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Kreis Olpe, 13. September 2017

Info-Abend: SPD-Kandidatin Nezahat Baradari zeigt mit Expertenrunde Probleme auf

Abschied vom vertrauten Arzt: Gesundheitssystem vor massiven Veränderungen

Abschied vom vertrauten Arzt: Gesundheitssystem vor massiven Veränderungen
Foto: © RioPatuca Images / Fotolia
Kreis Olpe. Spontaner Beifall im Kolpinghaus: Ein Arzt aus Olpe stellte jetzt die Systemfrage und bemängelte, dass Gesundheits- und Pflegebereich nach Marktkriterien organisiert seien – und nicht als „Elemente der Daseinsvorsorge“ betrachtet würden. Keiner würde auf die Idee kommen, die Feuerwehr nach Marktkriterien zu organisieren, so der Diskussionsteilnehmer. Um „Medizinische und pflegerische Versorgung im ländlichen Raum“ ging es bei der Info-Veranstaltung der SPD-Kandidatin für die Bundestagswahl.

Nezahat Baradari hatte dazu sechs Experten eingeladen, die Probleme und Handlungsmöglichkeiten aus Sicht ihrer Fachbereiche schilderten. Baradari, selbst Ärztin, moderierte eine von Kompetenz und Sachlichkeit geprägte Veranstaltung, die ohne schrilles Wahlkampfgetöse oder Lagerdenken Probleme aufzeigte, aber auch Lösungsmöglichkeiten ansprach. Deutlich wurde die Aufforderung an die Politik, die Richtung vorzugeben und Ziele nicht durch Gremien oder Interessengruppen vorgeben zu lassen. „Genug Geld im System“ Johannes Schmitz, Geschäftsführer der Katholischen Hospitalgesellschaft Südwestfalen, die die Krankenhäuser im Kreis Olpe betreibt, setzte dabei ebenso wie Stefan Spieren, Allgemeinmediziner aus Wenden, auf mehr Kooperation zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Weitgehende Einigkeit bestand auch darüber, „dass genug Geld im System sei“. Eine Abschaffung der Doppelstrukturen könne das System effizienter machen und Mittel für eine bessere Versorgung freisetzen. Auch die Patienten müssten umdenken. Sie können nicht mehr erwarten, immer den gleichen Arzt anzutreffen, so Spieren.
Kompetent und sachlich diskutierten die Experten die Probleme der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum.
Die sich abzeichnenden Versorgungslücken im ländlichen Raum seien in erster Linie personelle Lücken. „Wir brauchen spezialisierte Beschäftigte“, so Schmitz. Das sei nicht nur eine Frage des Geldes, sondern ein Problem der sozialen Anerkennung. Vor allem forderte der Klinik-Geschäftsführer, Sektorengrenzen zu schleifen und derzeitige Doppelstrukturen abzuschaffen. Da, kündigte er an, werde man im Kreis Olpe neue Wege gehen. „Ärzten roten Teppich ausrollen“ Als „tragisch“ sieht Stefan Spieren es an, dass die Situation des Ärztemangels seit fünf Jahren bekannt, aber nichts geschehen sei. „In Siegen sollen Ärzte gebacken werden. Man vergisst aber, dass wir hier keine Ärzte haben, die ausbilden sollen“, sieht er neue Ideen der schwarz-gelben Landesregierung skeptisch. Denn: Viele Ärzte stünden vor dem Erreichen der Altersgrenze. „Medizin ist weiblich“, war ein Schlagwort des Abends. Grund: Der Anteil der Frauen unter der Ärzteschaft nimmt deutlich zu. Die wollen aber nicht mehr in alter Landarzt-Manier 60 Stunden in der Woche dienstbereit sein, sondern sich auch um Kinder und Familie kümmern.

Man müsse Ärzten „den roten Teppich ausrollen“, so Spieren, müsse die Region attraktiv machen. Dazu gehört für den Ärztevertreter auch, Kita-Plätze vorzuhalten, schnelles Internet, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten für den Partner und bezahlbares Bauland. Ansonsten würden junge Mediziner weiter Ballungsräume bevorzugen.
Burkhard Blienert (SPD-MdB) schilderte die Herausforderungen für die Politik.
Wolfgang Fischbach, Leiter der Fortbildungsakademie für Gesundheitshilfe, nannte Ansätze, mehr Personal für den Gesundheitsbereich in der Region selbst auszubilden. Er plädierte, wie andere auch, dafür, dem Pflegepersonal mehr Verantwortung zu übertragen. Eine richtige Weichenstellung sei die Neuregelung der Ausbildung für Pflegeberufe gewesen, die erst vor wenigen Monaten beschlossen worden ist. Psychischer Bereich „extrem unterversorgt“ Auf Versorgungsdefizite in bestimmten Regionen machte Waldemar Radtke, Leiter der AOK-Regionaldirektion Aachen, aufmerksam. Auch für ihn war das keine Frage des Geldes. Neben einer besseren Vernetzung von ambulanten und stationären Angeboten forderte er auch eine Neuregelung der Beitragszahlung. Dass allein die Versicherten steigende Kosten zahlen müssen, „ist nicht richtig“, sagte er. Gesundheitspolitik sollte die Politik entscheiden und nicht durch Institute vorgeben werden.

Eklatante Mängel und „extreme Unterversorgung“ machte Petra Weinbrenner-Dorff, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaften der Selbsthilfegruppen im Kreis Olpe, besonders im Bereich der psychischen Versorgung aus. Hier gebe es Wartezeiten bis zu einem Jahr, was untragbar sei. Auch Selbsthilfegruppen seien bereits überlastet. Zusätzlicher Bedarf ergebe sich durch traumatisierte Flüchtlinge. Weitere niederschwellige Angebote seien wünschenswert.

Johannes Schmitz kündigte in dem Zusammenhang Überlegungen an, eine Institutsambulanz für psychiatrische Versorgung in Altenhundem aufzubauen, verwies aber auch auf „hierarchische Ebenen“, die zu Zeitverlusten führten. Kostensteigerung nicht nur auf Arbeitnehmer abwälzen Burkhard Blienert (MdB), der für die SPD im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages sitzt, skizzierte die gesundheitspolitischen Herausforderungen. Dazu gehören für ihn die Beitragsstabilität und die Rückkehr zur Parität bei der Beitragszahlung. Die SPD fordert, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer wieder jeweils zur Hälfte die Kassenbeiträge zahlen. Zudem sprach sich Blienert für eine Bürgerversicherung aus. Gesetzliche und private Krankenversicherungen müssten zusammenwachsen. „Medizinische Gesundheitszentren werden an Bedeutung gewinnen“, so der SPD-Gesundheitsexperte. Das heiße auch, dass es künftig im ländlichen Bereich weniger Ärzte vor Ort geben wird. Für noch nicht abschätzbar hält Blienert die Kosten durch den medizinischen Fortschritt.

Nach Einschätzung der Experten werden sich die Menschen im ländlichen Raum sehr bald „damit anfreunden müssen, dass wir nicht immer den gleichen Arzt sehen“, brachte Allgemeinmediziner Spieren die Entwicklung auf den Punkt. Das Problem, wie Patienten zum Arzt kommen, wenn der vor Ort nicht mehr verfügbar ist, sprach Nezahat Baradari an. Der öffentliche Personennahverkehr in derzeitiger Aufstellung werde da keine große Hilfe sein.
Moderierte den Abend: Nezahat Baradari.
Ein Artikel von Rüdiger Kahlke

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