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Attendorn, Attendorn, 10. Mai 2016

Firas Khalil spricht fünf Sprachen / Garant für eine bessere Verständigung mit Flüchtlingen

Dolmetscher auf Leihbasis

Firas Khalil.
Firas Khalil.
Fotos: Barbara Sander-Graetz
Firas Khalil kommt aus Aleppo (Syrien). Dort hat der 26-Jährige englische Literatur studiert. Bevor er seine Anschlussprüfung ablegen konnte, ist er geflohen. Ihm drohte der Einzug zum Militär. Nun ist er für drei Monate als Dolmetscher bei der Stadt Attendorn tätig und hilft als Flüchtling anderen Flüchtlingen. Das Attendorner Unternehmen Mubea macht das möglich. „Diese Konstellation hat sich durch Zufall ergeben“, sagt Dezernent Christoph Hesse von der Stadt Attendorn, „es war ein wirklich glücklicher Zufall.“ Dem allerdings eine gewisse Enttäuschung vorausging.

Der Reihe nach: Mubeas Unternehmensleiter Dr. Thomas Muhr hatte angesichts der steigenden Flüchtlingszahl auf der einen Seite und der drohende Fachkräftemangel auf der anderen Seite die Idee gehabt, zehn zusätzliche Ausbildungsplätze in seinem Unternehmen zu schaffen. Er trat an die Stadt Attendorn heran und bat um Hilfe bei der Auswahl geeigneter Bewerber.

„Voraussetzung war, dass sie mindestens Englisch sprechen und verstehen. Außerdem sollten sie eine Bleibeperspektive haben“, erzählt Christiane Plugge, stellvertretende Sozialamtsleiterin. 16 Personen erfüllten diese Ausgangsbedingungen und wurden zu einer Betriebsbesichtigung eingeladen. „Sieben sind nur erschienen und keiner von ihnen wollte eine Ausbildung machen.“ Die Ernüchterung bei Dr. Thomas Muhr und bei der Stadt Attendorn war groß. „Wir haben natürlich nach den Ursachen geforscht“, so Christiane Plugge. Es zeigte sich, dass die Asylsuchenden Ausbildungssysteme wie in Deutschland nur selten kennen. „Viele wollen keine Ausbildung, bei der der sie wenig verdienen, sondern sofort Jobs, die Geld in die Tasche bringen.“ Auf Praktikum folgt „Leiharbeit“ Über Bekannte erfuhr allerdings Firas Khalil von der Initiative des Attendorner Unternehmers. Er selbst wohnte zu dem Zeitpunkt in Meinerzhagen, bekundete aber trotzdem Interesse an der Firma und einer Stelle bei Mubea. Zunächst absolvierte er ein Praktikum in der Kantine. Nun ist er für drei Monate bei der Stadt Attendorn. „Mubea hat ihn uns geliehen“, so Christiane Plugge.

„Er ist für uns besonders wertvoll“, freut sich Christoph Hesse, „denn er spricht nicht nur deutsch und englisch, sondern auch arabisch, kurdisch und türkisch.“ Zusammen mit den Mitarbeitern der Stadt und den Angestellten, die ein Bundesfreiwilligenjahr absolvieren, ist er nun in den Unterkünften ein Garant für eine bessere Verständigung. „So hat Firas Khalili zusammen mit unserem Bufdi Maik Arens Bögen mit Infos über den Ausbildungs- und Kenntnisstand unserer rund 300 Asylbewerber erstellt. Anhand dieser Bögen mit allen Infos können wir jetzt die Daten bei Anfragen von potentiellen Arbeitgebern besser filtern.“ Eine enge Zusammenarbeit mit der Ausländerbehörde und den „Integration Points“ der Agentur für Arbeit und des Jobcenters kommt hinzu. Anlernen statt Ausbildung Dabei stellte sich auch heraus, dass die Vorstellung von einer Arbeit und einer Ausbildung weit auseinander liegen. „Eine dreijährige Ausbildung kennen die wenigsten. In den meisten Ländern, aus denen die Flüchtlinge zu uns gekommen sind, werden die Menschen in Berufen angelernt, können daher oft mehrere Tätigkeiten hauptsächlich im praktischen Bereich. Einen hohen Stellenwert haben Beschäftigungen in der Gastronomie und als Friseur. Metallberufe wie hier in der Region sind den meisten völlig fremd“, sagt Christiane Plugge.

„Viele, so ergaben die Rückmeldungen, haben zwar die Schule besucht, aber nur rund drei Viertel haben auch einen Schulabschluss“, weiß Bufdie Maik Arens. „Die wenigsten haben eine Ausbildung oder gar ein Studium.“

Firas Khalil weiß noch nicht, wie es für ihn in Deutschland weitergeht. Seit dem 1. Mai ist er anerkannter Asylbewerber und wohnt in Attendorn. Ob er hier sein Studium abschließen kann, ob er bei der Stadt Attendorn als Bufdie beschäftigt wird oder ob bei Mubea seine Zukunft liegt, darauf kann er bis jetzt nur mit einem Schulterzucken antworten.
Ein Artikel von Barbara Sander-Graetz

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