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Attendorn, 29. März 2018

Semmelsegnen, Klappstern und Kreuzvermessen

Ostern in Attendorn: LokalPlus erklärt die beliebten Bräuche

Tausende lassen an Karsamstag wieder ihren Ostersemmel segnen.
Tausende lassen an Karsamstag wieder ihren Ostersemmel segnen.
Foto: Barbara Sander-Graetz
Attendorn. Das Osterbrauchtum in Attendorn ist einmalig. Die Abläufe sind seit Jahrzehnten festgelegt und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Dazu gehören vor allem die beliebten, teilweise zum Massenspektakel gewordenen Bräuche des Semmelsegnens, das Kreuzeschlagen und -vermessen sowie die vier Osterfeuer auf den vier Köpfen der Stadt. LokalPlus erklärt die Bräuche zur Einstimmung auf die Feierlichkeiten.

Schon seit Ende Februar treffen sich die Poskebrüder der vier Porten jeden Samstag, um Holz zu schlagen und zu stellen für ihre Osterfeuer. In die heiße Phase geht es dann an Gründonnerstag. Wenn an diesem Tag  während des Abendgottesdienstes die Orgel und die Glocken verstummen, beginnt das eigentliche Osterbrauchtum in Attendorn. So werden am Karfreitag und Karsamstag „die Stunden geblasen“. Dabei sind vom Kirchturm der Pfarrkirche zwei lang anhaltende Töne zu hören, die im Oktav-intervall auf einem alten Nachtwächterhorn in alle vier Himmelsrichtungen geblasen werden.

Gleichzeitig ziehen Messdiener mit sogenannten Ratschen, die ein weit hörbares Geräusch verursachen, um die Kirche. Ebenso laufen in der Karwoche die Vorbereitungen zur Herstellung der Ostersemmel auf Hochtouren.
Der Ostersemmel, dessen Teig mit Kümmel durchsetzt ist, hat an beiden Enden je einen Einschnitt, sodass sich zwei „Hörner“ bilden. Die Form erinnert an die Schwanzflosse eines Fisches, das Erkennungszeichen der Frühchristen. Die Semmel werden am Karsamstag um 14 Uhr an der Nordseite der Pfarrkirche gesegnet. Seit dem Jahre 1658 ist dieser Brauch nachweisbar und hat sich, in der Tradition der mittelalterlichen Brotsegnung stehend, in Attendorn erhalten. Der Semmel wird traditionsgemäß mit Butter und Knochenschinken gegessen.
Nach dem Semmelsegnen gehen die Poskebrüder der vier Attendorner Porten  in den Stadtwald oberhalb der Hubertushütte, um die Fichten für die Osterkreuze zu schlagen. Diese wurden tags  zuvor in Augenschein genommen, und jede Porte ist sich sicher: Das ist der größte, dickste, kurzum: der beste Baum für das Osterkreuz auf ihrem Kopf.
Am Karsamstag ziehen die Poskebrüder dann los, um genau diesen Baum mit Axt und Säge zu fällen. Dabei trat im vergangenen Jahr zum ersten Mal der Nutzungs- und Gestattungsvertrag für das Fällen der Fichten für die Osterkreuze im „Stadtwald“ zwischen dem Osterfeuerverein und der Hansestadt Attendorn in Kraft. Nach einem Vorfall im Jahr zuvor wollte der Landesbetrieb Wald und Holz als Dienstleister der Stadt Attendorn das Schlagen der Kreuze nicht mehr mit einem Förster begleiten.

In dem neu ausgehandelten Vertrag  wurde unter anderem vereinbart, dass der Osterfeuerverein als Veranstalter grundsätzlich selbst die Verkehrssicherungspflicht für die Veranstaltung übernimmt. Die Stadt steht als Eigentümerin des Waldes lediglich für die sogenannten „waldtypischen Gefahren“ in der Verkehrssicherungspflicht.
Somit dürfen die vier Porten auch zukünftig ihre Fichten für das Kreuz im Stadtwald schlagen,  müssen aber dafür Sorge zu tragen, dass die Arbeiten am Karsamstag durch kompetente sowie sach- und fachkundige Personen durchgeführt werden. Auch für die sachgerechte Absperrung sind sie zuständig.
Um 15 Uhr, pünktlich mit dem Blasen des Horns, setzen die Poskeväter der vier Porten zum ersten Schlag an. Dann sind Muskelkraft und Augenmaß gefragt, um den Baum zu fällen und unbeschadet zu Boden zu bringen.
Dieser wird später gegen 17 Uhr unter den Augen und dem Applaus zahlreicher Gäste mit Muskelkraft auf den „Alten Markt“ gefahren. Die Poskebrüder singen dabei das Poskelied. Herbert Lenninger zückt schließlich sein Maßband und vermisst die Fichtenstämme. Dann wird verkündet, wer den dicksten und längsten Stamm für das Osterkreuz geschlagen hat. Danach ziehen die vier Porten auf ihre jeweiligen Osterköppe.
Bevor das Osterkreuz am Ostersonntag aufgerichtet wird, muss es mit Langstroh umwickelt werden, was eine besondere Fertigkeit voraussetzt. Die vier Osterkreuze werden mit dem Feuer der Osterkerze am Ostersonntag um 21 Uhr angezündet. Das Zeichen zum Anzünden der Feuer wird von der Pfarrkirche aus gegeben, indem das Kirchturmkreuz elektrisch beleuchtet wird und das Geläut aller acht Glocken ertönt. Ein schlecht brennendes Osterfeuer wird „Dümmelfeuer“ genannt und gibt unter den Kindern stets Anlass zu heftigen Diskussionen.
Während des Osterfeuers schwenken etliche Kinder und Jugendliche ihre Holzfackeln. Eine solche Fackel besteht aus einem geraden Holzpfahl, der in der Längsrichtung mehrfach gespalten („geburkt“) ist. Die Fackel verjüngt sich konisch im unteren Teil und endet in einem kugelartigen Griff. Die getrockneten Fackeln werden mit zwei Händen um den Kopf geschwungen, sodass sie kreisförmige Feuerringe beschreiben. Prozession mit Lüchten Ungefähr eine halbe Stunde nach dem Anbrennen der Osterfeuer ziehen von den ehemaligen Stadttoren (Porten) vier Prozessionen durch die mit Kerzen geschmückten Hauptstraßen zur Kirche. Dabei sind die uralten eisernen Prozessionslaternen („Lüchten“) hervorzuheben, deren Verglasungen aus Ostermotiven bestehen. Auf dem gesamten Weg wird von den Prozessionsteilnehmern immer wieder das Lied „Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden“ gesungen.

Den Abschluss der Ostertage in Attendorn bildet die feierliche Osterabendandacht im „Sauerländer Dom“, wobei die vier „Lüchten“ wie die Osterfeuer als Zeichen des Sieges über Leben und Tod, als Symbol des Sieges vom Licht über die Dunkelheit, zu verstehen sind.
Ein Artikel von Barbara Sander-Graetz

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