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Feuerwehr-Serie, 25. Oktober 2016

Kreisleitstelle nimmt Notrufe an und koordiniert Rettungseinsätze

Entscheidungen innerhalb weniger Sekunden

Zu Besuch in der Kreisleitstelle
Foto: Ina Hoffmann
Olpe. Dass man bei einem Notfall wie etwa einem Brand oder einem Unfall die 112 wählt, lernt man schon als Kind. Aber wer sitzt am anderen Ende der Leitung? Wie erreichen Notrufe die nächstgelegene Feuerwehr? Wie wird entschieden, welche Einsatzfahrzeuge auf den Weg geschickt werden? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, war LokalPlus zu Besuch in der Kreisleitstelle in Olpe.
Eine unscheinbare weiße Tür mit der Aufschrift „Kreisleitstelle“ im Kreishaus in Olpe. Dass dahinter etwas Wichtiges geschieht, verrät das elektronische Zahlenschloss an der Tür; nur wer den Code kennt, kommt hier herein. Jan Falke kennt den Code selbstverständlich. Der 45-Jährige ist seit zwei Jahren Chef der Kreisleitstelle und hat schon vorher dort als Disponent gearbeitet. Hinter der Tür befinden sich fünf Arbeitsplätze mit je fünf Computermonitoren und Touchscreens. Wenn man den Notruf 112 wählt und sich irgendwo im Kreis Olpe aufhält, landet der Anruf automatisch an diesen fünf Schreibtischen.

„Alle Notrufe aus dem gesamten Kreis Olpe werden von hier aus koordiniert. Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz und Hilfsdienste wie die Malteser werden von uns zum Einsatzort geschickt“, erklärt Jan Falke. Dabei hilft ein Computerprogramm: Das gibt Fragen vor, die vom Anrufer beantwortet werden müssen, um eine Entscheidung über die Hilfsmittel treffen zu können. Bevor der Anrufer anfangen kann zu reden, übernimmt der Disponent das Gespräch. Viele Menschen seien in einer Extremsituation so gestresst, dass sie manches vergessen, anderes mehrmals erzählen. Da müsse der Disponent einen kühlen Kopf bewahren und die Moderation des Gesprächs übernehmen. Die ersten Fragen sind immer: Was ist passiert? Wo ist es passiert? Wer ist in Not? Wer ruft an? Alarmierung in weniger als 60 Sekunden Das Computerprogramm hilft den Disponenten dabei. Es macht Vorschläge für Straßen- und Ortsnamen, verschiedene Arten von Notfällen und Einsatzmitteln, sobald die ersten Buchstaben eingetippt werden. So kann in kürzester Zeit der Notruf an die zuständigen Helfer weitergeleitet werden. „Schon nach 15 Sekunden kann ein Notruf von hier aus an die Feuerwehr oder den Notarzt weitergeleitet werden. Maximal eine Minute nach Eingang des Anrufs werden die Helfer alarmiert“, weiß Jan Falke.
Jan Falke (rechts, Leiter der Kreisleitstelle) und Dirk Dreistein, Disponent.
Auf den Monitoren kann jeder laufende Einsatz im Kreisgebiet eingesehen werden. „Außerdem können wir jedes Einsatzfahrzeug im Kreis sehen. Die einzelnen Fahrzeuge sind mit Nummer gekennzeichnet. Die 1 bedeutet „unterwegs“, die 2 „steht“, die 3 „Einsatz übernommen“, die 4 „am Einsatzort eingetroffen“ und so weiter, verrät Falke. Auf dem rechten Monitor fährt ein kleiner Krankenwagen über eine Landkarte. Da die Einsatzfahrzeuge über GPS verfügen, kann ihr Weg genau nachvollzogen werden. GPS als Hilfestellung Ein Monitor steht für Recherche zur Verfügung. „Wenn beispielsweise ein Notruf von der Bahn eingeht, müssen wir oft die genauen Strecken- oder Gleisnummern wissen. Weil man das nicht alles auswendig wissen kann, können wir auf dem gesonderten Monitor schnell nachschlagen“, erklärt der Leiter der Kreisleitstelle. Auf dem Schreibtisch ist ein Touchscreen angebracht: Die neue Telefonanlage ist erst seit 14 Tagen in Betrieb.

Jetzt kann intuitiv wie am Smartphone das Telefonat angenommen, das Telefonbuch durchgeblättert oder der Anruf noch einmal abgespielt werden. „Wenn man mit dem Handy anruft, wird hier auch sofort der Standort des Anrufers angezeigt. Das vereinfacht viele Gespräche, vor allem wenn sich die Anrufer nicht in der Gegend auskennen, in der sie gerade unterwegs sind oder im Wald ein Unfall passiert ist. Dann muss man nicht umständlich die Umgebung beschreiben, sondern weiß gleich, wo Hilfe benötigt wird“, erklärt Jan Falke. Das elektronische Herz im Keller Im Keller des Kreishauses befindet sich das Herz der Kreisleitstelle: Zwei Räume voller Technik mit Servern und Kabeln. „Alle Systeme sind mehrfach abgesichert. Wenn ein Computer ausfällt, können wir sofort auf einen anderen zugreifen. Fällt der auch aus, haben wir noch einen Notserver. Wenn der Funk ausfällt, haben wir sogar sieben Ersatzebenen. Sicher ist sicher“, so Jan Falke beim Anblick der blinkenden Lichter an den Servern. Sollte der Strom ausfallen, springt ein eigenes Notstromaggregat an. Als der Orkan „Kyrill“ vor neun Jahren auch im Kreis Olpe wütete, hat man so noch die Einsatzkräfte koordinieren können. Damit alle technischen Probleme schnellstmöglich behoben werden können, arbeiten zwei IT-Administratoren und ein Techniker für Telekommunikation für die Kreisleitstelle. „Die Technik ist sehr wichtig für unsere Arbeit. Wir gehen mit der Zeit und setzen immer die neusten Technologien ein. Aber noch wichtiger ist der Faktor Mensch. Was die Disponenten am Telefon leisten, kann niemals durch eine Maschine ersetzt werden“, weiß Falke. „Die Disponenten, die den Anruf entgegennehmen, müssen innerhalb von Sekunden entscheiden, welche Maßnahmen getroffen werden müssen und dabei oft den Anrufer beruhigen, der sich gerade in einer Extremsituation befindet“, weiß Jan Falke aus eigener Erfahrung. „Viele denken, das ist ein recht einfacher Schreibtischjob. Aber wir wissen, was da draußen los ist und wie die Arbeit der Feuerwehr und Sanitärer abläuft“. Praktische Erfahrung für den Schreibtisch-Job Viele der 16 Disponenten in der Kreisleitstelle fingen bei der Jugendfeuerwehr an oder absolvierten ihren Zivildienst beim Rettungsdienst. Der nächste Schritt ist die Ausbildung zum Berufsfeuerwehrmann, mit dazugehöriger Ausbildung zum Rettungsassistenten. Zusätzlich kann man sich dann zum Disponenten ausbilden lassen und lernt in der Kreisleitstelle von einem Tutor, wie die Arbeit dort abläuft. Auch Grundwissen über den Kreis Olpe und die verschiedenen Feuerwehren, Rettungs- und Hilfsdienste müssen erlernt werden. „Die Disponenten des Kreises Olpe hospitieren regelmäßig bei Berufsfeuerwehren und beteiligen sich zusätzlich 30 Stunden jährlich an der Arbeit der Rettungsdienste, um sich fortzubilden und nicht aus der Übung zu kommen“, erklärt Jan Falke.

Denn gerade medizinische Notfälle seien es, die den Disponenten mit dem vermeintlich ruhigen Schreibtischjob oft das Meiste abverlangen: „Sie müssen sich in die Lage der Anrufer hineinversetzen, obwohl sie die Situation nicht selbst sehen können. Sie bleiben immer am Telefon, bis der Notarzt oder Rettungswagen eintrifft. Wenn man da mal zehn Minuten durch eine Reanimation geleitet hat, braucht man erstmal eine Pause“, weiß der 45-jährige. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag  „Hier in der Kreisleitstelle sind alle sehr engagiert. Es werden immer wieder neue Ideen umgesetzt, um den Menschen noch schneller helfen zu können. So sammeln wir gerade in einer Karte alle Standorte von Defibrillatoren im Kreis, damit der Disponent die Helfer im Bedarfsfall zum nächstgelegenen Standort lotsen kann. Der aktuelle Leitfaden für eine Reanimation wurde auch von einem Kollegen entwickelt“, verrät er.

Damit jederzeit Hilfe alarmiert werden kann, ist die Kreisleitstelle rund um die Uhr personell besetzt: Drei der 16 Disponenten sind in jeder Schicht im Einsatz. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Da ist es ganz normal, wenn man auch an Weihnachten, Silvester, Neujahr oder anderen Feiertagen mal arbeiten muss. „Wir achten darauf, dass alle gleichmäßig an den Feiertagen arbeiten. Wer an Weihnachten Dienst hat, hat dafür den ersten und zweiten Weihnachtstag frei. Aber so schlimm ist es gar nicht, an diesen Tagen Schicht zu haben. Wir machen es uns auch hier weihnachtlich“, so Falke. 100 Anrufe pro Tag Etwa 100 Anrufe gehen in der Kreisleitstelle am Tag ein. Das klingt erst einmal viel, aber in den Großstädten ist natürlich sehr viel mehr los. Im Kreis Olpe sei es verglichen mit anderen Kreisen und Städten relativ ruhig. „Der ländliche Raum hilft sich oft noch selbst. Da fährt man den verletzten Nachbarn mal schnell mit dem eigenen Auto ins Krankenhaus statt einen Rettungswagen zu rufen“, weiß Falke.

Es bleibt zu hoffen, dass Jan Falke und die Disponenten des Kreises weiterhin vergleichsweise ruhige Dienste haben. Und wenn man einmal Hilfe benötigt, kann man sicher sein, dass in der Kreisleitstelle alles getan wird, um schnellstmöglich Einsatzkräfte zum Unfallort zu schicken.
Ein Artikel von Ina Hoffmann

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