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Feuerwehr-Serie, Attendorn, 16. Dezember 2015

Knast im Kloster

Knast im Kloster
Fotos: Ina Hoffmann
Seit 1968 befindet sich in dem ehemaligen Kloster und Gut Ewig am südlichen Rand von Attendorn eine Justizvollzugsanstalt. Nachdem es gut 40 Jahre lang nur den offenen Vollzug in dem historischen Gebäude in einer parkähnlichen Landschaft gab, wurde im Jahr 2011 der Neubau für den geschlossenen Vollzug in Attendorn in Betrieb genommen. Für LokalPlus öffnet die JVA die Stahltüren zum geschlossenen Bereich.

An einer Wand voller Schließfächer, die an Bankschließfächer erinnert, holt der Justizvollzugsbeamte Andreas Verbeek zu Schichtbeginn seine Werkzeuge ab. Dazu gehören ein Schlüsselbund und ein Telefon mit Alarmfunktion.

„Falls Gefahr droht und man Verstärkung durch Kollegen benötigt, drückt man auf den roten Knopf und in der Zentrale geht ein Alarm ein. Das Gerät löst auch einen Lagealarm aus, falls es zu lange liegen bleibt, zum Beispiel wenn ein Beamter einen Schwächeanfall erleidet. Falls ein Gefangener einem Justizvollzugsbeamten sein Gerät entreißt, geht sofort ein Verlustalarm ein. Bisher waren aber die wenigen ausgelösten Alarme Fehlfunktionen“, erklärt Verbeek. 35 Jahre Erfahrung als Justizvollzugsbeamter Seit Ende seiner Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten im Jahr 1980 ist Andreas Verbeek in der JVA Attendorn tätig. 31 Jahre lang war er Beamter im offenen Vollzug. Seit Eröffnung des geschlossenen Vollzugs in Attendorn ist er Bereichsleiter für die Abteilungen Betreuung, Besuch und Sport. Verbeek ist zuständig für 24 Mitarbeiter.
Insgesamt arbeiten 140 Beamte im Allgemeinen Vollzugsdienst in der JVA. Auch nach der 24-monatigen Ausbildung werden immer wieder verschiedene Trainings durchgeführt, wie etwa Deeskalation oder die Anwendung von Sicherheitstechniken. „Es ist allerdings selten nötig, diese einzusetzen. Die meisten Inhaftierten sind kooperativ“, weiß der Justizvollzugsbeamte aus eigener Erfahrung.

Obwohl in der JVA nur männliche Häftlinge ihre Strafe absitzen, arbeiten auch Frauen in der Anstalt. „Es kann natürlich vorkommen, dass Gefangene, vor allem mit anderem kulturellen Hintergrund, sich in ihrer Ehre verletzt fühlen, wenn eine Frau ihnen sagt, was sie tun sollen. Aber durch ein resolutes Auftreten werden alle Justizvollzugsbeamten respektiert- egal welchen Geschlechts“, weiß Verbeek. Bestandsprüfung und Lebendkontrolle „Zu Schichtbeginn steht als Erstes die sogenannte Bestandsprüfung an. Dabei wird durch eine Luke in der Stahltür der Zellen überprüft, ob alle Gefangenen in ihren Zellen sind. Auf diesem Wege wird auch gleich eine Lebendprüfung vorgenommen, um sich zu vergewissern, dass alle Inhaftierten wohlauf sind“, erklärt Andreas Verbeek. Derzeit sind 110 Inhaftierte im geschlossenen Vollzug der JVA untergebracht. Damit sind die Kapazitäten beinahe ausgelastet. Arbeiten innerhalb der JVA Nach dem Frühstück, das alle Inhaftierten in ihren Zellen einnehmen, werden diejenigen, die zur Arbeit eingeteilt sind, zu ihrem Arbeitsplatz innerhalb der JVA gebracht, wo sie von Beamten im Werkdienst angeleitet werden. Diejenigen, die keiner Arbeit nachgehen, haben morgens die Gelegenheit zu einer Freistunde auf dem Hof. „Auch hier werden sie natürlich von Justizvollzugsbeamten beaufsichtigt“, so Verbeek.
Die Arbeiten, denen Inhaftierte in der JVA Attendorn nachgehen, sind vielfältig: Innerhalb des umfriedeten Bereichs werden sie zur Garten- und Hofpflege oder als Reinigungskräfte eingesetzt. In der Arbeitstherapie Holz werden Spielzeuge wie etwa Küchen und Schaukelpferde oder Dekorationen wie Vogelhäuser aus Holz gebaut, die im anstaltseigenen „Knastladen“ verkauft werden. Jedes Jahr öffnet der Knastladen vor Weihnachten seine Pforten für Besucher (LokalPlus berichtete).

In der anstaltseigenen Schreinerei werden Auftragsarbeiten für Behörden, Unternehmen und Privatpersonen ausgeführt. Verschiedene Unternehmen aus der Umgebung haben einen Teil ihrer Produktion in die JVA verlegt. So können innerhalb der Anstalt Teile montiert, sortiert, gewogen, gelötet, engratet oder verpackt werden.

„Um für eine gemeinsame Arbeit mit anderen Inhaftierten eingeteilt zu werden, müssen die Gefangenen zunächst hinsichtlich ihrer sozialen Verträglichkeit überprüft werden. Es gibt auch immer wieder Menschen, die sich nicht für eine solche Arbeit eignen. Nur wenn ein friedliches Miteinander garantiert werden kann, werden Inhaftierte zu einer solchen Arbeitsgruppe eingeteilt“, erläutert Verbeek.
Wer sich nicht für eine Arbeit in einer Gruppe qualifizieren kann, hat in einer Einzelzelle die Gelegenheit dem Alltag ein paar Stunden zu entkommen: in einer besonderen Zelle entstehen aus Holz Schlüsselanhänger in Form eines Schweins, die bei einem Einkauf im „Knastladen“ verschenkt werden. „So bekommen auch diejenigen, die vor Antritt der Haft kein geregeltes Arbeitsleben kannten, eine Aufgabe und können etwas sinnvolles tun“, so der Beamte. Alle Werkzeuge, die dafür benötigt werden, sind in der Zelle vorhanden. „Natürlich überprüft der Beamte, der den Gefangenen nach seiner Arbeit abholt, ob alle Werkzeuge in der Zelle verbleiben“.

Das Mittagessen, das von Gefangenen in der anstaltseigenen Küche gekocht wird, wird von Inhaftierten ausgeteilt- stets begleitet von einem Beamten.

Danach bringen die Beamten kleine Gruppen Gefangener dreimal wöchentlich zu den sanitären Einrichtungen, wo sie duschen können. Privatsphäre herrscht in dem weißgekachelten Raum nicht. Vier Duschköpfe nebeneinander, nicht getrennt durch Vorhänge- die Beamten müssen die Inhaftierten stets im Blick haben können.
Nachmittags können die arbeitstätigen Gefangenen im Hof während der Freistunde Basketball oder Schach spielen.

Etwa vier Stunden im Monat können die Inhaftierten in der JVA Attendorn Besuch empfangen. „Drei Erwachsene und zwei Kinder dürfen pro Termin einen Gefangenen besuchen. Es ist natürlich wichtig, dass die Kinder Kontakt zu ihrem inhaftierten Vater halten können“, weiß Andreas Verbeek. Über getrennte Zuwege werden Besucher und Gefangener von Justizbeamten zu dem Besuchsraum geführt, wo sie sich unterhalten können. „Die Beamten sind während des Besuchs in einem gesonderten Büro, wo sie durch eine große Glasscheibe sehen können, was vor sich geht. So soll natürlich verhindert werden, dass Gegenstände übergeben werden“, erklärt der Bereichsleiter. „Um die Privatsphäre der Menschen zu garantieren, werden die Gespräche nicht abgehört. Dies geschieht nur, wenn ein Gefangener in Untersuchungshaft ist“.
In einem Freizeitraum können die Gefangenen in Gruppen von maximal acht Personen kickern oder gemeinsam kochen.
Zwei Mal im Monat kommt ein Kaufmann, der verschiedene Justizvollzugsanstalten in NRW bedient, nach Attendorn. Auf einer Liste mit allen Lebensmitteln, die dort zu erwerben sind, können die Gefangenen vorher ankreuzen, was sie kaufen möchten. Der Kaufmann hält dann Rücksprache mit der Anstalt und wenn diese den Einkauf genehmigt, werden die Waren zugestellt“, erläutert Verbeek das Vorgehen. Die Einkäufe können die arbeitstätigen Gefangenen von dem Lohn bezahlen, den sie für ihre Arbeit in der Anstalt erhalten. Diejenigen, die keiner Arbeit nachgehen, erhalten vom Land NRW eine Art Taschengeld für die Einkäufe. Auch Zuwendungen von außen, etwa von Verwandten, können zu diesem Zweck verwendet werden. Bücherei und Sport vertreiben Langeweile Wer Langeweile verspürt, kann sich in der Bücherei, die von einem Inhaftierten betreut wird, ein Buch oder eine DVD ausleihen. Auch Bücher in anderen Sprachen sind vorrätig, um möglichst jedem das Lesen zu ermöglichen.
In einem Kraftraum können die Inhaftierten in Kleingruppen Gewichte stemmen oder Cardiotraining betreiben. In der Sporthalle können Volleyball, Basketball, Badminton oder Tischtennis gespielt werden.
„Die Inhaftierten sollen ihre Freizeit möglichst sinnvoll gestalten können, um Abwechslung in ihrem Alltag zu erleben“, erklärt Andreas Verbeek. Gottesdienst in der eigenen Kapelle An Sonntagen und Feiertagen findet ein Gottesdienst in der Kapelle statt. „Zwei angestellte Pfarrer, ein katholischer und ein evangelischer, kommen in die JVA, um hier eine Messe abzuhalten. Für Muslime kommt ein Mal wöchentlich ein Imam“, so Verbeek.
Abends sind die Justizvollzugsbeamten für den „Umschluss“ zuständig. „Wenn man mindestens den halben Tag allein in der Zelle verbringt, möchten viele die Abendstunden mit einem Bekannten verbringen. Dann bringen wir den Gefangenen in die Zelle eines anderen, wo sie ein paar Stunden reden oder gemeinsam Fernsehen können“, erklärt Verbeek.

Nach Ende der Umschlusszeit bringt ein Beamter alle Gefangenen wieder zurück in ihre eigenen Zellen. Anschließend wird noch einmal eine Lebendkontrolle durchgeführt. Auch nachts sind die Büros in den einzelnen Abteilungen mit je zwei Bediensteten besetzt. „Schließlich sind wir ein Rund-um-die-Uhr-Betreib“, so Verbeek.

Die Aufgaben der Beamten in Allgemeinen Vollzugsdienstes reichen noch weiter: Die Pforte und die Sicherheitszentrale müssen immer besetzt sein. Die Briefe, die die Inhaftierten versenden oder erhalten, müssen kontrolliert werden. „Die Inhalte werden jedoch nur quergelesen, um sich zu vergewissern, dass keine Sicherheitsrisiken durch das Mitgeteilte entstehen“, weiß Andreas Verbeek. Wenn die Briefe in ausländischer Sprache geschrieben wurden, wird ein Übersetzungsbüro zu Rate gezogen, das die Mitteilung überprüft. Justizvollzugskrankenhaus in Fröndenberg Auch falls ein Gefangener wegen einer Krankheit die Anstaltsärztin aufsuchen muss, wird er von einem Justizvollzugsbeamten begleitet. Neben der Anstaltsärztin machen auch ein Vertragsarzt und eine Zahnärztin Sprechstunden in der JVA. Falls ein Facharzt aufgesucht werden muss, begleiten die Beamten den Inhaftierten zu der Sprechstunde. „Im Falle einer akuten Erkrankung, die stationär behandelt werden muss, wird der Gefangene in das Justizvollzugskrankenhaus in Fröndenberg verlegt. Dort sind Sicherheit und ärztliche Versorgung gewährleistet“, so der Justizvollzugsbeamte.

Die Beamten in Allgemeinen Vollzugsdienst betreuen auch die Bekleidungskammer, in der jeder Neuankömmling eingekleidet wird. Das Tragen privater Kleidung ist nur Untersuchungshäftlingen gestattet. Deshalb erhält jeder Anstaltskleidung in Form eines Jogginganzugs. Die privaten Kleidungsstücke werden bis zur Entlassung in einem Kleidersack verwahrt. „Nur bei Ausführung zum Gericht darf ein Gefangener seine private Kleidung tragen“, erklärt der Bereichsleiter.
„Die Justizvollzugsbeamten versuchen ihr Möglichstes, um die Inhaftierten zu betreuen und zu unterstützen. Sie müssen stets Verständnis für ihre Situation, ihr Verhalten und ihre Entwicklung aufbringen. Wir hoffen natürlich, dass alle Gefangenen nach Verbüßung ihrer Haftstrafe eine straffreie Zukunft in sozialer Verantwortung verbringen“, so Andreas Verbeek.
Ein Artikel von Ina Hoffmann

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