichen Themen auseinander, in der Schule tue ich mir das aber nicht weiter an.

Nicht alle haben das so gemacht, es gibt sogar Leute bei uns, die haben einen Geschichts-Leistungskurs gewählt. Um die Themenauswahl in diesem LK ist es aber anscheinend auch nicht so rosig bestellt: erst gestern berichtete mir ein Freund, der in eben diesem Kurs sitzt, dass man jetzt erstmal das Kaiserreich machen wolle. Danach käme man dann – „endlich wieder“, wie er bewusst scherzte – zu den Nazis.

Und vor etwa einer Woche saß ich zum ersten Mal in einem meiner eigenen Leistungskurse, dem im Fachbereich Englisch. Dort ging es um den American Dream und im Zuge dessen auch um die großen Traumata, die ihn für die amerikanische Bevölkerung fast zerstört hätten bzw. für so manche Bewohner zerstört haben. Vietnam-Krieg, steht da natürlich auch im Text, und jemand zeigt auf und sagt es als Beispiel. Und was kriegt er vom Lehrer zurück? „Don't talk about Vietnam, you don't know anything about it.“

Tja, warum wohl?

(LP)

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