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Kreis Olpe, Kreis Olpe, 18. Juli 2015

Versorgung mit Haus- und Fachärzten im Kreisgebiet "noch" gut

Praxissterben vorprogrammiert

Praxissterben jederzeit möglich
Symbolfoto: © Minerva Studio / Fotolia
Die Versorgung der Einwohner im Kreis Olpe mit niedergelassenen Ärzten ist gut. Auch in näherer Zukunft ist laut Kassenärztlicher Vereinigung keine dramatische Veränderung in Sicht. Das gilt sowohl für die Anzahl der Hausärzte als auch für die Fachärzte. Mediziner vor Ort sehen das etwas anders. Die Altersstruktur gibt durchaus Anlass zur Sorge.

Als stabil und ausreichend bezeichnet die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), die für die Zulassung von Niederlassungen zuständig ist, die hausärztliche und allgemeine fachärztliche Versorgung im Kreisgebiet. Im Bereich Olpe (einschließlich Wenden und Drolshagen) praktizieren zurzeit 33 Hausärzte. Das ergibt laut KVWL einen optimalen Versorgungsgrad von 100,7 Prozent. 100 Prozent entsprechen einem Hausarzt für 1671 Einwohner, erklärt KV-Sprecherin Mona Dominas. Sinkt die Quote unter 75 Prozent, gilt eine Region als unterversorgt.

In Lennestadt (mit Finnentrop und Kirchhundem) sorgen 39 niedergelassene Allgemeinmediziner mit 121,1 Prozent sogar für eine leichte Überversorgung (ab 110%). Attendorn liegt mit 98,1 Prozent bzw. 14 Ärzten immer noch nahe am Optimum. „Problematischer wird es mit einem Blick auf die Altersstruktur“, so Dominas: „So sind z.B. rund 33 Prozent der Hausärzte im Bereich Lennestadt bereits über 60 Jahre alt. Wir müssen davon ausgehen, dass diese in den nächsten Jahren versuchen werden, einen Nachfolger für ihre Praxen zu finden.“ Gelingt dies aufgrund der schwierigen Nachwuchssituation nicht, könne sich die Versorgungssituation perspektivisch verschlechtern, so die KV-Sprecherin weiter. Nachfolger auf dem Land
kaum zu finden
„Es gibt Kollegen, die schon eine ganze Weile Nachfolger für 2016 und -17 suchen“, weiß Dr. Martin Junker. Nicht jeder habe das Glück, dass die eigene Tochter die Praxis übernehme, so der Olper Allgemeinmediziner. Der Bezirksstellenleiter der KV hält deshalb Prognosen für schwierig. Niemand könne voraussagen wie lange ein Arzt praktizieren wolle: „Wenn nur zwei oder drei der Über-60-Jährigen plötzlich aufhören, ist eine Region ganz schnell unterversorgt.“ Damit ist das Praxissterben im ländlichen Raum quasi vorprogrammiert.

Auch die Versorgung mit Fachärzten gibt mit Blick auf die Altersstruktur Anlass zur Sorge. Die reinen Bestandszahlen sich „noch“ sehr gut: Am besten versorgt sind die Patienten im Kreis Olpe mit Chirurgen (8 Ärzte bzw. 148,1%), am schlechtesten mit HNO-Ärzten (4 bzw. 94,7%). Von Unterversorgung sprechen KV und Gesetzgeber bei Fachärzten erst ab unter 50 Prozent.

Betrachtet man das Alter der niedergelassenen Fachärzte, ergibt sich ein anderes Bild. „Zum Beispiel sind rund 38 Prozent der Frauenärzte im Kreis Olpe bereits über 60 Jahre alt“, weiß Mona Dominas. Wenn keine Nachfolger gefunden werden, ist in den nächsten Jahren mit einem Engpass zu rechnen. Urologen, HNO- und Nervenärzte im Kreisgebiet sind durchweg mindestens 50 Jahre alt. 14,3 Prozent der Augenärzte sind bereits über 70. Einzig bei den Kinder- und Jugendmedizinern sowie bei den Psychotherapeuten reicht die Altersspanne von unter 35 bis zum Rentenalter, bei den Kinderärzten allerdings mit Lücken. Unterversorgung jederzeit möglich Dr. Rainer Pfingsten, Sprecher des Ärzteverbundes Südwestfalen, sieht die Zahlen insgesamt dennoch kritisch. Zwar sei die Versorgung noch zufriedenstellend, im Detail ergebe sich aber ein anderes Bild. Und dabei geht es nicht allein ums Alter. „Ich bin 75 und arbeite immer noch als Gynäkologe“, so Pfingsten. Es gibt sehr viel mehr Frauen als Männer in den Praxen, so der Attendorner Mediziner. Und die haben aufgrund von Eltern- und Erziehungszeiten deutlich weniger Lebensarbeitszeit als Männer. Allein dadurch könnten sich vor allem im Bereich der hausärztlichen Versorgung auch kurzfristig Lücken ergeben.

So sei es zwingend erforderlich, junge Leute in den Kreis zu holen, so Dr. Pfingsten: „Wir müssen ein vernünftiges und lebenswertes Umfeld schaffen, denn an einem Arzt hängt immer auch eine Familie.“ D.h. nicht nur die Patientenzahl einer Praxis ist für die Ansiedlung entscheidend. Auch das schulische Angebot, berufliche Möglichkeiten für den Partner, Kultur und vieles mehr spielen dabei eine Rolle.

Eine Möglichkeit, Ärzte für die Region zu begeistern, sieht Pfingsten in einer engeren Zusammenarbeit von Krankenhäusern und Praxen: „Wenn wir keine Ärzte in die Krankenhäuser bekommen, werden sich auch keine in der Region niederlassen, denn das tun sie ja eher in einer Gegend, die sie schon kennen.“ Ein wichtiger Teil der Facharztausbildung – auch für Allgemeinmediziner – erfolgt bekanntlich an den Kliniken.
Hilfe bei Praxisübernahme
Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe sieht die Vresorgugn mit niedergelassenen Ärzten im ländlichen Raum durchaus bedroht. Deshalb wurde eine eigene Nachwuchskampagne auf den Weg gebracht.

Herzstück ist die Homepage www.praxisstart.info. Hier finden junge Mediziner Informationen, die sie für einen gelungenen Einstieg in die ambulante Versorgung benötigen.

Darüber hinaus hat die KVWL eine Vielzahl an Förderungen ausgerufen, um den Beruf des Hausarztes wieder attraktiver zu machen. Die Palette reicht von Praktika über Stipendien bis hin zur Kostenübernahme bei Umzug, Förderung der Praxisübernahme u.a.m.
Ein Artikel von Volker Lübke

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