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Bundestagswahl, 19. September 2017

Vor der Bundestagswahl 2017: Ingeborg Mohr-Simeonidis, Die LINKE, im Interview

„Die soziale Schieflage muss endlich angegangen werden“

Ingeborg Mohr-Simeonidis, Die LINKE.
Ingeborg Mohr-Simeonidis, Die LINKE.
Foto: privat

Ihr Wahlkampf-Slogan lautet „Sozial. Gerecht. Frieden.“ Bitte erklären Sie das in einigen Sätzen.

Sozial. Gerecht. Frieden. Für Alle - Die Zukunft für die wir alle kämpfen. Ausgleich im Inneren und in den Außenbeziehungen ist der Schlüssel zur Realisierung unseres Slogans.

Der ländliche Raum – und damit auch Südwestfalen und der Wahlkreis 149 – steht angesichts des demografischen Wandels vor mehreren großen Herausforderungen. Eine davon ist die Flucht junger Menschen vom Land in die Ballungszentren und Großstädte. Wie lässt sich das verhindern?

Mehr berufliche Chancen, kulturelle Infrastruktur, Ausbau des ÖPNV und der Breitbandversorgung und deutlich besseres Kinderbetreuungsangebot machen auch den ländlichen Raum attraktiv. Landwirtschaft von Breitbandnetz unberücksichtigtIn Sachen Digitalisierung und schnelles Internet hinkt der Kreis Olpe hinterher. Der geförderte Breitbandausbau beginnt frühestens im Februar 2018. Muss sich die Wirtschaft im Kreis Olpe Sorgen machen, weiter wichtige Zeit zu verlieren oder womöglich sogar abgehängt zu werden mit Blick auf die stetig weiter voranschreitende Digitalisierung?

Ja, Sorgen muss sich der Kreis machen. Der geplante Ausbau des Breitbandnetzes (Glasfaser) beginnt zu spät und umfasst leider nur wenige Gewerbegebiete. Die moderne Landwirtschaft bleibt leider unberücksichtigt.

Was braucht die Wirtschaft in Südwestfalen außerdem, um ihren Status als drittstärkste Region Deutschlands halten und ausbauen zu können?

Behebung des Fachkräftemangels durch den Ausbau der Ausbildungsmöglichkleiten in mehr interessanten Berufsfeldern, Abschaffung der Befristung von Arbeitsverträgen bis auf wenige Ausnahmen, und Steigerung der Attraktivität des ländlichen Raumes (s. Frage 2). „Ärztinnen sollen Beruf und Familie vereinen können“Wie lässt sich die medizinische, hausärztliche und pflegerische Versorgung auf dem Land sicherstellen?

Verteilung/Zulassung der Praxen durch die Kommunen und nicht durch die Kassenärztlichen Vereinigungen, Steigerung der Attraktivität durch gesicherte (Klein-)Kinderbetreuung, sodass Ärztinnen und Pflegerinnen keine Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie mehr haben.

In einem Kommentar hat Harald Freiberger von der Süddeutschen Zeitung vor kurzem ein Gefälle zwischen boomenden Städten und der „verödenden“ Provinz beklagt. Seine Forderung für die Zeit nach der Bundestagswahl: ein „nationaler Pakt für die Entwicklung der ländlichen Gebiete“, u.a. für Unterhalt und Ausbau öffentlicher Straßen und des Nahverkehrs, für Digitalisierung und für die Schulen und Kindergärten. Wie bewerten Sie diese Forderung?

Diese Forderung (Pakt für die Entwicklung ländlicher Gebiete) ist längst überfällig. DIE LINKE hat diese Forderungen seit ihrer Gründung in jedem ihrer Programme. „Mehr Lehrer benötigt“Stichwort Bildung, Stichwort Ausfall von Unterrichtsstunden. Brauchen wir mehr und besser qualifizierte Lehrer? 

Das dreigliedrige Schulsystem verschärft die Probleme im Bereich Bildung. Es ist ein Relikt aus der Feudalzeit, dem DIE LINKE das Konzept "Eine Schule für Alle" entgegensetzt. Unabhängig davon brauchen wir in der Tat mehr Lehrer. Bessere Ausbildung ist nur in ausgewählen Bereichen wie praktische Wirtschaftslehre und Medienkompetenz erforderlich. Die Einstellung von Quereinsteigern dagegen senkt die Unterrichtsqualität.

Befristete Arbeitsverhältnisse, viele Niedriglohn-Jobs, drohende Altersarmut und weiter steigende Preise auf dem Immobilien- und Wohnungsmarkt. Wie lassen sich diese gegensätzlichen Themenkomplexe miteinander in Einklang bringen?

Die Themenkomplexe sind keineswegs gegensätzlich. In unserem gegenwärtigen Gesellschaftsmodell ist die stetige Verschlechterung der Lage der weniger Betuchten ("Prekariat") beabsichtigt und Voraussetzung für den exorbitanten Einkommenszuwachs der Superreichen und die Explosion bei Immobilienpreise. Nur das das Steuer-, Wirtschafts und Gesellschaftskonzept der LINKEN kann die Einkommensschere schrittweise wieder schließen. „Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen“Der Diesel-Skandal löst seit kurzem heftige Debatten aus, bei Windenergie und erneuerbaren Energien handelt es sich bereits seit längerem um Streitthemen. Wo und wie positionieren Sie sich in Sachen Umweltpolitik?

Der Diesel-Skandal zeigt, inwieweit den Aussagen von Managern insbesondere der großen Konzerne getraut werden kann. Kanzlerin Merkel und Verkehrsminister Dobrindt verurteilen das Verhalten der Autokonzerne verbal, stellen sich aber schützend vor sie. Dasselbe bei den Energiekonzernen. Deshalb musste der Ausbau der Erneuerbaren unbedingt gebremst werden. Möglichst ohne dass der Bürger dies mitbekommt.

Angesichts der Terroranschläge, die in den vergangenen Monaten in Europa verübt worden sind, ist die Debatte um innere Sicherheit wieder hochaktuell. Braucht es mehr innere Sicherheit – und falls ja, wie genau sollte das Ihrer Meinung nach aussehen?

Innere Sicherheit ist in Wahrheit nicht wirklich durch Terror bedroht. Obwohl jeder einzelne Tote oder Verletzte ein zerstörtes Leben bedeutet, um das wir trauern, ist die Zahl der Betroffenen im Verhältnis zum Beispiel zu den Toten durch Krankenhauskeime verschwindend gering. Dennoch ist mehr Personal bei Polizei und Justiz zur zügigen Ahndung von Gesetzesübertretungen sinnvoll und erforderlich jedoch keine Änderung der Gesetze. „Öffnung für Menschen ist Entwicklungsschub“Lennestadts Bürgermeister Stefan Hundt sagte kürzlich, in seiner Stadt sei das „Ankommen“ der Flüchtlinge geschafft. Jetzt müsse der Fokus auf die Integration der Menschen gelegt werden. Teilen Sie diese Ansicht? Und welche Potentiale sehen Sie für Gesellschaft und Arbeitsmarkt?

Ja. Ich teile diese Ansicht. Die Geschichte lehrt uns, dass die Öffnung der Gesellschaft für Menschen aus anderen Kulturen immer zu einem Entwicklungsschub geführt hat, zu einem Plus an Kreativität. Kurzfristig stehen die Anstrengungen zur Integration im Fordergrund. Langfristrig profitieren Wirtschaft und Gesellschaft.

AfD, Pegida und besorgte Bürger: Seit der Flüchtlingskrise finden rechtspopulistische und offen fremdenfeindliche Thesen vermehrt Gehör und Verbreitung. Wie beurteilen Sie das?

Menschen, die sich gegenüber Neuem verschließen oder sogar mit Angst reagieren, hat es immer gegeben. Sie haben nur über Jahrzehnte kein Forum gehabt, um ihre Abwehr in die Öffentlichkeit zu bringen. Die "neuen Medien" haben Politik und "alte" Medien überrollt und überrumpelt, und zu teils unüberlegten bis irrationalen Reaktionen veranlasst. Soziale Schieflage angehenWelche Themen, die in diesem Interview bislang noch nicht angesprochen wurden, verfolgen Sie außerdem?

Inklusion, Zwei-Klassen-Medizin und Abhängigkeit der privaten Rentenversicherungen von den Kapitalmärkten

Vervollständigen Sie abschließend folgenden Satz: Sie sollten in den Bundestag einziehen und den Wahlkreis 149 in Berlin vertreten, weil...

... die soziale Schieflage hinsichtlich prekärer Beschäftigung und Wohnraumangebot endlich angegangen werden muss.
Zur Person
Wohnort: Reichshof-Hunsheim

Familienstand: verwittwet

Beruf: Dipl.-Psychologin, Betriebsratsvorsitzende


Parteimitglied: seit 2007

polit. Ämter: Mitglied des Kreistages des Oberrbergischen Kreises und Mitglied des Gemeinderates der Gemeinde Reichshof

Politisches Vorbild: Klara Zetkin

Hobbys: Musik (Kirchenmusik C-Prüfung), Tiere (Katzen, Hunde, Vögel)

Stärken: Engagement für Menschen/Kollegen, machbare Lösungen finden und umsetzen, Standfestigkeit und Durchhaltevermögen

Schwächen: Bedürfnis nach Harmonie, Bedürfnis nach Harmonie, Bedürfnis nach Harmonie
(LP)

Bildergalerie: „Die soziale Schieflage muss endlich angegangen werden“