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Attendorn, Attendorn, 11. Dezember 2015

Ein Tag bei der Rettungshundestaffel Südwestfalen

Lebensretter auf vier Pfoten

Lebensretter auf vier Pfoten
Fotos: Cristin Schmelcher
Schläfrig und faul rollt Balu sich noch einmal in seinem Körbchen zusammen, als er plötzlich die kleine Glocke hört, die sich an seinem Arbeitshalsband befindet. Innerhalb von Sekunden steht der fünfjährige Labradorrüde schwanzwedelnd im Flur. Die Freude steigt als er zudem seine orangefarbene Kenndecke in Herrchens Hand entdeckt.

„Für Balu ist die Arbeit bei der Rettungshundestaffel das Größte und während der Trainingseinheiten können meine Eltern oder sonst wer kommen, den er kennt, er ist dann nur auf mich und die Arbeit fixiert“, erklärt Hundebesitzer Andre Scheermann aus Oedingen. Der Verschluss des Halsbands ist aus Klett, damit Balu bei der Arbeit nirgendwo hängen bleibt.
Der gelernte Federmacher fährt zweimal die Woche zum Training, das an diesem Sonntag auf dem Trainingsgelände des Bundesverbandes der Rettungshundestaffel (BRH) Südwestfalen e.V. in Lennestadt-Oedingen stattfindet. Auf dem ehemaligen Kasernengelände warten mehrere Trainingseinheiten auf Balu, da er sowohl für die Flächen- als auch für Trümmersuche ausgebildet ist. Jahreszeitlich bedingt finden die Trainingseinheiten der Trümmersuche in einem der alten Gebäude statt, wo die Vereinsmitglieder viel Zeit investieren, um zahlreiche Verstecke auf verschiedenen Untergründen aufzubauen.
Während der Trümmersuche befindet sich Balu in der Regel immer in der Nähe seines Herrchens. Anders ist das bei der Flächensuche auf dem freien Feld, im Gelände oder im Wald, wobei ein Rettungshund durchschnittlich bis zu 80000 Quadratmeter absuchen muss. An jedem Trainingstag durchläuft Balu etwa drei bis vier Einheiten, die in der Regel zehn bis zwanzig Minuten dauern, manchmal etwas länger. Anders als ausgebildete Mantrailerhunde, die sich auf die Suche nach einem bestimmten Menschen konzentrieren, ist seine Aufgabe dabei, jede menschliche Witterung aufzunehmen. Mit dabei ist außerdem immer ein Suchgruppenhelfer, der mit Hundeführer und Hund im Team arbeitet. Leckerli spornt Vierbeiner an Die Suche bedeutet für den Labrador sehr viel Kopf- und Nasenarbeit, die anstrengender sein kann als ein ausgedehnter Spaziergang. Beim Training hält der Gesuchte meistens bereits eine Rolle in der Hand, in der sich eine Belohnung befindet. Diese bringt Balu Andre und erhält das Leckerli. Am letzten Sonntag war dies Fleischwurst, denn für die Arbeit sollten die Hunde eine besondere Belohnung bekommen. Die Trümmerarbeit birgt selbstverständlich mehr Gefahren als die reine Flächenarbeit.
Wieder schläfrig schiebt der vorhin noch so aufgeweckte Balu nach dem Training seine Decke vor die Gitterbox in Andres Geländewagen. Auch er weiß, wann Feierabend ist. Ausbildung möglichst früh beginnen Je früher ein Hund mit der Ausbildung zum Rettungshund beginnt, desto besser. So trat Andre Scheermann bereits in den Verein ein, als Balu noch ein Welpe war. Der 27-jährige wirkte bereits ehrenamtlich beim Malteser Hilfsdienst mit und sah für sich und seinen Hund in der Vereinsarbeit der Rettungshundestaffel eine sinnvolle Aufgabe. Die Erstausbildung dauert durchschnittlich zwei Jahre. „Den Hunden wird zunächst einmal beigebracht, jeden Menschen zu mögen“, erläutert der Produktionsmitarbeiter.

Dabei müssen mehrere Stationen durchlaufen werden wie eine Begleithundeprüfung und Vorprüfungen zur Suche, Gehorsamkeit und zum Geräteeinsatz, bevor Hund und Hundeführer zur Hauptprüfung bei den Richtern des BRH zugelassen werden. Andre Scheermann braucht natürlich zudem einen Erste-Hilfe-Schein und es gibt jährliche Einsatzüberprüfungen. Wer somit ein Jahr oder länger mit der Arbeit aussetzt, muss die komplette Erstprüfung noch einmal ablegen. Hund und Hundeführer sind gebunden, so dass ein zweiter Hundeführer ebenfalls alle Prüfungen mit einem bereits ausgebildeten Hund durchlaufen muss.
Ein reiner Flächenhund darf nicht in der Trümmersuche eingesetzt werden, wobei das Training in den Trümmern für diese auch wichtig sei, um Feinarbeiten zu lernen, erklärt die Erste Vorsitzende des Vereins Christine Behninger im Gespräch mit Lokalplus. So sei es ebenfalls wichtig, immer wieder neue Situationen durch einen Umbau der Trümmer zu schaffen und Übungen in verschiedenen Geländen zu unterschiedlichen Tageszeiten durchzuführen. Die Trainingseinheiten finden somit auch schon mal nachts, in verschiedenen zur Verfügung gestellten Waldgebieten und auf Firmengeländen statt. Auch auf dem Gelände der Karl-May-Festspiele in Lennestadt-Elspe hat der Verein schon Übungstage organisiert und mit Hilfe der Feuerwehr konnten zudem schon Trainings an einem Kran angeboten werden. „Als Rettungshund geeignet ist zunächst jede Hunderasse, aber den sogenannten Gebrauchshunden fällt es einfacher“, so Behninger weiter. „Für den Hund ist die Arbeit Spaß und eine Kombination von Finden und Belohnung“, erläutert die 49jährige Altenkirchenerin. Die Hunde müssten hören, selbstständig sein, zusammen arbeiten wollen und vor allem auch bei einer längeren Suche motivierbar sein. 14 geprüfte Hunde Aktuell gehören 21 Mitglieder und 14 geprüfte Hunde dem 2001 gegründeten Verein an, fünf weitere sind noch in der Ausbildung. Die unterschiedlichen Rassen sind alle Familienhunde, die mit ihren Hundeführern die Vereinsarbeit ehrenamtlich ausüben. „Der Verein ist wie eine große Familie und mehr als ein Hobby“, schwärmt Andre Scheermann, der als Gruppenführer der Staffel eng mit der ersten Vorsitzenden zusammen arbeitet und sich aktuell in der Zugführerausbildung befindet. So gibt es ein Aktives Vereinsleben mit Weihnachtsfeier, Sommerfest, Arbeitseinsätzen, gemeinsamen Mittagessen an den Sonntagen und vieles mehr.

„Bei Einsätzen und dem Training lernen sich die Vereinsmitglieder auch in Stresssituationen kennen und eine Vertrauensbasis ist enorm wichtig, da sie sich im Ernstfall gegenseitig auffangen müssen“, betont Christine Behninger. Die Staffel ist 365 Tage im Jahr einsatzbereit und zuständig für den Hochsauerlandkreis, den Kreis Olpe und kommissarisch für den Kreis Siegen-Wittgenstein. Offizieller Vereinssitz ist in der Hansestadt Attendorn. Vermisstensuche Die Anzahl der jährlichen Einsätze variiert, ist von der polizeilichen Anforderung abhängig und konzentriert sich in unserer Region hauptsächlich auf die Vermisstensuche beispielsweise von Suizidgefährdeten, Demenzkranken oder verlaufenen Wanderern. „Eine Wärmebildkamera funktioniert nicht immer einwandfrei und ein ausgebildeter Flächenhund ist in der Lage etwa 30000 Quadratmeter in circa 20 Minuten abzusuchen“, erklärt die Hundebesitzerin. „Ohne die privaten und gewerblichen Sponsoren aus dem Einsatzgebiet wäre die Vereinsarbeit so nicht möglich“, weiß Materialwart Andre Scheermann, da viele Fahrtkosten anfallen und Einsatzkleidung, Geräte und das Einsatzfahrzeug immer für den Ernstfall bereit sein müssten. Der Verein freut sich zudem immer über Sachspenden und weitere zur Verfügung gestellte Trainingsgebiete. Der Vereinsbeitrag beläuft sich auf 70 Euro jährlich.
Der Verein stellt sich am Sonntag, 13. Dezember, in einer Hütte auf dem Attendorner Weihnachtsmarkt vor.
Ein Artikel von Cristin Schmelcher

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