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Kirchhundem, Kirchhundem, 30. September 2015

Bürgerversammlung in Kirchhundem / Ehrenamtliche Helfer und Asylsuchende berichten

Flüchtlingssituation als Herausforderung für die Gemeinde

Den Wunsch nach mehr Kommunikation äußerte der Mann, der seit drei Jahren in Deutschland lebt, im Gespräch mit Moderatorin Ulrike Wesely.
Den Wunsch nach mehr Kommunikation äußerte der Mann, der seit drei Jahren in Deutschland lebt, im Gespräch mit Moderatorin Ulrike Wesely.
Fotos: Kerstin Sauer
„Wir müssen gemeinsam helfen. Denn in der Gemeinschaft ist man stärker als alleine.“ Die ehrenamtliche Helferin aus der Gemeinde Kirchhundem brachte es auf den Punkt: Wenn alle mit anpacken, dann kann die Gemeinde Kirchhundem den ihr zugewiesenen Flüchtlingen helfen. Das war der Tenor der Bürgerversammlung zum Thema „Kirchhundem hilft Flüchtlingen“ am Mittwochabend, 30. September, in der örtlichen Schützenhalle.

Rund 130 Bürger der Gemeinde waren der Einladung von Bürgermeister Andreas Reinéry und der Verwaltung zur Bürgerversammlung in Kirchhundem gefolgt. Und erlebten eine nicht nur informelle, sondern in erster Linie von persönlichen Erfahrungen angereicherte Zusammenkunft. Vier Botschaften „Wir möchten mit dieser Versammlung vier Botschaften vermitteln“, eröffnete Bürgermeister Reinéry die Versammlung. So sehe Kirchhundem nicht in erster Linie ein Problem in der Flüchtlingssituation, sondern eine Herausforderung. Des Weiteren wolle man sich zur Kirchhundemer Willkommensstruktur bekennen, an die Bürger appellieren zu helfen und zu unterstützen. Und, so Reinéry: „Wir betrachten die Gesamtproblematik mit Blick auf den demografischen Wandel auch als Chance, denn in den vergangenen sieben Jahren haben wir 1000 Abwanderungen verzeichnet.“

Rechnet man die Flüchtlinge ein, die für den kommenden Freitag, 2. Oktober, angekündigt sind, dann beherbergt die Gemeinde Kirchhundem insgesamt 152 Flüchtlinge aus 24 Nationen. Der größte Anteil der Asylsuchenden kommt aus Serbien, Albanien und Syrien. Die meisten dieser Menschen sind 18 Jahre und älter, knapp mehr als 30 sind zwischen null und 13 Jahre jung.

Priorität habe, so Reinéry weiter, den Hilfesuchenden bei ihrer Ankunft ein Dach über dem Kopf zu vermitteln. Was immer klappt, aber manchmal auch nur knapp, denn: „Wir erfahren ein, zwei Tage vorher, dass neue Asylsuchende nach Kirchhundem kommen. Da ist es auch schonmal passiert, dass wir händeringend nach Schlafplätzen für diese Menschen gesucht haben.“ Fingerspitzengefühl Sein besonderes Lob galt dabei seinen Kollegen in der Verwaltung: „Die Menschen, die bei uns ankommen, sind oftmals alleine durch ihre Flucht traumatisiert. Das erfordert von den Kollegen viel Fingerspitzengefühl und interkulturelle Kompetenz.“ Die Mitarbeiter seien mit Herz und Seele bei der Sache – „aber die personellen Ressourcen sind limitiert“, so der Bürgermeister.

Oberstes Ziel sei die dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge – in gemeindeeigenen Immobilien wie dem Jugendheim Welschen Ennest, das bis zum Ende der Herbstferien bezugsfertig sein soll, in von der Gemeinde angemieteten Immobilien sowie in Privatunterkünften. Reinérys Appell an die anwesenden Bürger: „Bitte stellen sie Wohnraum zur Verfügung.“ So wie der Kirchhundemer Bürger, der spontan einen syrischen Mann und seinen zehnjährigen Sohn aufgenommen hat. Mit Blick in die Zukunft verwies Reinéry auf Heinsberg, „wo wir zwei leerstehende Häuser bewohnbar machen können.“ Derzeit sind die meisten Asylsuchenden in Brachthausen untergebracht, auch Holfolpe, Oberhundem und Wirme beherbergen viele Flüchtlinge. Weitere Menschen wohnen in Kirchhundem, Benolpe, Würdinghausen, Welschen Ennest, Rinsecke, Marmecke und Heinsberg.

Persönliche Erfahrungen prägten die Bürgerversammlung in Kirchhundem: So übernahm Ulrike Wesely vom Kulturgut Schrabbenhof in Silberg kurzzeitig die Moderation im Namen von MuT (Musik und Theater) Sauerland. „Wir sind seit vier Wochen mit vielen ehrenamtlichen Helfern aktiv in der Flüchtlingshilfe“, sagte sie und stellte einige ihrer Mitstreiterinnen vor, die von ihrer ehrenamtlichen Arbeit berichteten. "Mama von den Jungs" So wie die 77-jährige resolute Dame aus Oberhundem: „Als ich gehört habe, dass in der Jugendherberge in Oberhundem 23 Flüchtlinge wohnen, habe ich erstmal Schokolade und andere Lebensmittel gekauft und bin da hoch gefahren.“ Seitdem ist sie regelmäßig vor Ort, sammelt Kleidung und Schuhe, hilft den Menschen, wo sie nur kann. Und freut sich über den Lohn für ihre Mühen: „Ich bin jetzt die Mama von den Jungs da oben.“ Und ihre Nachbarin, ebenfalls ehrenamtliche Helferin, fügte mit Anerkennung hinzu: „Wenn Integration so läuft, dann ist es optimal.“

Informationen zum Deutschunterricht, der mittwochs und freitags im Jugendheim Brachthausen angeboten wird, gab Stephanie Alff: „Wir unterrichten mit vier ehrenamtlichen Mitarbeitern 20 interessierte und wissbegierige Männer und Frauen. Aber wir brauchen weitere Mitarbeiter – vielleicht auch an anderen Standorten.“ Aus der Versammlung kam dazu der Vorschlag, eventuell auch die leerstehende Schule in Brachthausen für den Unterricht zu nutzen. Mehr Kommunikation Neben einheimischen Helfern kamen auch Asylsuchende zu Wort. Berichteten von ihrer Flucht aus der Heimat, äußerten den Wunsch nach mehr Kommunikation mit den Einheimischen. Und dankten den Kirchhundemer Bürgern, die spontan privaten Wohnraum zur Verfügung gestellt haben.

Bürgermeister Andreas Reinéry schloss die Versammlung mit einem Dank an die Bürger für ihre Unterstützung – und mit dem Appell: „Unterstützen Sie uns auch weiterhin.“ Denn nur gemeinsam könne man den Flüchtlingen helfen.
Ein Artikel von Kerstin Sauer

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