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Kreis Olpe, Kreis Olpe, 7. März 2016

Netzwerk gegen häusliche Gewalt stellt Bericht für 2015 vor

Das Limit und die Dunkelziffer

Neuer Bericht zu häuslicher Gewalt
Symbolfoto: Nils Dinkel
149 Fälle von häuslicher Gewalt – und damit genau so viele wie 2014 – sind der Polizei im Kreis Olpe im vergangenen Jahr gemeldet worden. Die Frauenberatungsstelle des Vereins „Frauen helfen Frauen“ und das Frauenhaus Olpe sprechen von einem weiter sehr hohen Bedarf an Beratung, Unterstützung und therapeutischer Begleitung. Das geht aus dem Bericht des Netzwerks gegen häusliche Gewalt für 2015 vor, der am Montag, 7. März, im Kreishaus vorgestellt wurde.

Bei den 149 gemeldeten Fällen handle es sich überwiegend um Delikte wie Körperverletzung, Sachbeschädigung und Nötigung, sagte Michael Kopsan von der Kreispolizeibehörde, der gleichzeitig Opferschutzbeauftragter ist. Die Tätern seien größtenteils Männer. Bei 17 Einsätzen waren Frauen der Aggressor, in acht Fällen musste die Polizei gegen Minderjährige vorgehen und zweimal gegen Asylbewerber. Beim Vergleich der vergangenen sechs Jahre bedeuten 149 Fälle wie im Vorjahr den niedrigsten Wert. 185 Delikte und damit den Höchststand verzeichnete die Polizei 2012.

Allerdings sprach die Ordnungshüter 2015 deutlich mehr sogenannte Rückkehrverbote aus: 67 Täter wurden im vergangenen Jahr für zehn Tage der Wohnung oder des Hauses verwiesen. 2014 waren es 51 Personen gewesen. „Polizisten müssen vor Ort entscheiden, ob sie ein Rückkehrverbot aussprechen. Damit soll das Opfer geschützt werden“, sagte Kopsan. Außerdem sollen Betroffene genügend Zeit haben, das Geschehene zu verarbeiten und sich zu überlegen, ob sie sich an eine Beratungsstelle wenden wollen. Unter den insgesamt 67 Aggressoren seien auch Wiederholungstäter gewesen, so Kopsan weiter. Kritik am Strafmaß für häusliche Gewaltdelikte Allerdings sind sich die Mitglieder des im Jahre 2002 gegründeten Netzwerks (siehe Infokasten) darin einig, dass die tatsächliche Anzahl an Fällen von häuslicher Gewalt wesentlich höher ausfällt. „Wir rechnen mit einer hohen Dunkelziffer“, sagte Elvira Schmengler, Koordinatorin des Netzwerks und Gleichstellungsbeauftragte des Kreises. Die Gründe: Scham, Angst und womöglich ein Misstrauen gegenüber der Rechtsprechung. „Die Justiz verfolgt sexuelle Gewalt und Übergriffe mit einem Strafmaß, das nicht so abschreckend ist“, kritisierte Schmengler.

Die Statistiken, die die Frauenberatungsstelle und das Frauenhaus für 2015 vorlegten, scheinen diese Befürchtung zu bestätigen. Insgesamt 1423 persönliche Einzelberatungen sowie 176 per E-Mail verzeichnete die Beratungsstelle im vergangenen Jahr. 43 Frauen vermittelten Polizeibeamte, nachdem sie wegen häuslicher Gewalt hatten eingreifen müssen. 23 dieser Frauen nahmen das Angebot einer persönlichen Beratung an. „Wir sind am Limit“, sagte Anette Pfeifer von der Frauenberatungsstelle, in der sich vier Frauen zwei Vollzeitstellen teilen. Quer durch alle Gesellschaftsschichten In 89 Prozent der Fälle in 2015 wurden Frauen Opfer von physischer, physischer und sexualisierter Gewalt. Auffällig dabei: Laut Pfeifer sind es häufiger Verwandte als Lebenspartner, die sich sexueller Übergriffe schuldig machen. Außerdem habe es sich hierbei ausschließlich um deutsche Täter gehandelt. Und: Häusliche Gewalt ziehe sich durch alle Schichten, so Pfeifer, was zuvor schon der Opferschutzbeauftragte Kopsan erklärt hatte.

Am häufigsten von Gewalt in den eigenen vier Wänden betroffen sind Frauen im Alter zwischen 26 bis 40 Jahren mit einem Gesamtanteil von 29 Prozent an allen Frauen, die Hilfe bei der Beratungsstelle suchten. Die Altersgruppen 41 bis 50 Jahre (27,3 Prozent) und 51 bis 60 Jahre (22,5 Prozent) folgen knapp dahinter. Opfern sei es zunehmend wichtiger, anonym zu bleiben, sagte Pfeifer und verwies auf die zunehmende Anzahl an Telefonanrufen und E-Mails, die die Beratungsstelle erhalte. Häufig wendeten sich Frauen wegen anderer Themen an die Einrichtung und fassten erst nach einigen Gesprächen den Mut, von Gewalttaten des Partners oder Verwandter zu berichten. Frauenhaus: Fast jede dritte Frau misshandelt Acht Plätze für Frauen und zehn Wohnmöglichkeiten für Frauen mit Kindern gibt es im Frauenhaus Olpe. Die Belegungsquote für 2015 lag mit 67 aufgenommenen Frauen und 69 Kindern bei 85 bzw. 93 Prozent. Insgesamt 57 Frauen konnte die Einrichtung im vergangenen Jahr wegen Überbelegung keine Unterkunft anbieten, sagte Anna Hesse, eine von insgesamt fünf Angestellten. Auch im Frauenhaus nutzte die Gruppe der 26- bis 40-Jährigen das Hilfsangebot am häufigsten – in insgesamt 58 Prozent der Fälle. Fast jede dritte Frau suchte hier Schutz, weil sie von ihrem Partner misshandelt worden war.
Stellten der Bericht des Netzwerks gegen häusliche Gewalt für 2015 vor: (von links) Elvira Schmengler, Michael Kopsan, Anette Pfeifer und Anna Hesse.
Die meisten Frauen (32 Prozent) bleiben bis zu sieben Tage im Frauenhaus, die zweitmeisten (27 Prozent) für bis zu einem Monat. Jede fünfte Frau bleibt bis zu sechs Monate dort. 57 Prozent der Hilfesuchenden kommen nicht aus Deutschland; zudem seien unter den Frauen mit deutschem Pass viele mit Migrationshintergrund. „Bei uns ist die Situation anders als bei der Frauenberatungsstelle“, sagte Hesse. Aus diesem Grund gibt es Dolmetscherinnen im Frauenhaus. Ein Drittel zieht zurück zum Partner Auffällig häufig, nämlich in jedem dritten Fall, ziehen Frauen nach ihrem Aufenthalt in der Einrichtung wieder zurück in ihre alte Wohnung. „Häufig gehen die Täter nach einem Vorfall in Therapie, oder die Frau möchte wieder zurück zu ihrem Partner“, sagte Hesse. Oft genug seien Frauen, insbesondere solche mit Kindern, aber auch finanziell von dem Täter abhängig. „Viele leben dann lieber mit dem Risiko, dass sie erneut Opfer von Gewalt werden“, so Hesse.

Übrigens kamen im vergangenen Jahr lediglich 16 Prozent der Hilfesuchenden im Frauenhaus aus dem Kreis Olpe, zwölf aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein. Mehr als jede siebte Frau floh aus dem Oberbergischen oder Märkischen Kreis sowie aus dem Kölner Raum nach Olpe. „Die Opfer wollen eine gewisse Distanz zwischen sich und den Tätern schaffen und damit sichergehen, dass ihnen nicht nachgestellt wird“, erklärte Hesse.
Tipps und Kontakte
•Die Mitglieder des Netzwerks gegen häusliche Gewalt empfehlen Frauen, sich bei akuter Bedrohung telefonisch unter der Notrufnummer 110 an die Polizei zu wenden. Wer von Gewalt betroffen ist, könne sich außerdem beim bundesweiten Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ melden, das unter 0800/116 016 an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr besetzt ist. Qualifizierte Beraterinnen stünden Frauen hier vertraulich und kostenfrei zur Seite und vermittelten auf Wunsch auch örtliche Unterstützungsangebote, sagte Netzwerk-Koordinatorin Elvira Schmengler. Bei Bedarf stünden Dolmetscherinnen bereit, die insgesamt 15 Sprachen beherrschen.

•Das Netzwerk wurde Ende 2002 gegründet. Mitglieder sind die Frauenberatungsstelle und das Frauenhaus sowie die Gelichstellungsbeauftragten aller Kommunen und des Kreises, Polizei, Jugendamt, der Opferschutzbeauftragte der Polizei, der Weiße Ring, Therapeuten, Staatsanwaltschaft, unterschiedliche Beratungsstellen mit dem Schwerpunkt Frauen, Kinder und Familie.

•Die Frauenberatungsstelle Olpe befindet sich an der Friedrichstraße 24 und ist telefonisch unter 02761/1722 zu erreichen. Weitere Kontaktmöglichkeiten: Fax 02761/3427; E-Mail: frauenberatungsstelle-olpe@gmx.de; Homepage: www.frauenhelfenfrauen-olpe

•Das Frauenhaus hat die Telefonnumer 02761/834684.
Ein Artikel von Sven Prillwitz

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