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Feuerwehr-Serie, Lennestadt-Altenhundem, 6. Dezember 2015

Adventskalender: In der Prosektur des St. Josefs-Hospitals

Der professionelle und sensible Umgang mit dem Tod

Ein großer Tisch aus Stahl dominiert Raum E.27.
Ein großer Tisch aus Stahl dominiert Raum E.27.
Fotos: Sven Prillwitz
Kalt. Steril. Unheimlich. In Krimis und Thrillern eine wichtige Anlaufstelle für Ermittler. Im Horror-Genré eine Szenerie des Schreckens oder ein Ausgangspunkt für das Grauen. Die Leichenhalle. Ein Raum, der eine Grenze abbildet zwischen Leben und Tod – in der Fiktion ebenso wie in der Realität. Wie die Wirklichkeit aussieht, verrät ein Besuch im St. Josefs-Hospital in Altenhundem.

Zwei gängige Klischees können direkt gestrichen werden. Die Leichenhalle liegt nicht etwa verborgen in den Tiefen eines Kellergewölbes, sondern im Erdgeschoss des Gebäudes. Außerdem gibt es den Begriff Leichenhalle hier nicht. Prosektur nennt sich der Bereich, der aus den zwei verschlossenen Räumen E.26 und E.27 besteht. Und gewissermaßen aus dem Flur, der dorthin führt, aber für das Krankenhauspersonal zugänglich und nicht verschlossen ist. E.26 Gelbliches Licht in einem Raum, der gewissermaßen zweigeteilt ist. Im vorderen Teil verdeckt ein orange-farbener Vorhang einen großen Kühlbehälter, der sich an der rechten Seite der Wand befindet. Vier schwere Luken, dahinter vier mit Stahl ausgekleidete Fächer. Schmal, länglich und mit einer ausziehbaren Bahre – ebenfalls aus Stahl – versehen. Hier ruhen die Toten, bis der Leichenbestatter sie abholt. Per Hubvorrichtung, einem Wagen aus Metall, werden Menschen, die im Krankenhaus verstorben oder draußen tot aufgefunden worden sind, auf die Bahren gelegt. Jetzt sind die Fächer leer.
Pflegedienstleiter Matthias Menke vor dem Kühlbehälter für Verstorbene.
Im hinteren Teil macht der Raum einen Knick nach rechts und bildet eine Art große Nische. Hier sind die Wände nicht weiß, sondern in einem Gelbton gestrichen. Kunstblumen stehen auf zwei Fensterbänken. Zwei große Leinwände laufen im Winkel zweier Wände zusammen und vereinen sich zu einer Fotografie, die einen Sonnenuntergang im Wald zeigt und deren Zentrum allein aus Licht besteht. Davor steht ein Krankenbett, links und rechts davon je ein Kerzenständer. Das Kopfende zeigt in die Ecke, in der die Bilder sich vereinen. Symbolkraft im Trauerbereich.
Der Trauerbereich.
„Wir wollten hier eine Abschiedsatmosphäre schaffen, die eben nicht nach Neonlicht aussieht. Das ist ein Raum, in dem viele Emotionen liegen“, sagt Pflegedienstleiter Matthias Menke. In Raum E.26 nehmen Angehörige von Verstorbenen Abschied, wenn der Tod plötzlich eingetreten ist. Oder die Angehörigen von weiter weg anreisen müssen. Dieses Szenario tritt laut Menke aber nur selten ein, zumal die Aufbahrung auch eher auf dem Friedhof stattfinde. Normalerweise würden Menschen im St. Josefs-Hospital in der so genannten „Sterbephase“ auf Einzelzimmer verlegt, um ihnen und ihren Angehörigen einen intimen Abschied voneinander zu ermöglichen. E.27 Weiße Fliesen, sehr helles Licht und ein chemischer Duft. Ein großer Stahltisch steht in der Mitte des Raumes, mit Ablauf und Abfluss sowie einem Waschbecken inklusive Duschkopf an einem Ende. Zwei unterschiedlich große Spültische mit Armaturen an der rechten Seite des Raumes. Die Atmosphäre wirkt nüchtern, sachlich. Und entspricht schon eher der Vorstellung, die Krimis dem Publikum vermitteln.
Allerdings: Einen Pathologen gibt es hier schon lange nicht mehr. Und auch Obduktionen, medizinische Leichenschauen, finden hier laut Menke „nur ganz selten“ statt. Hin und wieder nutze die Kriminalpolizei diesen Raum, wenn eine Person tot aufgefunden wird, und bringe einen Gerichtsmediziner mit, ehe die Leiche in den jeweiligen Zuständigkeitsbereich der Polizei abtransportiert wird. Der Raum erfüllt aber auch eine andere Funktion: Auf Wunsch können Angehörige ihre Verstorbenen hier nach religiösen Ritualen waschen.

Raum mit historischer Bedeutung

Früher, als in Meggen noch im Bergbau gearbeitet wurde, wurde E.27 häufiger genutzt. „Wenn ein Arbeiter verstorben war, wurde hier die Todesursache festgestellt. Das war für die Hinterbliebenen wichtig, denn die so genannte ,Steinstaublunge´ bedeutete eine berufsbedingte Todesursache und für die Witwen Geld von der Versicherung“, erzählt Menke.

Außerdem findet sich in dem Raum noch ein schmaler, abgeteilter Bereich mit einem mittelgroßen Schrank. „Sternenkinder“ steht auf einem Schild. Gemeint sind die Fehlgeburten, die das Krankenhaus hier aufbewahrt und alle sechs Monate gemeinsam auf dem Friedhof in Altenhundem beerdigt. Paare, die dieses Schicksal erlitten haben, werden auf Wunsch über den Termin für die Beisetzung informiert. Der Flur Trübes Licht, weiße Wände. Ein Christus-Kreuz. Krankenhaus-Atomsphäre. Gegenüber der Wand, hinter der sich die Räume E.26 und E.27 befinden, stehen sechs bezogene Betten. Vier davon sind mit einer dünnen Plastikplane abgedeckt. Drei Türen verbinden den Flur mit anderen Bereichen des Krankenhauses. Außerdem verbirgt sich hinter zwei blauen Türen der Fahrstuhl, über den die Verstorbenen in ihren Betten ins Erdgeschoss und in die Prosektur gebracht werden. Wer Zutritt zu einem der beiden Räume haben möchte, muss sich an der Rezeption eintragen und den jeweiligen Schlüssel abholen.
Der Begriff Leichenhalle wird dabei nicht verwendet. Auch nicht auf den Fluren, in den Patientenzimmern oder im Umfeld des Krankenhauses. Aus Rücksichtnahme auf Patienten und Angehörige. „Das Thema Tod löst ständig Emotionen und Gedanken aus. Wir wollen Menschen, die sich im Krankenhaus aufhalten, nicht direkt mit dem Thema konfrontieren und damit den Schrecken rausnehmen“, sagt Menke. Daher existiert hier offiziell nur der Fachbegriff, die Kombination aus den beiden lateinischen Wörter „pro“ und „secare“, „vor“ und „schneiden“. Obwohl diese Bezeichnung eigentlich kaum noch zutrifft.
Ebenso wenig wie die gängigen Klischees. „Wenn ich Krimis wie den ,Tatort´ sehe und was die da alles machen und wissen, muss ich schon oft schmunzeln“, sagt Menke und schüttelt mit einem angedeuteten Lächeln kurz den Kopf. „Aber das ist Film, und das hier ist die Wirklichkeit.“ Und die heißt für Menke und Co, professionell mit den Themen Tod und Trauer umzugehen.
Tür 6 - geöffnet.

Ein Artikel von Sven Prillwitz

Bildergalerie: Der professionelle und sensible Umgang mit dem Tod