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Hotline: Integration, 24. August 2017

Karin Sopart, Koordinatorin für ehrenamtliche Flüchtlingshilfe in Elspe, im Interview

„Humor und Lachen verbindet auch in schwierigen Situationen“

Karin Sopart: „Humor und Lachen verbindet
Symbolfoto: © LoloStock / Fotolia
Welcher Impuls hat Sie dazu geführt, in der Flüchtlingshilfe in Lennestadt aktiv zu werden? 

Wir haben das Glück der „guten Geburt". Das ist ein Geschenk, keine Selbstverständlichkeit und nichts, auf das wir automatisch ein Anrecht haben. Die Bilder aus den Krisen- und Kriegsgebieten können niemanden kalt lassen. Was also, wenn wir die Betroffenen wären? Menschen, die bei uns Schutz und Hilfe suchen, sind auf Unterstützung angewiesen.

Ich finde es furchtbar, dass Deutschland im Ausland häufig nur als „Nazi-Deutschland" bekannt ist, und möchte zeigen, dass die Deutschen auch ein anderes Gesicht haben. Gerade in Zeiten erstarkender Rechtspopulisten muss man dagegenhalten. Jeder einzelne. Europaweit! 

Außerdem ist der Grund zu helfen auch ganz pragmatischer Art: Wenn wir die Menschen sich selbst überlassen und nicht an die Hand nehmen, werden wir auf kurze Sicht ein großes Problem bekommen. So bilden sich Parallelgesellschaften. Mit Hetzen und Wegsehen wurden Herausforderungen noch nie gelöst. 

Wenn wir diesen Menschen unsere Gesellschaft erklären und unsere Kultur näherbringen, wird Integration besser gelingen. Das muss in unser aller Interesse sein. Und zuletzt ist es auch ein persönlicher Gewinn, Menschen unterschiedlicher Nationen kennenzulernen und zu merken, wie viel Verbindendes es auch gibt! 

Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht? 

Positive und auch enttäuschende Erfahrungen. Das soll man nicht leugnen. Nur in der Auseinandersetzung miteinander kann man voneinander lernen. Die Menschen, die zu uns gekommen sind, sind meistens offen und dankbar für jede Unterstützung. Sie wissen Deutschland zu schätzen. Sie wünschen sich Demokratie und menschenwürdige Behandlung. Sie möchten Ruhe und Frieden. Sie hoffen auf ein besseres Leben und sind durchaus bereit, sich auch von ihrer Seite auf uns einzulassen. Dass das, je nach Kultur und Erlebtem, nicht einfach ist, ist natürlich. Wir erwarten aber von den Geflüchteten, dass sie sich voller Freude auf alles stürzen, was wir anbieten, und sind manchmal enttäuscht, dass es nicht so angenommen wird, wie wir es erwartet hätten. 

Eine Erfahrung ist auch, wie träge und unmotiviert Menschen werden, die zum Nichtstun verdammt sind und keinen strukturierten Tagesablauf haben. Selbst solche, die hoch motiviert und arbeitswillig gekommen sind. Interessant ist auch, dass ich noch nie ablehnende oder herablassende Behandlung durch männliche Asylbewerber erfahren habe. Ich werde akzeptiert und vor allem auch respektiert.
Karin Sopart.
Eine positive Erfahrung ist auch, dass meine Bitten um Unterstützung an Personen, die nicht im Helferkreis organisiert sind, immer auf offene Ohren gestoßen sind. Viele Paten haben inzwischen freundschaftliche Verbindungen zu den Asylbewerbern aufgebaut. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Nicht mehr als Helfer und Hilfesuchender. Das ist das Beste, was aus so einer Situation erwachsen kann. 

Aber meine persönlich wichtigste Erfahrung ist, dass wir Menschen, egal wo wir herkommen, welche Hautfarbe wir haben oder welche Sprache wir sprechen, alle gerne lachen. Es ist erstaunlich, wie Humor und Lachen auch in schwierigen Situationen verbindet.

Ein Lächeln kostet nichts und bewirkt so viel. Ach ja, und es kann nicht schaden, wenn man seinen Namen tanzen kann (lacht). Wo Sprache fehlt, hilft Pantomime unglaublich weiter. 

Was wünschen Sie sich zukünftig für Ihre Tätigkeit?

Dass meine tollen Elsper Helferkreis-Wegbegleiter bei der Stange bleiben. Dass sich vielleicht noch mehr junge Menschen aktiv beteiligen. Dass die Elsper als Dorfgemeinschaft weiter offen und zugewandt bleiben. Dass meine Familie mich weiterhin so gut unterstützt wie bisher. Dass ich mich auch selber immer wieder motivieren kann, weiterzumachen und die Kraft dafür habe. Dass der Austausch und Dialog mit der Stadt Lennestadt weiterhin positiv und fruchtbar bleiben.

Aber was ich mir auch sehr wünsche, ist eine Beschleunigung der Asyl-Verfahren. Dass die Asylbewerber und auch wir Helfer schneller Klarheit bekommen, wie es weitergehen kann und wer bei uns bleibt. Koordinierte Abläufe und enge Zusammenarbeit und Austausch zwischen den Behörden. Europaweit zentrale Datenbanken. Die Menschen müssen viel schneller sinnvolle Beschäftigung bekommen. Firmen mehr Praktikumsmöglichkeiten anbieten, Wohnraum muss geschaffen werden. Es sollte meiner Meinung nach auch Restriktionen geben, wenn angebotene Hilfe (z.B. Sprachkurse oder Praktika) nicht wahrgenommen werden. 

Ich wünsche mir außerdem, dass die politischen Parteien der Mitte Wege finden, die Deutschen bei dem Thema mitzunehmen und nicht den Rechtspopulisten das Feld überlassen. Mehr positive, Mut machende Berichterstattung. Die meisten Menschen sind gut, aber die schlechten beherrschen die Schlagzeilen. Ziel ist es aber, dass die Menschen, die bei uns bleiben, zu Freunden werden, sich als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft fühlen und wir als Helferkreis irgendwann überflüssig sind. 

4. Was ist Ihnen noch besonders wichtig mitzuteilen? 

Unsere Gesellschaft verändert sich gerade rapide. Es wird wieder gesellschaftsfähig, zu diskriminieren, öffentlich aufeinander rumzuhacken und rechts zu sein. Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr aufeinander zugehen, miteinander reden, achtsam miteinander umgehen. Ich möchte nicht, dass unsere Kinder und wir in einer Gesellschaft leben müssen, die voller Vorurteile, Angst, Ablehnung, Hass und Gewalt ist. In der man sich nicht über den Weg traut.

Den Menschen, die für uns alle den Kopf hinhalten, wie Polizei, Feuerwehr,  Rettungsdiensten etc. muss zwingend mehr Respekt entgegengebracht werden. Auch die Verunglimpfung von Politikern gehört sich nicht. Kritik und Meinungsverschiedenheiten gehören in einer Demokratie dazu. Aber bitte sachlich.

Demokratie, Menschenwürde, unser Grundgesetz und Europa sind unschätzbar wertvolle Dinge, die wir alle verteidigen sollten. Für uns und unsere Kinder. Ehrenamtliches Engagement kann einer der Wege dazu sein.
(LP)

Bildergalerie: „Humor und Lachen verbindet auch in schwierigen Situationen“