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Attendorn, Attendorn, 23. Oktober 2015

370 Bürger informieren sich in Stadthalle über Flüchtlingssituation / Weitere Unterkünfte in Planung

Pospischil warnt vor langfristiger Belastung

Attendorns Bürgermeister Christian Pospischil appellierte an Kommunikationsbereitschaft.
Attendorns Bürgermeister Christian Pospischil appellierte an Kommunikationsbereitschaft.
Fotos: Barbara Sander-Graetz
„Beim Thema Flüchtlinge gibt es die Seite des Herzens und die Seite des Verstands“, sagte Bürgermeister Christian Pospischil am Donnerstagabend bei der Bürgerversammlung in der Stadthalle Attendorn. Die Seite des Herzens sei mit viel Einsatz von vielen Menschen, gerade auch im Bereich Ehrenamt gelungen. „Aber wir können das Thema nicht nur mit Herzblut lösen, sondern brauchen auch eine strategische Herangehensweise auf Landes- und Bundesebene. Die sehe ich aber zurzeit nicht“, sagte Pospischil vor rund 370 Zuhörern.

Die Stadt müsse Probleme auf mehreren Ebenen bewältigen. „Die Finanzen sind auf Bundesebene da, kommen aber auf der kommunalen Ebenen nicht an“, so Pospischil. Auch sei der Wohnungsleerstand in den Kommunen nicht unbegrenzt und die personelle Dimension der Thematik auch für die städtischen Angestellten schlichtweg enorm: „Große Teile der Verwaltung sind mit der Unterbringung beschäftigt.“
Die Stadthalle war gut besucht.
Bei der Integration der anhaltenden mehr werdenden Flüchtlinge gebe es wachsende Bedenken in der Bevölkerung. „Wir wollen Pegida nicht hinterher rennen, aber wir müssen die Bedenken sehen“, mahne Pospischil. Daher habe er als Bürgermeister zusammen mit mehr als 200 anderen Bürgermeister aus NRW kürzlich auch einen „Brandbrief“ an Kanzlerin Merkel unterschrieben. „Wir sind für die nächsten Monate gut aufgestellt, aber nicht auf Dauer.“ Rundturnhalle steht derzeit leer Detaillierte Auskünfte zur Situation in der Stadt lieferte anschließend Christiane Plugge vom Sozialamt. „Jeder 700. Asylbewerber, der nach NRW kommt, geht nach Attendorn.“ Durch die Rundturnhalle, die als Notunterkunft dient, habe man seit Mitte September keine Zuweisungen mehr bekommen, aber „die Rundturnhalle ist zurzeit leer. Alle Asylsuchenden wurden auf die Kommunen verteilt.“ Insgesamt seien derzeit, wenn die Rundturnhalle wieder mit 200 Flüchtlingen belegt wird, rund 500 Asylbewerber im Stadtgebiet untergebracht. „Wir rechnen aber im November wieder mit Neuzuweisungen.“ Die größte Gruppe der Asylsuchenden kommt aus Albanien (53), gefolgt von Menschen aus Syrien (34), dem Irak (29) und Serbien (24).
Christiane Plugge vom Sozialamt hatte nicht nur Zahlen und Fakten parat, sondern berichtete auch vom täglichen Einsatz in der Betreuung.
Ludger Gabriel, Amtsleiter der Gebäudebewirtschaftung stellte weitere Standorte vor, mit denen die Hansestadt sich aktuell und zukünftig für die weitere Unterbringung rüsten will. Neben bestehenden Unterkünften in der Stadt (Hohler Weg, Altes Amtsgericht, Osemundweg, Briloner und Soester Straße) sowie inRöllecken, Mecklinghausen, Lichtringhausen und Ihnetal sind vier Containerstandorte geplant (LokalPlus berichtete). Ein Container soll in Petersburg aufgestellt werden, was sich aber aufgrund von Verzögerungen bei der Lieferung bis zum 4/5. November hinziehen wird. Außerdem soll Anfang 2016 das Forstamt in Neu-Listernohl in den Besitz der Stadt übergehen und nach Umbauarbeiten für weitere 60 Personen ab dem 1. März 2016 zur Verfügung stehen.
Ludger Gabriel gab einen Überblick über bestehende und zukünftige Unterbringungsmöglichkeiten .
Weitere Container werden in Helden, gegenüber dem Festgelände des Kreisschützenfestes, in Ennest am Lamfertweg und im Industriegebiet Donnerwege aufgestellt. „Wir werden jetzt mit dem Bau der Versorgungslager an diesen Standorten beginnen, damit diese Arbeiten vor dem Winter abgeschlossen sind. Donnerwenge soll Ende November komplett bezugsfertig sein, Ennest ist für Mitte Januar vorgesehen und Helden soll bis Ende Februar fertig gestellt sein“, so Gabriel.

Hinzu kommen weitere Wohnungen von der Wohnungsgenossenschaft im Kreis Olpe und rund 15 Wohnungen, die der Stadt von Privatpersonen angeboten worden sind. „Wir werden auch in Windhausen eine ehemalige Pension übernehmen, wo nochmals 25 Personen untergebracht werden können. Außerdem werden die sanitären Anlagen an der Grundschule Lichtringhausen Anfang 2016 umgebaut, so dass hier auch eine Duschmöglichkeit gegeben ist und die sanitären Anlagen der benachbarten Turnhalle nicht mehr genutzt werden müssen“, so Gabriel. Stadt kommt derzeit für Unterkünfte auf Der Gebäudeamtsleiter weiter: „Bis zum 28. Februar haben wir dann 320 Unterkünfte sicher, wissen aber heute noch nicht, ob das letztlich reichen wird“, so Gabriel. „Das Tempo der Zuweisungen hat sich rasant erhöht.“Auf Nachfrage erklärte Kämmerer Klaus Hesener, dass zurzeit 1,8 Millionen Euro, die hauptsächlich für Umbauarbeiten und Unterkünfte eingesetzt worden sind, nicht vom Land oder Bund gedeckt worden sind. „Wir versuchen zurzeit vorrangig, die Menschen menschenwürdigen unterzubringen, und der Aufgabe stellen wir uns.“
Christian Pospischil warb unter anderem auch für Patenschaftsmodelle.
Auf die Frage, ob für die Container Bebauungs- und Flächennutzungspläne geändert werden müssten, erklärte Ludger Gabriel, es gebe hier diverse Erleichterungen bei den Verfahrensschritten zu einer Baugenehmigung; die Pläne müssten nicht geändert werden. „Die Aufstellung ist befristet, wobei die Befristung bei Bedarf natürlich verlängert werden kann.“

Für die Bündelung der vielen ehrenamtlichen Hilfsangeboten ist Kathrin Luers vom Sozialamt zuständig. „Wir entwickeln gerade Konzepte und vieles wird sich zeigen“, teilte sie mit. So ist für den 26. November ein erneutes Treffen des „runden Tisch Asyl“ geplant. Industrie signalisiert Hilfsbereitschaft Arndt G. Kirchhoff erklärte stellvertretende für die Industrie, dass man bereit sei, auch Arbeitsplätze, Praktika und Ausbildungen anzubieten. Allerdings seien fehlende Sprachkenntnisse, fehlende Bleibeperspektiven und manchmal auch fehlende Papiere für eine Arbeitsgenehmigung hohe Hindernisse.

„Die Menschen, die hier zu uns kommen, sind in erster Linie Menschen und dann Flüchtlinge“, schloss Christian Pospischil die Versammlung, „Gehen Sie auf die Menschen zu. Kontakte sind die beste Integration in die Gesellschaft.“ Das bestätigten auch zwei Anwohner vom Hohlen Weg, die neben den dortigen Containerunterkünften wohnen. „Wir sind hingegangen, haben uns mit Händen und Füßen verständigt, haben im Sommer die Abende gemeinsam genossen, und alle unsere Sorgen waren zerstreut.“
Ein Artikel von Barbara Sander-Graetz

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