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Attendorn, Attendorn, 31. Dezember 2015

Abendliche Stadtführung durch Attendorn

Lebendige Legenden

Lebendige Legenden
Fotos: Barbara Sander-Graetz
Mal lustig, mal lehrreich und immer ein Erlebnis: Die abendliche Stadtführung durch Attendorn mit Nachtwächter Dieter Auert und seinen Begleitern war auch in diesem Jahr wieder ein voller Erfolg. Rund 400 Besucher folgten dem 81-Jährigen an zwei Abenden durch die Hansestadt.

Es ist 19 Uhr am Mittwochabend. Rund 200 Menschen, ob groß oder klein, haben sich um Nachwächter Dieter Auert auf dem Alten Markt in Attendorn versammelt. Es weht ein kalter Wind. Mit Hellebarde und wehendem Mantel werden im flackernden Licht der rußigen Laterne alte Legenden der Hansestadt lebendig. Einige Kinder haben ebenfalls Laternen mitgebracht. Sie werden den Nachtwächter heute unterstützen. Der bläst pünktlich zur vollen Stunde mit dem Glockenschlag in sein Horn. Da erscheint aus der Wasserstraße der preußische Oberleutnant von der Linde. Tobias Schrottke, in der Uniform des Soldaten vom Landwehrbataillon 35, das im 19 Jahrhundert in Attendorn stationiert war und sein Vater Manfred Schrottke als Amtsdiener Hubert, werden den Nachtwächter heute begleiten.

„Der Nachtwächter in Begleitung eines Soldaten ging damals um 22 Uhr durch die Kneipen und machte den Zapfenstreich. Zum Zeichen des Feierabends wurde mit einem Holzstück auf den Zapfen der Bierfässer geschlagen (gestrichen) und dann hieß es zurück in die Unterkunft“, erklärt Dieter Auert eine seiner Funktionen. Nach der kurzen Einführung geht es zur ersten Station des Abends. Das ist der benachbarte Sauerländer Dom.
Eine kurze Verzögerung wartet an der Tür. Die ist verschlossen. Doch Küster Mathias Goebel löst das Problem in Windeseile. Schnell haben sich die Zuhörer um die Krippe in der St. Johannes Baptist Pfarrkirche neben dem Altar versammelt. Zunächst schmeißt Klaus Belke den Riemen auf seiner Drehorgel. Er begleitet die Gruppe heute. Weihnachtslieder ertönen in der Kirche. „Eine Drehorgel in der Kirche ist schon etwas besonders“, erklärt der Nachtwächter, „Aber was den Menschen Spaß macht, macht auch dem Herrgott Spaß.“ Gänsehautfeeling Anschließend erklärt er die Besonderheiten der Krippe. Er erzählt von den beweglichen Krippenfiguren, von den gebatikten Gewändern, die mit Goldfäden verziert worden sind und von den Figuren, die bis auf Ochse und Esel, die in Oberammergau gefertigt wurden, alle in Attendorn erschaffen sind. „Der kleine Junge, der Geschenke an die Krippe bringt, hat auch den typischen Attendorner Ostersemmel mitgebracht wie es sich in Attendorn gehört.“ Aber die Krippe ist noch nicht komplett. „Es fehlen noch die heiligen drei Könige. Die kommen in den Farben der gotischen Kirchenfenster dazu und symbolisieren Glaube, Hoffnung und Liebe.“
Nachdem auch der letzte Zuhörer ein Foto von der Krippe gemacht hat, geht es weiter Richtung evangelische Erlöserkirche. Doch zunächst ist der Schulhof des Rivius Gymnasium ein weiterer Stopp. Hausmeister Klaus-Jürgen Nothard hat die Beleuchtung in der Aula eingeschaltet. So erstrahlen die drei Jugendstilfenster in ihrer vollen Pracht in die Nacht. „Hier zeigt sich wieder, wahre Schönheit kommt von innen“, scherzt der Nachtwächter. „Diese wunderbaren Fenster kann man nur von hier unten im Dunkeln in ihrer ganzen Schönheit erkennen.“ Die drei Fenster, die wie durch ein Wunder den Krieg unbeschadet überstanden haben, sind ein beeindruckendes Zeugnis längst vergangener Tage. Es geht weiter zur Erlöserkirche. Hier ist es warm und schnell sind die Kirchenbänke und die Empore besetzt. In dem Augenblick sorgt Günter Sagafe, ehemaliger Herbergsvater auf der Burg Bilstein, für Gänsehautfeeling. Mit einem schottischen Dudelsack und im Kilt stimmt er in der Kirche Weihnachtslieder an. Später unterstützt ihn Klaus Belke noch auf seiner Drehorgel. „Das ist etwas ganz besonders“, findet auch Pastor Schliebener, als er die Gäste im Gotteshaus begrüßt. „Es war heute Abend eine ganz besonders tolle Tour“, verabschiedet sich später der Nachtwächter. „Es hat mich gefreut, dass so viele mit mir gegangen sind, aber auch, dass wir in den Gotteshäusern ein musikalisches Erlebnis bieten konnten, was es so schnell wohl nicht wieder geben wird.“
Ein Artikel von Barbara Sander-Graetz

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