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Kreis Olpe, 18. November 2017

Lea Engelbrecht bloggt für LokalPlus: Aus der Sicht einer Schülerin

„I bims“, „trumpeten“, „selfiecide“: Jugendwörter als Fremdsprache?

„I bims“, „trumpeten“, „selfiecide“: Jugendsprache als Fremdsprache?
Symbolfoto: © Syda Productions / Fotolia
Kreis Olpe. „I bims“ (Verballhornung von „Ich bin´s“) ist am Freitag, 17. November, zum Jugendwort des Jahres 2017 gekürt worden. Unsere Bloggerin Lea Engelbrecht, 15 Jahre alt, Schülerin und aus Schmallenberg, hat sich im Vorfeld mit dem Thema Jugendsprache auseinandergesetzt – und die in diesem Jahr zur Auswahl stehenden Begriffe wie „trumpeten“, „selfiecide“ und „Merkules“ auch gleich erklärt.

Wie oder worüber reden wir Jugendlichen überhaupt? Aus welchen Sprachen kommt der Einfluss für unsere Worterfindungen? Manches lässt sich einfach und logisch erklären, andere Wörter wiederum sind so unverständlich, dass sogar viele Jugendliche eine Erklärung brauchen. Für die nicht mehr ganz so Jugendlichen unter uns habe ich alle zur Abstimmung stehenden Wörter mit einer Erklärung, beziehungsweise „Übersetzung“ einmal aufgeführt. Sprache provoziert und polarisiert Das erste Wort ist „vong“, was  genau das heißt, was man am Anfang denkt, nämlich einfach nur „von“. Jedoch muss ich dazu erwähnen, dass dieses „vong“ dann auch überdurchschnittlich oft und nicht nur in der Bedeutung des klassischen „von“ verwendet wird. Ein ganz typischer Ausdruck ist „vong Grammatik her“, was „grammatisch“ bedeutet. Die  nächste Wendung  ist „Was ist das denn für 1 life?“ Wichtig ist hierbei die Aussprache der Zahl eins zu beachten. Und zwar ist die Zahl „1“ bewusst gewählt, um zu zeigen, dass diese nie angeglichen wird, also „eins life“ und nicht „ein life“.

Diese Frage drückt das Erstaunen über eine Sache aus. Hier muss ich sagen, dass meiner Meinung nach diese Begriffe einer Sprache entstammen, die vor allem dazu dient, die Erwachsenen zu provozieren. Ich selbst als Jugendliche würde nicht wollen, dass jemand aus meinem Freundeskreis so mit mir spricht. Wörter teilweise politisch Eins der neu kreierten Verben ist „trumpeten“. Dies ist eine Anlehnung an den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump und beschreibt das Machen großer Versprechen, ohne die dadurch entstehenden Folgen zu bedenken. Das Wort „Merkules“ ist eine Mischung aus Angela Merkel und dem Helden der griechischen Mythologie, Herkules.  Vor der Bundestagswahl  ergab eine Umfrage des Instituts „YouGov“ im Auftrag des Magazins „Bravo“, dass mehr als jeder dritte Jugendliche Angela Merkel bevorzugen würde, wenn der Bundeskanzler direkt gewählt würde.

An der Erschaffung dieser neuen Begriffe sieht man meiner Meinung nach sehr eindrucksvoll, dass Politik uns Jugendlichen keineswegs egal ist. Gerade deshalb finde ich es gut, dass auch solche politisch motivierten Wörter in die Abstimmung mit aufgenommen werden, schließlich liegt die Zukunft in unserer Generation. Wortschatz reicht für manche Beschreibungen nicht mehr aus Häufig erfinden die Jugendlichen aber Wörter und Ausdrücke, um ihre Mitmenschen möglichst realistisch zu beschreiben. Oftmals reicht der Wortschatz der Erwachsenen dafür nicht aus. Die zur Wahl stehenden beschreibenden Begriffe habe ich nun einmal aufgeführt und erklärt. Wer „schatzlos“ ist, ist Single, steht also ohne einen liebevoll als „Schatz“ bezeichneten Partner dar.
Wer gerade keine Beziehung hat, ist "schatzlos".
Das Wort „Textmarkeraugenbrauen“, eins meiner persönlichen Favoriten, beschreibt den Trend unter Mädchen, ihre  Augenbrauen sehr stark nachzumalen und damit zu betonen. Diese erinnern oftmals eher an Balken als an Augenbrauen. Vor allem Jungs machen sich über diesen übertriebenen Trend lustig, worauf wahrscheinlich auch die Entstehung dieses Worts zurückgeht.

Wenn man „tinderjährig“ ist, ist man laut der Jugendlichen alt genug, um die Dating-Plattform „Tinder“ zu benutzen. Ab welchem Alter man im Endeffekt „tinderjährig“ ist, weiß ich, wie wohl die meisten Jugendlichen, leider selbst nicht.  Wann ist man „sozialtot“? Eigentlich ist diese Erklärung ziemlich einfach. Wer nicht in den sozialen Netzwerken angemeldet ist, existiert in der virtuellen Welt, die gleichzeitig die Welt vieler Jugendlicher ist, einfach nicht und ist dort also wie tot.
Soziale Medien wie Facebook spielen bei Jugendlichen eine bedeutende Rolle.
Wenn man als „Teilzeittarzan“ bezeichnet wird, ist das eher kein Kompliment, denn dann verhält man sich teilweise wie ein Affe, also hat man zum Beispiel schlechte Manieren. Das vermutlich vielen bekannte Wort „Bro“ als Abkürzung für das englische „brother“ (deutsch: Bruder) bedeutet und eine Bezeichnung für den Kumpel ist, gibt es auch im Jahr 2017 in abgewandelter Form. Diese lautet „Bruh“, bedeutet aber genau dasselbe wie „Bro“. Die Clique oder Gruppe, der man als Jugendlicher angehört bezeichnet man als „Squad“, was „extrem coole Gruppe“ bedeutet. Englisch wird zum Trend Insgesamt sind fast 50 Prozent der vorgestellten Wörter an die englische Sprache angelehnt. Dennoch gibt es immer noch deutsche Begriffe, die in der Jugendsprache verwendet werden.  Dazu zählen die Adjektive „belastend“ (unangenehm, unschön) oder „unlügbar“ (definitiv, unbestritten) und die Verben „fernschimmeln“ (an einem ungewohnten Platz abhängen) oder „fermentieren“ (kontrolliertes, geplantes Gammeln). Der Trend geht jedoch in die Richtung, dass immer mehr Anglizismen verwendet werden.

Während im Jahr 2009 nur sechs von insgesamt 30 Begriffen unter  englischem Einfluss standen, sind in diesem Jahr bereits 14 Wörter englisch beziehungsweise „denglisch“.  Ein Ausdruck, der meiner Ansicht nach am Ende sehr weit vorne stehen wird, ist eine veränderte Form von „ich bin’s“ – und zwar „i bim’s“. Sicherlich haben schon viele Jugendliche ihre Eltern durch die übermäßige Verwendung von „i bim’s“ zur Verzweiflung gebracht. Ersatz für bereits vorhandene Wörter Für das Gefühl, nicht mehr durstig zu sein haben, wir ebenfalls ein Wort erfunden. „Gefresht“ gefällt mir persönlich sogar besser als der deutsche Begriff „sitt“. Ein anderes zur Abstimmung stehendes Wort ist „selfiecide“, der Tod beim Versuch, ein Selfie zu machen. Es gibt eine Statistik, die besagt, dass jährlich mehr Menschen sterben, wenn sie sich selbst zu fotografieren versuchen, als durch Haiangriffe. Also ist es gerade bei den steigenden Verkaufszahlen von Smartphones und damit der Möglichkeit, Selfies zu machen, vielleicht durchaus sinnvoll, eine Bezeichnung  für den Tod beim Selfie-Foto zu erfinden.
Smartphones haben ebenfalls Einfluss auf die Jugendsprache genommen.
 
Der Begriff „tacken“ beschreibt ein Phänomen, von dem ich zu behaupten wage, dass es nicht nur unter Jugendlichen auftritt, und zwar das Versenden von Nachrichten, während man auf der Toilette sitzt. „Tacken“ ist in diesem Fall eine Vermischung der Wörter „texten“ und „kacken“.  Eine Parallele zum Jugendwort des Jahres 2016, das „fly sein“ lautete, ist der Ausdruck  „unfly“, was „sehr uncool“ bedeutet. Im Prinzip gibt es jedes Jahr mindestens einen Vorschlag für das Wort „cool“, denn seit dieses sogar offiziell im Duden aufgeführt wurde ist es gerade „uncool“ geworden. Das „cool“ von 2017 lautet „lit“. Dieses Wort ist in Amerika schon seit längerem sehr populär und wird vor allem in der Rapper-Sprache und den Sozialen Netzwerken verwendet. Orientierung an aktuellen Trends Manche Bezeichnungen von typischen Trends unter Jugendlichen im Jahr 2017 haben es in die Liste geschafft. Dazu zählt der „Dab“. Hierbei handelt es sich um eine Armbewegung, bei der die beiden Arme diagonal in eine Richtung vor dem Gesicht nach oben gehalten werden. Ursprünglich stammt der „Dab“ aus der Hip-Hop-Szene, jedoch wurde  er durch einen amerikanischen Footballspieler populär gemacht, da dieser ihn als Jubel nach einem Touchdown ausführte.

Durch Streaming-Dienste ist das klassische Fernsehen mittlerweile bei Jugendlichen zu großen Teilen verdrängt worden. Aus dem Namen des Streaming-Anbieters „Netflix“ und dem englischen Wort „nap“, das „Schläfchen“  bedeutet, setzt sich ein weiteres mögliches Jugendwort des Jahres zusammen – und zwar „napflixen“. Das beschreibt die Situation, wenn man einen Film oder eine Serie laufen lässt und dabei ein Nickerchen macht. Sprache steht unter verschiedenen Einflüssen Unsere Jugendsprache wird durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst. Das Wort „Ahnma“ stammt aus dem gleichnamigen Lied der Gruppe „Beginner“ und ist eine Kurzform von „ahne das mal“, was also bedeutet „versuche, das zu verstehen“ oder „rate mal“.  Anfang 2017 bekam die Band für ihren Song den Echo in der Kategorie Hip-Hop/Urban National. Ein anderer Begriff kommt aus dem Computer-Spiele-Jargon. „GEGE“ ist eine Abkürzung  für „Good Game“ und ist ein Ausdruck der Zufriedenheit. Allerdings kann dies auch häufig ironisch gemeint sein.

Den starken Einfluss, den die sozialen Medien haben, kann man ebenfalls in der 30 Wörter umfassenden Liste erkennen. Oft bekommen Jugendliche in meinem Alter viele hundert Nachrichten pro Tag. Diese können sehr stark ablenken und häufig sind vor allem Sprachnotizen auf WhatsApp nicht besonders zielführend. Zum Beispiel gibt es den Spruch „Warum etwas in zwei Minuten am Telefon klären, wenn man es auch in 3 Stunden über WhatsApp diskutieren kann?“

Aus eigener Erfahrung sprechend kann ich diese Aussage nur bestätigen. Für diese nervigen Sprachnotizen existiert ein Wort, das auch in die Liste aufgenommen wurde und zwar „Noicemail“. Es besteht aus dem englischen Begriff für Sprachnotiz, „Voicemail“, und dem Wort „noise“ für Lärm. Ein ebenfalls unter dem Einfluss von WhatsApp entstandenes Wort ist „emojionslos“. Jemand ist „emojionslos“, wenn er Nachrichten ohne Smileys bzw. Emojis verschickt. Kritik am Auswahlverfahren Die letzten drei Ausdrücke sind „das geht fit“ (das ist klar, passt), „looten“ (einkaufen, von engl. „to loot“ - erbeuten/plündern) und „nicenstein“ (perfekt). Nun komme ich zu dem Punkt, weswegen diese Wahl so häufig kritisiert wird. Von den 30 vorgestellten Ausdrücken kannte ich, bevor ich diesen Artikel geschrieben habe, genau neun. Nicht mal mehr die Hälfte dieser Ausdrücke war mir überhaupt bekannt, ernsthaft benutzt habe ich davon eigentlich keinen.

Der Verlag „Langenscheidt“ wird aus mehreren Gründen für seine Abstimmung kritisiert. Einerseits sind die Wörter häufig selbst unter Jugendlichen unbekannt, wie mein Beispiel deutlich zeigt. Andererseits ist es durchaus umstritten, wie die Jugendwörter gekürt werden. Kritiker sehen Probleme darin, dass die Internet-Abstimmung für jeden zugänglich ist, dass also jeder abstimmen kann, ob Jugendlicher oder nicht. Zudem stört mich persönlich an der späteren Auswahl, dass aus den Top Ten der Internetabstimmung dann eine Jury aus zum Großteil erwachsenen Sprachwissenschaftlern, Studenten und einigen Schülern das Jugendwort des Jahres kürt.

Hierbei wird dann nicht nach Beliebtheit gewählt, sondern  unter anderem nach Kreativität des Ausdrucks. Meiner Meinung nach kann man das gekürte Wort dann kaum als „Jugendwort des Jahres“ bezeichnen, da es nicht wirklich dem echten Sprachgebrauch von uns Jugendlichen entspricht.
Ein Artikel von Lea Engelbrecht

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