Nachrichten Blaulicht
Kreis Olpe, 12. September 2017

„Informations- und actionreiche“ Verkehrssicherheitstage auf der Griesemert

Zwischen Action und Ablenkung: Grenzerfahrungen am Lenkrad

Den Schülern werden für die Verkehrssicherheitstage Fahrzeuge zur Verfügung gestellt.
Den Schülern werden für die Verkehrssicherheitstage Fahrzeuge zur Verfügung gestellt.
Foto: Sven Prillwitz
Kreis Olpe. Mangelnde Erfahrung, Selbstüberschätzung und zunehmende Ablenkung durch Smartphones: Diese drei Faktoren gelten bei Autofahrern zwischen 18 und 24 Jahren als häufigste Unfallursachen. Auch im Kreis Olpe, wo die Anzahl der von dieser „Risikogruppe“ verursachten Unfälle mit Verletzten und Toten seit 2015 wieder leicht angestiegen sind. Ein Bewusstsein für die Gefahren und Ablenkungen im Straßenverkehr sollen die 7. Verkehrssicherheitstage auf dem Verkehrsübungsgelände an der Griesmert vermitteln – mit einem „informations- und actionreichen“ Programm, wie Landrat Frank Beckehoff bei der Eröffnung am Dienstagmorgen, 12. September, ankündigte.
Eigentlich sollten die Beifahrer den jungen Mann am Steuer anspornen, schneller zu fahren. Ihn aufstacheln. Die Musik im Auto sollte auch möglich weit aufgedreht sein. Je mehr Ablenkung, desto besser. Wie bei einer Autofahrt unter Zeitdruck und in Party-Vorfreude. Aber die Beifahrer verhalten sich nach anfänglichen Witzeleien ruhig, achten beim Einparken sogar mit auf die Abstände. Und die Radiolautstärke ist schon nach kurzer Zeit deutlich runtergeregelt. Lars Pieper ist der erste Schüler des Gymnasiums der Stadt Lennestadt, der den mit Pylonen abgesteckten Kurs mit dem VW Golf durchfährt. Und er beginnt die Fahrt auch diszipliniert. Bis ihm die Smartphone-Aufgabe einfällt. Der gefährliche Griff zum Smartphone Ausgerechnet vor der engen Rechtskurve auf rutschigem Untergrund greift er – während der Fahrt – zu seinem Mobiltelefon und aktiviert für zwölf Sekunden die Stoppuhr. Hinten rechts rumpelt es, der 19-Jährige hat zwei Pylonen mitgenommen. Es folgt eine scharfe Linkskurve, dann ein kurzer Slalom. Lars Pieper gibt jetzt, zum Finale, mehr Gas, fährt den Wagen in hohem Tempo auf die letzte Parkbox zu und bringt den Wagen abrupt darin zum Stehen. 2 Minuten und 3 Sekunden hat er gebraucht.

Eigentlich. Dazu kommen aber 120 Strafsekunden – für überfahrene Pylonen und den Griff zum Smartphone. Die Stoppuhr nämlich hätte er auch von einem seiner Beifahrer einstellen lassen können. Oder vor der Fahrt. Oder danach. „Das war dir freigestellt. Ich habe dich aber nicht aufgefordert, das während der Fahrt zu erledigen“, sagt Ralf Schnell. Der Polizeihauptkommissar grinst und klopft dem 19-Jährigen auf die Schulter. Der grinst ebenfalls und schlägt sich gleichzeitig mit der Hand vor die Stirn, als er seinen Fehler erkennt. Die Beifahrer lachen.
Lars Pieper (Mitte) traute sich bei der Parcours-Herausforderung als erster Schüler ans Steuer.
Der Griff zum Smartphone führe immer häufiger zu Unfällen, weil Autofahrer in diesen Momenten nicht auf Geschwindigkeit und Abstand achten, erklärt Kriminalhauptkommissar Michael Klein. Ein Phänomen, das besonders, aber nicht ausschließlich bei Verkehrsteilnehmern zwischen 18 und 24 Jahren zu beobachten sei. Dazu kämen die beiden Klassiker der „Risikogruppe“: die noch geringe Erfahrung im Straßenverkehr und die erhöhte Risikobereitschaft. Vor allem Männer, die „Y-Chromosom-Träger fahren unter Zeitdruck gerne mit einem Messer zwischen den Zähnen“, sagt Klein.
Polizeihauptkommissar Ralf Schnell weist die nächste Schülergruppe ein.
Hier setzen die Verkehrssicherheitstage an, die von Dienstag bis Freitag rund 600 junge Erwachsene absolvieren sollen, die die weiterführenden Schulen im Kreis Olpe besuchen. Die jungen Autofahrer sollen auf dem Verkehrsübungsgelände in Stress- und Gefahrensituationen gebracht werden – von Beifahrern, aber auch per Funkdurchsagen –, um Risiken kennenzulernen. Neben den Pylonen-Parcours stehen unter anderem auch Bremstests an: Wie verlängert sich der Bremsweg bei 30, 50 und 70 Stundenkilometern? „Das Programm soll Ihnen die Grenzen der Fahrphysik und Ihre eigenen Grenzen der Leistungsfähigkeit aufzeigen“, hat Landrat Frank Beckehoff eingangs zu den rund 150 Schülern gesagt. „Wir hoffen, dass Sie das Gelände hier am Ende des Tages etwas nachdenklich verlassen und diese Nachdenklichkeit auch in Ihr Verhalten im Straßenverkehr mitnehmen“. Das sei wünschenswert und dringend erforderlich, so Beckehoff, denn: Die Statistik weise für die Jahre 2015 (113 Fälle) und 2016 (118) wieder einen leichten Anstieg bei den Unfällen mit Toten und Verletzen aus, die von 18 bis 24-Jährigen verursacht wurden. Mit Blick auf die Zahlen für das laufende Jahr scheine sich dieser Trend fortzusetzen. „Risikogruppe“ im Kreis Olpe über dem Durchschnitt Und nicht nur das: Die Verunglückten-Häufigkeitszahl, die zur Vergleichbarkeit auf 100.000 Personen hochgerechnet wird, für den Kreis Olpe betrage bei der sogenannten „Risikogruppe“ aktuell 664. „Das ist ein Wert, der über dem Durchschnitt vergleichbarer anderer Kreise legt“, sagt Beckehoff, der auch in diesem Jahr die Schirmherrschaft für die Verkehrssicherheitstage übernommen hat. Die verstehen sich übrigens als Ergänzung zu den „Crash Kurs NRW“-Veranstaltungen, bei denen Polizei, Feuerwehr und Hilfsorganisationen ebenso wie Unfallopfer von ihren Erlebnissen berichten.

Die praktischen Übungseinheiten auf dem Verkehrsübungsgelände an der Griesemert werden ergänzt durch einen Reaktionstest und einen Überschlag-Simulator. An weiteren Stationen demonstrieren Feuerwehrleute und das Deutsche Rote Kreuz, wie verunfallte Personen aus einem Autowrack befreit und medizinisch versorgt werden. Außerdem erklären Mitarbeiter der Straßenverkehrsbehörde, welche Strafen auf Autofahrer zukommen bei Geschwindigkeitsüberschreitungen sowie bei Alkohol- und Drogenkonsum.
Ein Artikel von Sven Prillwitz

Bildergalerie: Zwischen Action und Ablenkung: Grenzerfahrungen am Lenkrad