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Attendorn, Attendorn/Birmingham, 17. Oktober 2015

Tom Kleine, Fortuna-Fan und Verehrer der „Bluenoses": Eine Fußballgeschichte

Treuer Romantiker mit Doppelbeziehung

Tom Kleine im Trikot der „Blues".
Tom Kleine im Trikot der „Blues".
Foto: Björn Bernhardt
Seiner Jugendliebe hält er seit den 80er Jahren die Treue. Und doch führt er parallel dazu eine innige Fernbeziehung: Seit knapp elf Jahren gehört das Herz des Fußballfans Tom Kleine aus Attendorn neben Fortuna Düsseldorf auch dem Birmingham City Football Club aus England. Eine Geschichte über Leidenschaft, Freundschaft, Engagement und natürlich Fußball, die an diesem Wochenende um ein Kapitel reicher wird.

Am Anfang war die Fortuna aus Düsseldorf. Die Ära der Allofs-Brüder Ende der 70er und Anfang der 80er, das Stadion am Flinger Broich, das für den damals zwölfjährigen Tom Kleine mit dem Fahrrad zu erreichen war. Es gab keine Alternative zu den 95ern. Es war das erste Mal, dass das für Fußballfans legendäre Zitat des Schriftstellers Nick Hornbys – „Du suchst dir nicht deinen Verein aus, sondern dein Verein sucht sich dich aus.“ – im Leben von Tom Kleine seine Gültigkeit bewies.

Zu der Begeisterung für die Fortuna gesellte sich schon kurz darauf das Interesse am Fußball, der auf der Insel gespielt wird. „Ich habe damals in den Kiosken englische Zeitungen aufgekauft. Später habe ich mir von meinem Azubi-Gehalt englische Fußballzeitungen zuschicken lassen“, erzählt Kleine. Drei Tage später war er dann informiert über die Neuigkeiten in England und Schottland. Die 90er: „Groundhopping“ auf der Insel In den 90er Jahren ging es mit einem deutschen Fanclub von Manchester United auf die Insel. Der englische Rekordmeister interessierte ihn nicht wirklich, nicht einmal die Premier League. Zu viel Kommerz, zu viel Glitzerwelt, zu wenig „ehrlicher“ Fußball in der englischen Eliteklasse der Profis. Diese Einstellung vertritt der 46-Jährige noch heute, noch stärker als damals: „Den richtigen Insel-Kick gibt es nur außerhalb des durchgestylten Produkts Premier League. Dafür muss man bewusst in die dritte und vierte Liga runtergehen, um die echte Leidenschaft der Engländer für ihren lokalen Verein zu spüren.“
Der bislang letzte Vereinserfolg des Birmingham City F.C.: Tom Kleine hält den Ligapokal hoch, den der Club 2011 gewann.
Das tat Kleine bei seinen Ausflügen auf die Insel. Reiste von Stadion zu Stadion, besuchte während der Touren nach Möglichkeit täglich unterklassige Spiele in England und Schottland. Der Attendorner war ein „Groundhopper“, bevor es den Begriff in Deutschland überhaupt gab. Bis sich der Teilzeit-Fußballnomade im Januar 2005 bis über beide Ohren in einen Club verliebte und auch in England eine sportliche Heimat fand – und das ausgerechnet bei einem Verein, der damals in der Premier League kickte. 2005: Liebe auf den ersten Blick Der Birmingham City F.C. galt als Fahrstuhlmannschaft und als der Club mit den lautesten Fans. Die sich zudem nicht zu schade waren, ihren Verein trotz der 1:2-Niederlage gegen Fulham an diesem Tag im Januar 2005 frenetisch zu feiern. Die inbrünstig die Vereinshymne „Keep Right On“ schmetterten. Und den Besucher aus Deutschland freundschaftlich in ihrem Wohnzimmer, dem St. Andrew´s Stadium, willkommen hießen. In Kombination mit dem Underdog-Image des Clubs war der Attendorner Fußballtourist den Reizen des Clubs aus Birmingham in etwas mehr als 90 Minuten erlegen. Und Nick Hornby hatte wieder Recht.

Kleine gehörte plötzlich zu den „Bluesnoses“ (deutsch: „Blaunasen“), wie die Anhänger des Clubs aus der einstigen Industriestadt Birmingham genannt werden. Bei den gelegentlichen Stadionbesuchen – unter anderem war er 2011 beim legendären 2:1-Auswärtserfolg im Europapokal-Spiel in Brügge dabei – entwickelten sich Freundschaften zu englischen Fans, die bis heute Bestand haben. „Wenn die Leute wissen, dass ich mal wieder in Birmingham bin, fragen sie mich vorher, in welchen Pub ich vor dem Spiel gehen möchte“, sagt Kleine. Die englische Art, Bier zu trinken, hat übrigens auf ihn abgefärbt: „Mittlerweile bestelle ich mir auch in Deutschland das Bier ohne Schaum.“ Beim Essen allerdings hält er es lieber mit der deutschen Küche. Knapp elf Jahre später, Gegenwart Am heutigen Samstag, 17. Oktober, empfängt der Birmingham City F.C. die Queens Park Rangers. Es ist der 11. Spieltag der Championship, der zweiten englischen Liga, der Tabellenvierte trifft auf den –elften. Gleichzeitig ist es ein Duell der wirtschaftlichen Gegensätze: Auf der einen Seite die „Blues“, die eines der niedrigsten Budgets der Liga haben; auf der anderen Seite der Gast aus Westlondon, der dem milliardenschweren Formel 1-Boss Bernie Ecclestone gehört.

„Wir können die im Moment schlagen, die Mannschaft hat einen Superlauf“, gibt sich Kleine optimistisch. Für ihn ist es ohnehin ein besonderes Spiel: Zum ersten Mal in der laufenden Saison und erst zum zweiten Mal in diesem Jahr feuert er die „Blues“ wieder von der Tribüne aus an. Zwei bis drei Flüge auf die Insel sind pro Jahr drin. Immerhin ist er heutzutage, im Zeitalter des mobilen Internets und im Gegensatz zu den 80er Jahren, stets aktuell informiert, wenn es Neuigkeiten über seine Fußballliebe von der Insel gibt. Eine Fernbeziehung über das Internet Informationen beschafft er sich nicht nur, er verbreitet sie auch. Über Facebook, über Twitter und vor allem über die liebevoll, in deutscher und englischer Sprache gestaltete Homepage Hier finden sich nicht nur Informationen, Fotos und Neuigkeiten rund um den Birmingham City F.C., hier finden sich auch Anekdoten zu den „Blues“, Berichte über Fanreisen und die „BiG Talks“ – Interviews, die Kleine unter anderem mit Spielern wie Mikael Forssell und Robert Tesche geführt hat. Die Homepage ist gleichzeitig die Online-Präsenz des gleichnamigen deutschen Fanclubs „BiG – Bluesnoses in Germany“, den Kleine und andere in Deutschland lebende Fans der Blues im Juni 2015 gründeten.
Ein Hauch von Hansestadt in Birmingham: Bei seinem Besuch im April 2015 posiert Kleine passend zur Jahreszeit mit einer Ostersemmel vor der Kirche St. Martin in the Bull Ring.
Dass er ein engagierter Fan ist, hat sich nicht nur in der Fankurve herumgesprochen, sondern auch beim Club selbst und bei der Presse. Als im März dieses Jahres mit Robert Tesche der Wechsel eines deutschen Fußballprofis nach Birmingham bevorstand, meldete sich die örtliche Tageszeitung, die „Birmingham Mail“, in Attendorn mit der Bitte um eine Auskunft über den ehemaligen Profi des Hamburger SV. Ein denkwürdiger Dreiakter zu Ostern Kurz darauf folgte ein weiteres denkwürdiges Ereignis in drei Akten im St. Andrew´s: Über Ostern reiste Kleine in Begleitung seiner Freundin nach Birmingham. Auf Einladung des Vereinsvorstands gab es eine Stadionführung und anschließend ein Gespräch mit einem ranghohen Vorstandsmitglied. Es ging um die Voraussetzungen für die Anerkennung der deutschen „Bluenoses“ als offizieller Supporters Club, als offizielle deutsche Fanzweigstelle und Ansprechpartner des Vereins.
Tom Kleine und der erste deutsche Liga-Torschütze für die „Blues", Robert Tesche.
Später wurde Kleine Augenzeuge eines kleinen Stücks Vereinsgeschichte. Robert Tesche gelang beim 2:1-Sieg gegen Rotherham United das erste Liga-Tor eines Deutschen in der Geschichte der „Blues“. Und außerdem verlor an diesem ereignisreichen Tag wieder ein Besucher sein Herz an den Birmingham City F.C.: Kleines Freundin, die zuvor kein sonderliches Interesse an Fußball gehabt hatte, erlag dem Charme des Stadions, der Fans, der Atmosphäre. Heute ist sie eines von insgesamt sechs Mitgliedern des Fanclubs. Nick Hornbys Weisheit bewahrheitete sich erneut. Mehr als nur ein Fanclub Im Juni gründeten Kleine und seine Mitstreiter die „BiG – Bluesnoses in Germany“ offiziell als Fanclub. Der – und damit auch die Homepage – trägt seitdem den Zusatz „Official Birmingham City F.C. Supporters Club“. „Das hat uns natürlich gefreut, denn das ist mehr als ein klassischer Fanclub. Es ist ein schönes Gefühl, dazuzugehören“, sagt Kleine. Er sieht sich aber immer noch in erster Linie als Fan. Als echter Fan, der sich – wie sich das gehört – auch schwer damit tut, den Namen des größten Rivalen, Aston Villa, auszusprechen.

Aus diesem Grund bedauert er es auch, dass die Stimmung in den englischen Stadien nicht mehr mit der von früher zu vergleichen ist – auch unterhalb der Premiere League. Das Verschwinden der Stehplätze, erhöhte Sicherheitsbestimmungen, die teuren Ticketpreise; all das habe negative Auswirkungen auf die Stimmung in den Kurven gehabt. „Romantik ist da fast schon die Ausnahme geworden“, sagt Kleine. Dennoch will er am Samstag jede Sekunde in der „sehenswerten Stadt“ Birmingham und vor allem im St. Andrew´s genießen und in sich aufsaugen – und die neuen Anstecknadeln der deutschen „Bluenoses“ in der Kurve verteilen. Der Alptraum des Fußball-Romantikers Fortuna Düsseldorf vergleichsweise vor der Haustür, den Birmingham City F.C. in der Ferne – Tom Kleine fährt gut mit seiner doppelten Beziehung. Große Erfolge sind bei der Liebe zu zwei Zweitligisten zwar erstmal nicht zu erwarten – Fortuna Düsseldorf dümpelt aktuell trostlos im Tabellenkeller vor sich hin –, aber die Leidenschaft für beide ist nach wie vor da. Und das zählt mehr als der Erfolg.

Außerdem hilft die Existenz beider Vereine im Schatten der Eliteligen, im Niemandsland des Profifußballs, wesentlich dabei, Kleines größten sportlichen Alptraum zu verhindern: ein Aufeinandertreffen seiner beiden großen Fußballliebschaften.
Ein Artikel von Sven Prillwitz

Bildergalerie: Treuer Romantiker mit Doppelbeziehung