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Lennestadt, 26. Dezember 2016

Zu Gast in der Wollwerkstatt des Museums der Stadt Lennestadt

Schüler versuchen sich am Spinnrad

Am Spinnrad dürfen die Schüler selbst Hand anlegen.
Am Spinnrad dürfen die Schüler selbst Hand anlegen.
Foto: Ina Hoffmann
Grevenbrück. Im Museum kann man in einem alten Schulzimmer am eigenen Leib erfahren, wie eine Schulstunde vor 100 Jahren ablief. Auch in der Wollwerkstatt wird Geschichte lebendig: Hier können Kinder und Jugendliche selbst Hand anlegen und erfahren, wie aus Wolle Kleidung wird. Eine Gruppe von Schülern, alle zwischen elf und 15 Jahre alt, aus der Janusz-Korczak-Schule in Grevenbrück erfährt an diesem Morgen, wie schwierig es in früher Zeit war, Kleidung herzustellen.

„Ich gucke nur zu!“, „Ich will nicht flechten!“. Darin sind sich die Schüler gleich einig, als sie das Museum betreten. Aber diese Meinung ändert sich schnell, als Liesel Steffens, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Wollwerkstatt des Museums, ihnen Wolle in die Hand gibt und sie auffordert, durch Rollen einen Faden herzustellen. Jetzt ist der Ehrgeiz geweckt, alle wollen einen perfekten Faden machen. Die Wollwerkstatt In der Wollwerkstatt erfahren die Schüler bei einem Rundgang, wie die Menschen in früherer Zeit ihre Kleidung und andere nützliche Dinge aus Wolle und anderen Fasern selbst herstellten. Besonders faszinierend sind dabei die großen Webstühle. „Der größte Webstuhl ist jetzt über 100 Jahre alt und immer noch in Betrieb. Er wurde aus massivem Eichenholz gefertigt und ist deshalb sehr schwer. Fünf Männer waren nötig, um die Einzelteile ins Museum zu bringen“, erinnert sich Ingrid Knappstein.

„Der Webstuhl ist eine Dauerleihgabe von Irmgard Baumhoff-Jacobs. Ihr Vater war Weber und von ihm hat sie selbst das Weben gelernt. Heute engagiert sie sich für das Museum und zeigt hier uns Anfängern das Weben“, erklärt Ingrid Knappstein aus Theten.
Der 100 Jahre alte Webstuhl wird noch genutzt.
Vor neun Jahren nahm sie aus Spaß an einem Webkurs für Anfänger teil und war gleich begeistert. Seitdem engagiert sie sich ehrenamtlich in der Wollwerkstatt des Museums und trifft sich dort jeden ersten Sonntag im Monat mit ihren Kolleginnen Katharina Vollmerhaus, Liesel Steffens und Webmeisterin Sabine Ebenhard, um gemeinsam zu weben. Langwierige Vorarbeiten „Die Leute fragen dann immer, was wir mit den ganzen Sachen machen, die wir hier herstellen“, sagt Ingrid Knappstein und lacht. „Dann müssen wir erst einmal erklären, wie kompliziert und langwierig es ist, etwas an einem alten Webstuhl zu weben: Erst muss man sich entscheiden, was man machen möchte, welches Muster es haben und wie groß es werden soll. Danach entscheidet sich, wie lang der Faden sein muss. Die Fäden müssen gewickelt und die Kette aufgebäumt werden. Dann wird der Webstuhl eingerichtet. Die Fäden müssen in der richtigen Reihenfolge auf die Kämme gezogen werden, sonst funktioniert das Muster nicht. Die Vorarbeiten dauern länger als das Weben selbst“. "Gar nicht so leicht" Von den Elsper Spinnerinnen lernte Ingrid Knappstein das Spinnen - „eine beruhigende Arbeit“, wie sie findet. Interessiert sehen die Elf- bis 15-Jährigen ihr dabei zu, wie sie den ersten und zweiten Faden aus Wolle spinnt und sie mit dem Spinnrad zu einem festen Faden verbindet. Von der ablehnenden Haltung vom Anfang ist jetzt nichts mehr zu spüren. Steven möchte sich gerne selbst ans Spinnrad setzen und lernt, vorsichtig die Wolle zu spinnen. „Das ist gar nicht so leicht“, bemerkt er. Trotzdem ist der Schüler interessiert bei der Sache.
Die anderen Schüler suchen sich in der Zeit ihre Wunschfarben für die Freundschaftsbänder aus, die sie unter Anleitung von Liesel Steffens anfertigen. Nur mithilfe eines Bierdeckels entsteht aus sieben Fäden ein Band mit der Kumihimo-Technik. Die Schüler sind konzentriert bei der Arbeit und zeigen stolz ihre Fortschritte. „Das erleben wir immer wieder. Sobald die Kinder anfangen, selbst etwas herzustellen, und sehen, dass es funktioniert und etwas dabei entsteht, sind sie begeistert. Wir müssen die meisten ermahnen, beim Treppensteigen aufzuhören, damit sie nicht stolpern“, weiß Liesel Steffens.
Gemeinsam tundeln Liesel Steffens und Steven ein Band.
Gemeinsam mit Steven möchte Liesel Steffens eine besondere Knüpfmethode vorstellen: das Tundeln, eine historische Flechttechnik aus Dänemark. Dazu knüpft sie vier Bänder zusammen und hängt sie an einen Holzständer. Das Ende jedes Fadens bekommt ein kleines Säckchen zum Beschweren. Dann werfen sich die beiden die Säckchen abwechselnd zu, sodass sich die Fäden miteinander verflechten und ein hübsches Muster entsteht. „Das Flechten eignet sich wunderbar zur Förderung der Konzentration, Koordination und Feinmotorik“, stellt Liesel Steffens immer wieder fest. „Uns allen liegt der Stellenwert der Handarbeit sehr am Herzen. Wir möchten, dass die alten Techniken nicht in der Vergessenheit geraten und zeigen immer wieder gerne, was früher alles getan werden musste, um etwas selbst zu produzieren“, sagt Ingrid Knappstein. Und dafür finden sie durch die Arbeit der Wollwerkstatt auch bei Kindern und Jugendlichen ein offenes Ohr.
Ein Artikel von Ina Hoffmann

Bildergalerie: Schüler versuchen sich am Spinnrad