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Attendorn, 10. November 2016

Denkmäler erinnern an jüdische Opfer des Nazi-Regimes

„Geh Denken“: Symbolische Reinigung der Attendorner Stolpersteine

Symbolische Reinigung der Attendorner Stolpersteine
Foto: Barbara Sander-Graetz
Attendorn. Unter dem Motto „Geh Denken“ sind am Mittwoch, 9. November, die Stolpersteine in Attendorn gereinigt worden: Dabei handelt es sich um kleine Denkmäler, die an die Vertreibung und Ermordung von Juden und anderweitig Verfolgten des Nazi-Regimes erinnern. Rund 30 Personen beteiligten sich an der symbolischen Aktion am 78. Jahrestag der Reichspogramnacht, darunter Bürgermeister Christian Pospischil.

Auf den 10 x 10 Zentimeter großen Granitquadern mit eingelegter Messingplatte sind Name, Geburtstag und -ort sowie Todestag derjenigen jüdischen Mitbürger eingraviert, die während der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern oder anderswo umgebracht worden sind oder die den Freitod vor dem befohlenen Abtransport wählten. Die Steine sind vor Wohnungen oder besonderen Plätzen, die für die ehemaligen Mitbürger von besonderer Bedeutung waren, verlegt worden.

Die Teilnehmer der symbolischen Aktion reinigten die insgesamt 14 Stolperscheine, die an den vier Standorten an der Niedersten, Kölner und Wasserstraße sowie im Bereich „Am Gerbergraben/Bleichergasse“ zu finden sind. „Das letzte Mal haben wir die Steine vor dem Stadtfest für eine Führung gereinigt“, erklärte Hartmut Hosenfeld zu Beginn. Seit über 40 Jahren erforscht der pensionierte Schulleiter und Buchautor das Leben der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Attendorn. Ebenso wie Brigitta Puth gehört er zu den Initiatoren des Projekts Stolpersteine in der Hansestadt. Ansprachen mit mahnenden Worten Puth hatte für ihre Ansprache mahnende Worte gewählt: „Antisemitismus und Rassismus begegnen uns auch heute noch jeden Tag. Darum ist es so wichtig, dass Menschen sich zusammenfinden, um dagegen vorzugehen.“ Anschließend gab sie einen kurzen historischen Rückblick auf die Ereignisse, die zur Verfolgung und Ermordung der Juden geführt hat.

Hartmut Hosenfeld appellierte schließlich an alle: „Wir stehen hier vor einem Mahnmal, einem Denkmal. Denk mal! Denk mal nach! Überleg mal. Dieses Denkmal, diese Stolpersteine sollen sich der Devise entgegenstellen, dass die Zeit alle Wunden heilt.“ Auch heute gebe es unbelehrbare Anhänger der „verwerflichen“ rechtsextremen und Nazi-Ideologien. „Sie rufen ihre Parolen und besetzen den öffentlichen Raum. Ihre erklärten Ziele sind die Abschaffung der Demokratie und Demontage der Bürger- und Menschenrechte. Dazu tragen sie Gewalt und Hass unter die Menschen“, sagte Hosenfeld.  Anschließend packte er seine Putzutensilien aus. Das war der Startschuss für die Putzaktion. Die Teilnehmer um Bürgermeister Pospischil brachten in Höhe des Drogeriemarkts Rossmann die Stolpersteine auf Hochglanz, die an Hermann Stern, Emilie Stern, Emil Stern, Betty Stern und Erna Falk erinnern. Später ging es weiter zu den übrigen Standorten.  

Die Initiatoren der Aktion erinnerten an jeden einzelnen, dem ein solches Denkmal gewidmet war, indem sie mit biografischen Daten aufwarteten. Damit sollen die Opfer des Nazi-Regimes vor dem Vergessen bewahrt werden. „Diese deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens waren seit Hunderten von Jahren in Attendorn ansässig. Sie waren zunächst angesehene und geachtete Mitbürger, Arbeitgeber, Wohltäter, Mitglieder des Stadtrates und sogar stellvertretender Bürgermeister, bevor sie von den Nationalsozialisten und ihren Mittätern verleumdet, geächtet, entrechtet, ausgeplündert, verarmt und vernichtet wurden“, sagte Hosenfeld.

Das geschah genau vor 78 Jahren, am 9. und 10. November 1938, der sogenannten Reichsprogromnacht. In dieser Nacht kam es in ganz Deutschland zu von den Nationalsozialisten organisierten und gewalttätigen Übergriffen auf jüdische Menschen, Geschäfte und Einrichtungen.
Ein Artikel von Barbara Sander-Graetz

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