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Kreis Olpe, Kreis Olpe/Siegen, 21. April 2016

Vortrag zum Thema Flucht: Nahost-Experte fordert Kooperation und Integration

Deutliche Appelle für eine europäische Lösung

 „Wir brauchen einen vernünftigen europäischen Verteilungsschlüssel. Es kann doch nicht sein, dass Ungarn insgesamt weniger Flüchtlinge aufnimmt als der Kreis Siegen-Wittgenstein in einem Jahr“, so die deutliche Aussage von Gastreferent Prof. Dr. Andreas Dittmann vom Institut für Geographie der Universität Gießen.
„Wir brauchen einen vernünftigen europäischen Verteilungsschlüssel. Es kann doch nicht sein, dass Ungarn insgesamt weniger Flüchtlinge aufnimmt als der Kreis Siegen-Wittgenstein in einem Jahr“, so die deutliche Aussage von Gastreferent Prof. Dr. Andreas Dittmann vom Institut für Geographie der Universität Gießen.
Foto: IHK Siegen
Es waren deutliche Botschaften, die Prof. Dr. Andreas Dittmann (Institut für Geographie der Universität Gießen) den rund 100 Gästen aus Unternehmen, Politik und allen Teilen der Gesellschaft jetzt bei der IHK Siegen vermittelte. „Wir brauchen einen vernünftigen europäischen Verteilungsschlüssel“, forderte der ausgewiesene Experte in Sachen Naher Osten bei seinem Vortrag über Ursachen und Hintergründe der Flüchtlingswelle. Und betonte die Wichtigkeit einer gelingenden Integration der Asylbewerber.

„Wenn Europa sich nicht einigt, werden weitere Flüchtlinge zu uns kommen“, machte Dittmann die Notwendigkeit eines europäischen Miteinanders im Umgang mit der Krise deutlich. Dittmann geht davon aus, dass die derzeitigen Fluchtbewegungen nur ein Beginn seien und der „sekundäre, familiär bedingte Flüchtlingszustrom“ erst noch kommen wird. Und für den Umgang damit bedürfe es guter Strategien. „Wir brauchen einen vernünftigen europäischen Verteilungsschlüssel. Es kann doch nicht sein, dass Ungarn insgesamt weniger Flüchtlinge aufnimmt als der Kreis Siegen-Wittgenstein in einem Jahr.“

Neben einer europaweiten gerechten Verteilung sei ebenso eine kluge, europäisch einheitliche Außenpolitik erforderlich, die dabei helfe, den Konflikt zu befrieden. „Sich dabei an Deutschland und Frankreich zu orientieren“, rät Dittmann den Europäern. Und eine Warnung hatte der Professor an die Politik: Wenn man nicht wolle, dass die zweite Generation der Einwanderer – gleich welcher Herkunft – sich genauso verloren fühle wie in Molenbeek, dann müsse man alles dafür tun, dass die jungen Einwanderer hier integriert werden. Integration in der Berufswelt Da war er mit Felix G. Hensel, Präsidenten der IHK Siegen, einer Meinung. Dieser hatte zu Beginn der Veranstaltung betont: „Für uns als Wirtschaft gibt es zur Integration derjenigen, die auf Dauer hier leben werden, keine sinnvolle Alternative.“ Und dies geschehe eben am besten über den Beruf. „Deshalb gilt es, alles zu tun, dass derjenige, der arbeiten will und kann, dies auch darf. Und denjenigen zu helfen, die noch Unterstützung brauchen vom Sprachkurs bis zum Schulabschluss, damit sie dauerhaft in Arbeit kommen können“, forderte Hensel. Da fehle es nach wie vor an Systematik und an den dafür notwendigen finanziellen Mitteln.

Die Flucht aus Syrien und anderen Staaten hat laut Dittmann mehrere Ursachen. Eine seien die zerfallenden Staaten des Mittleren Ostens. Er zeigte mit Bildern, was das in Syrien bedeutet: Zerstörte Städte, Kulturgüter und archäologische Schätze sind unwiederbringlich verschwunden. Das Leben ganzer Generationen liege physisch und psychisch in Trümmern. „Dabei ist das die Wiege der menschlichen Zivilisation. Dort gab es die ersten Städte, dort wurde die Schrift oder auch das Rad erfunden.“ IS-Kämpfer sehen sich in „Endzeitschlacht“ Äußerst differenziert, betont sachlich und ausgesprochen kenntnisreich legte der Gießener Geograph dar, was im Nahen und Mittleren Osten passiert. In einem Vakuum nach dem Machtwechsel im Irak sei die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) entstanden. Die IS-Kämpfer sähen sich in einer religiös begründeten Endzeitschlacht, in der es um nichts weniger als den Sieg der „rechtgläubigen Muslime“ gehe. Deshalb sei ihnen von westlicher Seite kaum etwas entgegenzusetzen. Und je weniger der Staat funktioniere, desto mehr Menschen folgten diesem Ruf, so Dittmann.

Dazu kämen militärische „Berater“ aus dem Irak, deren Fachwissen und Material jetzt dem IS nutzen. Die Folgen: Inzwischen seien etwa zehn Millionen Syrer auf der Flucht, die Hälfte der Bevölkerung. Dieser Prozess begann Anfang 2011 – zum Zeitpunkt von Angela Merkels „Wir schaffen das!“ waren die meisten schon unterwegs. „Zäune werden nicht helfen“, das seien nur „Umleitungen“, denn der Druck auf die Syrer sei groß, zeigte Dittmann aber auch auf. Deshalb sei eine europäische Lösung unabdingbar. (LP)

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