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Attendorn, Attendorn-Niederhelden/-Mecklinghausen, 9. September 2015

Hilfe – gegen die Angst, für die Integration

Wenn Gertraud Schulte kommt, zeigt Liane, dass sie auf Deutsch schon bis zwölf zählen kann.
Wenn Gertraud Schulte kommt, zeigt Liane, dass sie auf Deutsch schon bis zwölf zählen kann.
Fotos: Barbara Sander-Graetz
Viele Menschen helfen den Flüchtlingen und Asylsuchende, die nach Deutschland kommen – zum Beispiel mit Patenschaften. Damit soll Menschen in Not die Orientierung erleichtert, Isolation vermieden, Alltagsprobleme gelöst und das Ankommen freundlich und menschlich gestalten werden. Familie Schulte aus Niederhelden hat solch eine Patenschaft übernommen.

Aslan hat Angst. Angst, dass er Fehler macht, wenn er in Deutschland einen Asylantrag stellt. Angst, dass sein Antrag nicht angenommen wird und er mit seiner Familie zurück nach Tschetschenien muss. Angst, dass er nicht schnell genug Deutsch lernt. Doch wenn Familie Schulte aus Niederhelden zu ihm und seiner Familie kommt, dann strahlt Aslan. Dann hat er keine Angst, denn Familie Schulte ist die Hilfe, die ihn auf die Zukunft für sich, seine Frau und seine vier Kinder hoffen lässt.

Aslan und seine Familie sind aus Tschetschenien geflohen. Das war vor sechs Jahren. Zunächst ging es nach Polen, von dort nach Frankreich. Hier heiratete die älteste Tochter. Doch der Rest der Familie wurde ausgewiesen. Die jüngste Tochter Liana ist fünf Jahre alt. Sie kennt nur Flucht. Über Bayern und Bielefeld kam Aslans Familie schließlich nach Attendorn und wurde in Mecklinghausen untergebracht. Die Familie spricht russisch, tschetschenisch, polnisch und französisch, doch deutsch ist für sie eine völlig neue Sprache. Wie sollte es weitergehen? Aslan hatte Angst.
Familie Schulte und die Familie aus Tschetschenien.
Die Idee zu helfen, kam Familie Schulte, als sie die Bilder der vielen Flüchtlinge in den Medien gesehen haben. „Hinzu kam ein Bericht von Wolfgang Langenohl (Mitglied der Attendorner SPD-Fraktion, Anm. d. Red.), der auch eine Patenschaft übernommen hat und andere ermutigte, es ihm nachzumachen“, erinnert sich Sandra Schulte. Ihre Eltern Gertraud und Norbert hatten ebenfalls das Gefühl, helfen zu müssen. Gesten zur Überwindung der Sprachbarriere Sie wandten sich zunächst an Wolfgang Langenohl und schließlich an Christiane Plugge vom Sozialamt der Stadt Attendorn. Sie schlug ihnen Aslans Familie im benachbarten Mecklinghausen vor. Die sechsköpfige Familie benötigte dringend Hilfe. „Sandra und ich sind samstags zum ersten Mal dorthin gefahren“, erzählt Gertraud Schulte. Doch nur die Kinder waren zu Hause, und die erwiesen sich als überaus gastfreundlich. „Wir bekamen sofort etwas angeboten, dabei konnten wir uns nur mit Händen und Füßen verständigen, denn keiner konnte die Sprache des anderen“, lacht Sandra Schulte.

Heute hilft oft Jakob, der Dolmetscher aus Attendorn. Den haben Aslan und seine Frau Madina zufällig im Supermarkt getroffen. Er hat spontan seine Hilfe angeboten, ehrenamtlich versteht sich. „Meine Engel“, sagt Aslan oft, wenn sie alle da sind. Die erste große Aufgabe, die Familie Schulte bewältigen musste, war die Einschulung von Ismail (16), Zaour (11) und Rayana (12). Liana benötigte außerdem einen Platz im Heldener Kindergarten. „Die Familie hatte nichts außer ein wenig Sommerkleidung. Wir haben zum einen über Facebook um Hilfe gebeten, aber auch Töpfe geöffnet wie das Teilhabe- und Bildungspaket oder den Gutschein der evangelischen Kirche zum Schulstart bekommen.“ Hilfe bei Behördengängen und beim Einkaufen
Behördengänge, der Gang zum Gesundheitsamt, es gab viel zu tun. „Wir haben aber auch ganz viel Unterstützung bekommen“, freut sich Sandra Schulte. „Alle drei Kinder gehen nun in Attendorn in die Schule, und Liana hat sich vom ersten Tag an im Kindergarten wohl gefühlt.“ Mutter Madina hält die 40 Quadratmeter, die die sechsköpfige Familie zur Verfügung hat, perfekt in Ordnung. Sie liebt, es für ihre Familie zu kochen und zu backen. „Samstags fahre ich mit der Familie zum Einkaufen“, erzählt Sandra Schulte, „dann gibt es wie bei uns einen wöchentlichen Großeinkauf.“

Norbert Schulte hat Aslan unter seine Fittiche genommen. „Er ist handwerklich überaus begabt, kann schweißen und LKW fahren. Wir sind dabei, um das Haus Ordnung zu schaffen und vieles hier wieder instand zu setzen.“ Nur bei der Mülltrennung gibt es noch Probleme. „Wie soll man das auch plausibel erklären?“ schmunzelt Norbert Schulte.
Norbert und Gertraud Schulte sowie Tochter Sandra.
Ein gutes Netzwerk für weitere Patenschaften wünscht sich Familie Schulte. „Es wäre sicher hilfreich, wenn es eine Liste mit Dolmetschern geben würde, die man schnell auch mal telefonisch erreichen könnte. Außerdem wäre ein Sozialkaufhaus klasse mit Möbeln, Inventar und alles, was man für den Start in einem neuen Land benötigt.“ Laptop gesucht - als Unterstützung beim Deutschlernen Eine große Bitte hat Familie Schulte noch: „Wir suchen eine gebrauchten Laptop für Aslan. Wir haben ein Sprachprogramm bekommen und brauchen dazu einen Laptop, damit Aslan täglich neben den Sprachkursen intensiver Deutsch lernen kann. Das würde ihm sicher viel seiner Angst nehmen, wenn er die Sprache verstehen würde.“
Ein Artikel von Barbara Sander-Graetz

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