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Attendorn, Attendorn-Heggen, 27. Dezember 2015

Zeitgeschichte auf Zelluloid

Prof. Dr. Markus Köster, Ralf Springer und Ele Wilmes (von links).
Prof. Dr. Markus Köster, Ralf Springer und Ele Wilmes (von links).
Foto: Barbara Sander-Graetz
Auf vielen Dachböden, in vielen Kisten und Kartons sind sie verborgen: Filme aus längst vergangenen Zeiten. Damals, als es noch keine Smartphones gab und man nicht alles mal eben mit dem Handy fotografieren und filmen konnte, wurde gut überlegt, was man filmen will.

Ein begeisterter Hobbyfilmer in Heggen war Meinolf Hoffmeister. Schon in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatte der Ingenieur eine Filmkamera und hat Begebenheiten in Heggen auf Zelluloid festgehalten. Karneval, Feste des Schlotclubs im alten Henzen Haus, Weihnachten oder die Bebauung der Straße „Auf dem Hahne“, Meinolf Hoffmeister war mit der Kamera dabei.

Nach seinem Tod löste Tochter Ele Wilmes den Haushalt auf und dabei vielen ihr neben vielen alten Dokumenten auch die Filme von damals in die Finger. „Diese Filme habe ich natürlich aufbewahrt, doch ich habe keine Geräte mehr sie abzuspielen oder die Filme fachmännisch zu lagern.“ „Arbeit für das kommende Jahr“ Und so schlummerten sie einige Jahre in einem Karton. Doch jetzt ist das historische Filmmaterial in den Händen des LWL-Landesmedienzentrums in Münster zur Archivierung und Digitalisierung. Prof. Dr. Markus Köster, Leiter des LWL Medienzentrums und gebürtiger Attendorner war extra zusammen mit seinem Mitarbeiter Ralf Springer, Leiter des Film- und Tonarchives des LWL in Heggen um das Material zu sichten.

„Wir sind im Kreis Olpe unterwegs und sammeln die Arbeit für das kommende Jahr ein“, scherzt der Markus Köster. „Zunächst waren wir im Stadtarchiv in Olpe. In der Kreisstadt haben wir 28 Filmrollen in verschiedenen Formate und Längen bekommen, die Archivar Josef Wermert und Fotograf Wolfgang Müller auf dem Dachboden des Wohn- und Geschäftshauses Müller in der Martinstraße gefunden und geborgen haben, bevor dieses abgerissen wurde. Viele sind aus den 1930er-Jahren und zeigen unter anderem Weihnachten 1938, den Kreisparteitag in Olpe sowie Karneval 1939 in der Kreisstadt. Übrings gab es nur zweimal einen großen Karneval in Olpe. Das war 1914 und 1939. Keine guten Jahren. Danach haben es die Olper gelassen“, ergänzt Markus Köster augenzwinkernd. „Alte Filmrollen wurden oftmals entsorgt“ In Attendorn bekamen die beiden Männer alte Filme von Olaf Homberg. Hier wird das Stadtjubiläum aus den 1970er-Jahren gezeigt, genauso wie das Osterfeuer und Schützenfest aus vergangenen Tagen in der Hansestadt.

Die dritte Station ist Familie Wilmes in Heggen. Die Filmrolle ist für Ralf Springer besonders interessant. „Das ist ein 35mm-Film. Der ist sicher noch gut zu sichten.“ Für die Video 2000 Kassette hingegen sieht der Experte wenige Chancen, ihr den Inhalt zu entlocken. „Viele haben damals den Fehler gemacht, die alten Filme auf eine Videokassette zu überspielen, weil sie dachten, so könnten sie das Material erhalten. Die alten Filmrollen wurden oftmals entsorgt. Dabei ist es genau umgekehrt. Die Videokassetten haben eine kurze Lebensdauer, gleiches gilt für DVDs. Auf den Filmrollen hingegen ist der Film meist gut erhalten.“ Im Gegenzug gibt es eine digitale Kopie Daher appellieren die Experten des LWL unbedingt die Originalrollen aufzubewahren. Aus dem Vermächtnis von Meinolf Hoffmeister nehmen sie zunächst drei Filme mit. „Wir schauen jetzt, was genau hier zu sehen ist. Sind sie für uns von Interesse, dann schließen wir mit dem Filmbesitzer einen Vertrag über eine Dauerleihgabe an das LWL-Landesmedienzentrum in Münster zur Archivierung und Digitalisierung ab“, erklärt Markus Köster das Prozedere. „Die Filme bleiben im Eigentum von Ele Wilmes. Wir machen davon eine digitale Kopie, die wir den Besitzern zur Verfügung stellen.“

Die Originalfilme hingegen werden anschließend unter optimalen Bedingungen archiviert. „Sie kommen in eine klimatisierte Kühlkammer bei zwölf Grad Celsius und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit“, erklärt Ralf Springer. Archive übernehmen Material Das Film- und Tonarchiv des LWL-Medienzentrums für Westfalen wurde 1986 mit dem Auftrag gegründet, westfälisches Kulturgut aus dem Bereich Film und Ton zu sammeln, zu sichern, zu erschließen und der Öffentlichkeit verfügbar zu machen. Das Archiv übernimmt Filmmaterialien aus privatem und öffentlichem Besitz, sofern sie landeskundliche, wirtschafts- oder sozialgeschichtliche Aspekte Westfalens veranschaulichen, und erweitert seinen Bestand alljährlich um aktuelle Filmdokumentationen aus eigener Produktion. Die Sammlungen werden Zug um Zug erschlossen, EDV-gestützt dokumentiert und für die Onlinerecherche aufbereitet. Rund 8000 Filme „Wer auch noch alte Filme in seinem Besitz hat, sollte sich mit uns vom LWL Münster in Verbindung setzen“, wünscht sich Markus Köster, „So können diese einmaligen Dokumente auch für die Nachwelt erhalten bleiben.“

Rund 8000 Filme zählen schon zu dem umfangreichen Archiv in Münster. Einer der ältesten ist aus dem Jahre 1913 und zeigt den Karneval in Beckum. Aus den 1920er ist ein Westfalenportrait mit dem Namen „Rote Erde.“ Der älteste Film aber kommt aus den Niederlanden. Sie haben 1910 einen Werbefilm über den Teuteburger Wald gedreht um diese Landschaft ihren Landsleuten als Urlaubsregion schmackhaft zu machen.
Ein Artikel von Barbara Sander-Graetz

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