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Attendorn, Attendorn, 18. September 2015

Landrat Beckehoff bei Bürgerversammlung: „Wir haben die verdammte Pflicht, die Leute unterzubringen“

Notunterkunft für 200 Flüchtlinge steht bereit

Mit 200 Feldbetten, provisorischen Trennwände und zusätzlichem Fußboden steht die Rundturnhalle bereit. Pro Person sind fünf Quadratmeter Platz vorgesehen.
Mit 200 Feldbetten, provisorischen Trennwände und zusätzlichem Fußboden steht die Rundturnhalle bereit. Pro Person sind fünf Quadratmeter Platz vorgesehen.
Fotos: Volker Lübke
Die Rundturnhalle in Attendorn steht als Erstaufnahmelager bereit. Etwa 150 Einsatzkräfte von DRK, THW, Feuerwehr, Polizei und Sicherheitsdienst sowie zahlreiche freiwillige Helfer haben erwarteten am Freitagabend 200 Flüchtlinge. Zeitgleich informierten Landrat Frank Beckehoff, Bürgermeister Christian Pospischil und die Einsatzleitung bei einer Bürgerversammlung in der Mensa der Hanseschule über die Lage.

Mit eindringlichen Appellen versuchte Beckehoff die zahlreichen Anwesenden für die Situation, die niemand genau vorhersehen könne, zu sensibilisieren. Bei der überwiegenden Mehrheit der etwa 300 Anwesenden war das kaum nötig, wie am Applaus ablesbar war. Deutlicher Kritik aus der Elternschaft der Hanseschule an der Verlegung der Haltestelle für die Schulbusse und den Ausfall des Sportunterrichts begegnete der Landrat mit ebenso deutlichen Worten: „Das sind angesichts der Lage der Menschen, die zu uns kommen, sehr überschaubare Probleme.“ Allerdings versprach er, sich persönlich für eine einvernehmliche Lösung beim ÖPNV einzusetzen. Schulleiterin Marion Schmidt-Wrobel versuchte zu vermitteln und wies auf schulinterne Vorbereitungen u.a. beim Lotsendienst hin: „Unser Interesse ist es nur, Lösungen zu finden.“
Landrat Frank Beckehoff appellierte an die Bürger, auftretende Probleme gegen das oft lebensbedrohende Schicksal der Flüchtlinge abzuwägen.
Bei vielen Anwesenden traf die Kritik aus den Reihen der Eltern auf Unverständnis. Christian Neubacher als Vertreter des Kinderschutzbundes reagierte mit einer politischen Einlassung darauf: „Als drittgrößter Waffenexporteur der Welt sollten wir wohl in der Lage sein, einige Flüchtlinge aufzunehmen.“
Ganze zwei Tage hatte der Kreis Olpe Zeit, dem Amtshilfeersuchen der Bezirksregierung um 400 Plätze zur Erstaufnahme nachzukommen. Die rundturnhalle in Attendorn und die Kreissporthalle in Olpe seien die einzigen dafür tauglichen Gebäude dafür, so Beckehoff. Wie DRK-Leiter Thorsten Tillmann gegenüber LokalPlus bestätigte, stehen in der Rundturnhalle 200 Feldbetten, Abtrennungen, Sanitäre Anlagen, ein Sanitätsraum, eine Registrierungsstelle, Spielraum ür Kinder und Aufenthaltsmöglichkeiten auf den Tribünen für insgesamt 200 Flüchtlinge zur Verfügung.
Zahlreiche Attendorner stellten sich als Dolmetscher zur Verfügung.
Polizeidirektor Diethard Jungermann versprach nicht nur, Polizeibeamte zur Wiesbadener Straße zu beordern, um die verkehrssicherheit der Schulkinder zu gewährleisten. „Wir werden auch verstärt Streife fahren“, sagte Jungermann. Wenn also in künftig häufiger Polizeifahrzeuge in dem Ortsteil unterwegs seien, bedeute das nicht gleich, dass etwas passiert sei. Probleme ließen sicih aber wohl nicht vermeiden, so der Polizeichef weiter. Ladendiebstähle und mögliche Auseinandersetzungen in den Einrichtungen kämen durchaus vor. „Wir erwarten aber – nach allen Erfahrungen aus anderen Orten – keine Übergriffe auf Anwohner oder Schüler.“

Einsatzleiter Marco Steinrode bat in der Bürgerversammlung darum, nicht mit gepackten Tüten zur Rundturnhalle zu kommen. „Es wird sicher viel gebraucht, aber erst nach und nach.“ Zusammen mit der Stadt werde die Spendensammlung koordiniert (siehe Infobox). Pospischil: "Dankbar und stolz auf das Engagement" Bürgermeister Christian Pospischil nannte sich „dankbar und auch ein bisschen stolz“ auf das ehrenamtliche Engagement in der Stadt. Die weitere Registrierung von Helfern Erfolge zu festgelegten Zeiten im Foyer der Musikschule. Die gesamte Versorgung der Flüchtlinge erfolgt in der Rundturnhalle. Die Mensa der Hanseschule werde dafür nicht in Anspruch genommen, so Beckehoff.

Mindestens bis Ende Februar sei die Rundturnhalle als Erstaufnahmelager reserviert, so Landrat Frank Beckehoff. Ob dann Ende sei, könne aber niemand garantieren. „Jetzt aber haben wir die verdammte Pflicht, die Leute unterzubringen.“
Bis Redaktionsschluss waren die Busse noch nicht eingetroffen. Die Einsatzleitung in Attendorn ging davon aus, dass sie in Düsseldorf starteten, wo am Freitag 2500 Flüchtlinge mit Zügen eintrafen.
DRK-Leiter Thorsten Tillmann informierte die Freiwilligen über ihre Einsätze als Dolmetscher.
Stadt und DRK informieren
Die Stadt Attendorn koordiniert gemeinsam mit den Einsatzkräften alles Notwendige. Das DRK hat einen dringenden Appell an die Bevölkerung: Bitte sehen Sie an diesem Wochenende unbedingt davon ab, Kleidung, Sachspenden oder Essen an die Rundsporthalle zu bringen, damit sich das DRK ausschließlich um die heute alles überlagernde Aufgabe der Erstversorgung der Flüchtlinge kümmern kann.

Um den Einsatz freiwilliger Helfer aus der Bevölkerung möglichst effizient zu gestalten, wird derzeit an einer zentralen Lösung zur Koordination aller Hilfsangebote aus der Bevölkerung gearbeitet.

Die Stadt richtet im Foyer der Musikschule (gegenüber der Rundturnhalle) eine Anlaufstelle ein, wo sich jeder registrieren lassen kann, der helfen möchte: Samstag, 19. Und Sonntag, 20.09., jeweils von 10 bis 13 Uhr; Montag, 21. und Dienstag, 22.09. von 16 bis 19 Uhr. Auch hier gilt: bitte verzichten Sie bei der Registrierung schon auf das Mitbringen von Spenden.
Landrat, Bürgermeister, Polizei und Stadtverwaltung informierten die Anwohner über die Lage.

Ein Artikel von Volker Lübke

Bildergalerie: Notunterkunft für 200 Flüchtlinge steht bereit