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Finnentrop, 05. Dezember 2016

Ehrenamtliche sorgen für Mobilität in Randbereichen – Fahrer kennen ihre Kundschaft

Bürgerbus: Sozialarbeit auf Rädern

Lenkt seit acht Jahren mehrmals im Monat den Bus durch Finnentrop: Helmut Adler.
Lenkt seit acht Jahren mehrmals im Monat den Bus durch Finnentrop: Helmut Adler.
Foto: Rüdiger Kahlke
Kreis Olpe/Finnentrop. Feuerwehr und Freizeitbereich, Sozialverbände und Sportvereine, Kirchen und Katastrophenschutz: Laut Umfragen sind deutschlandweit rund 13,4 Millionen Menschen ehrenamtlich tätig. Mit dem internationalen Tag des Ehrenamtes am 5. Dezember soll ihnen Anerkennung zuteil werden. Das haben die Vereinten Nationen im Jahre 1985 beschlossen. Ehrenamtliche sind das Öl im Getriebe der Zivilgesellschaft. Dazu gehören auch die Bürgerbusvereine und ihre Fahrer, die für viele Bewegung in den Alltag bringen und so deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sichern. Im Vorfeld des Ehrenamt-Tages ist LokalPlus für eine Runde als Passagier in den Finnentroper Bürgerbus eingestiegen.

9.32 Uhr. Abfahrt des Bürgerbusses am Finnentroper Bahnhof. Helmut Adler blickt Richtung Bahnsteig. Kein Zug in Sicht. „Auf den Zug warten wir noch. Da sollte man ein, zwei Minuten einplanen", erklärt Adler. Er weiß, wo die Leute arbeiten, mit welchem Zug sie eintrudeln. „Da warten wir dann drauf“, erklärt er den Fahrgästen hinter ihm. Die wissen die unbürokratische und kundenfreundliche Atmosphäre im Bürgerbus zu schätzen.

„Hans, heute mit Karre unterwegs?“ Hans, ein älterer Herr, wuchtet seinen Rolli in den Mercedes Sprinter. Helmut Adler drückt auf den Knopf, schließt die Schiebetür und startet zu seiner 2. Runde mit dem Bürgerbus. Um 8.08 Uhr hatte er an diesem Donnerstag seinen Dienst angetreten. Nacheinander fährt der 74-Jährige drei Linien ab. Das dreimal an diesem Vormittag. Wer morgens nach Bamenohl zum Einkaufen, zum Arzt oder zu einer bestimmten Apotheke fährt, steht bei einer der späteren Touren wieder an der Haltestelle.

Wobei Haltestelle nicht so eng zu sehen ist. Der Fahrer hält auch vor dem Rathaus-Eingang, wenn ein Fahrgast das wünscht, statt an der gut 50 Meter entfernten Bürgerbus-Haltestelle. Und eine Seniorin, die mitfahren möchte, aber die Haltestelle noch nicht erreicht hat, kann unterwegs zusteigen. Adler kennt seine Fahrgäste. Die kennen den Rentner am Steuer. „Wir dürfen an allen Nebenstraßen halten, wo die Fahrgäste es wünschen“, sagt Adler. Ausnahme: die B 236. Da stoppt der Bürgerbus nur an den regulären Stationen. Günstige Spazierfahrt als Abwechslung im Alltagstrott Den Fahrdienst nimmt auch Heinz Threrfelder (88) gerne in Anspruch. „Berg runter laufen geht noch“, sagt er. Nach Hause, den Berg hoch, schafft er es nicht mehr per pedes. „Der Bürgerbus ist die günstigste Sache, die es gibt“, erklärt der Senior. Fünf Euro kostet der Vierer-Block. „Für 1,25 kann damit jeder so weit fahren, wie er will“, preist Adler den Bus als Nahverkehrsmittel und Freizeitvehikel an. „Manche sagen auch: ‚Ich fahr mal spazieren‘. Da kommen sie wenigstens mal raus“, weiß Adler. Der Bürgerbus verbindet so nicht nur Wohngebiete mit Einkaufszentrum und Discountern, mit Bahnhof oder Behörde, mit Arzt und Apotheke. Er bindet Wohngebiete an, in denen keine Linienbusse fahren. Der ehrenamtlich betriebene Bus hat auch eine soziale Komponente.
An positiven Rückmeldungen für die ehrenamtlichen Fahrer mangelt es nicht. Adler: „Die sagen schon mal: Was machten wir bloß, wenn wir den Bürgerbus nicht hätten.“ Viele Fahrgäste sind früher selbst zum Einkaufszentrum gefahren. Jetzt, älter geworden, trauen sie sich nicht mehr. „Die fahren jetzt mit uns“, ist der Fahrer stolz auf den bürgernahen Service.

Genau das war für Adler vor acht Jahren auch der Grund, beim Bürgerbusverein mitzumachen. Als Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall, erst in Plettenberg, später in Lüdenscheid und Iserlohn, lag ihm das Soziale am Herzen. Kontakt zu anderen Menschen war sein Metier. Den bietet auch der neue Job. „80 Prozent der Mitfahrer kenne ich“, sagt Adler. Als es um die Gründung des Bürgerbusvereins und die Fahrten ging, waren er und eine Reihe von Bekannten sich einig: „Jo, da machen wir mit.“ Und: Sie sind dabei geblieben. Seit acht Jahren halten sie den Bus am Rollen. Fahrer wenden viel Freizeit auf Mehrmals im Monat sitzt jeder Fahrer oder die einzige Fahrerin „auf dem Bock“, kutschiert Fahrgäste zum Bahnhof, zum Friedhofsbesuch oder Kunden zum Metten Werksverkauf. Die Haltestelle der Fleischfabrik ist eigens auf Wunsch der Fahrgäste eingerichtet worden.

„Einmal Kreuzchen machen", sagt ein Fahrgast und hält beim Einstieg seine Viererkarte hin. Ein „X“ mit dem Kuli, und ein Fahrticket auf der Vierer-Karte gilt als entwertet. In einem Berichtsbogen trägt der Fahrer ein, wer als Schwerbehinderter kostenlos fährt, welcher Altersgruppe die Fahrgäste angehören, wo sie einsteigen – Statistik gehört zum Job. Zwischen vier und fünf Stunden investiert Helmut Adler wöchentlich für die Arbeit im Bürgerbusverein. Zu den Fahrten kommen die Fahrersitzungen mit Termin- und Einsatzplanung. Am Wochenende wird der Bus gereinigt. Auch eine Aufgabe, die die 17 Bürgerbus-Fahrer in Finnentrop reihum in Eigenregie erledigen.
Durch enge Kurven ruckeln wir bergauf. Leute am Straßenrand winken. Man kennt sich. 10.15 Uhr, vier Erwachsene und ein Kind steigen an der Haltestelle „Volksbank“ zu, dabei auch die Dame, die auf der Hinfahrt zur Apotheke wollte. Der Bus ist voll besetzt. Was, wenn noch ein Fahrgast mehr mitgewollt hätte? „Es bleibt keiner stehen“, erklärt der Fahrer. „Wenn mehr Gäste da sind als Plätze, rufen wir ein Taxi“. Auch das fährt dann zum regulären Bürgerbus-Preis. Kleine Wünsche werden gleich erfüllt Hinweise der Fahrgäste – wie etwa „Heizung kannse jetzt ausmachen“ – oder Wünsche nach einem anderen Radiosender werden möglichst gleich erledigt. „Die singen hier auch schon mal mit“, schildert Adler die lockere Stimmung auf den Touren, wenn gerade das Passende auf WDR 4 läuft. Solange der Betriebsarzt keine Einwände bezüglich seines gesundheitlichen Zustands hat, will Adler weiter mit dem Sprinter durch die Gemeinde zockeln. „Wenn die Leute so dankbar sind, macht es Spaß, weiter zu fahren“. Für Adler und seine Kollegen ist die Zufriedenheit der Fahrgäste, was für den Künstler Applaus ist: Motivation und Lohn fürs Ehrenamt.

Finanziert wird der Bürgerbus vom Land. Der Verein kommt für die Betriebskosten auf und stellt die Fahrer. Das allerdings könnte zunehmend zum Problem werden. „Unter 70 sind die wenigsten“, sagt Gerhard Loth, Kassierer des Bürgerbusvereins, mit Blick auf seine Crew. Die Rekrutierung von Nachwuchs für das Ehrenamt laufe schleppend. „Das wollen wir wieder intensivieren“, kündigt Loth an. Denn: Der Bürgerbus sei auch ein Stück soziale Daseinsvorsorge, „Es gibt viele Leute, die täglich mitfahren“, weiß der Kassierer. Zur Kundschaft zählen viele Rentner, die vorher auf ein Taxi angewiesen waren. Und da wird Mobilität schnell zur Frage des Einkommens, zur Frage, ob man es sich noch leisten kann, zum Discounter zu fahren oder mal unter Leute zu kommen.

„Es würde viele enttäuschen, wenn der Dienst mangels Fahrern eingestellt werden müsste“, sagt Loth und geht davon aus, dass der Bus auch in den nächsten Jahren weiter rollt. Das wäre auch im Sinne von Svetlana Fabienzen (65): „Ich finde es sehr, sehr gut, dass es den Bus gibt. Der kommt auch immer pünktlich.“ Neben dem persönlichen Lob sind auch die Zahlen eine Anerkennung des bürgerschaftlichen Engagements. Seit dem Start des Bürgerbusses vor acht Jahren haben Adler und seine Kollegen weit mehr als 110.000 Fahrgäste durch Finnentrop kutschiert. Und hat er sich schon mal verfahren? „Ich bin ein Finnentroper Junge. Ich wohne hier“, sagt er. Und so einer verfährt sich nicht.
Info
  • Im Kreis Olpe rollen drei Bürgerbusse. Entsprechende Vereine gibt es in Kirchhundem, Finnentrop und Wenden.
  • Die Bürgerbus-Idee stammt aus England, wo öffentliche Verkehrsbetriebe privatisiert wurden und nur noch rentable Strecken bedient wurden. Viele Menschen wurden dadurch in ihrer Mobilität eingeschränkt und versuchten Abhilfe zu schaffen.
  • Eingesetzt werden in der Regel Kleinbusse mit acht Sitzplätzen. Die Fahrer müssen mindestens über den Führerschein der Klasse B verfügen und gesundheitlich tauglich sein.
  • Das Land NRW fördert die Anschaffung der Busse und zahlt einen jährlichen Betriebskostenzuschuss an die Vereine.
  • Die Wartung der Busse, die Schulung der Fahrer und den Gesundheitscheck übernimmt normalerweise das regionale Nahverkehrsunternehmen.
  • Die Vereine verfügen über einen eigenen Internet-Auftritt:
  • Finnentrop: www.buergerbus-finnentrop.de
  • Kirchhundem: www.buergerbus-kirchhundem.de
  • Wenden: buergerbusverein-wenden.de
Ein Artikel von Rüdiger Kahlke

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