„Midnight Traveler“ - wenn das persönliche Schicksal zum Welterfolg wird

Familie Fazili: Von Afghanistan nach Altenhundem


  • Lennestadt, 24.10.2020
  • Von Christine Schmidt
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Mit der FACT-Werbeagentur drehte Hassan Fazili im Lichtspielhaus Lennestadt ein Interview. von privat
Mit der FACT-Werbeagentur drehte Hassan Fazili im Lichtspielhaus Lennestadt ein Interview. © privat

Altenhundem. Nach drei Jahren auf der Flucht aus Afghanistan und nach Zwischenstationen in Bulgairen und Ungarn ist Familie Fazili erstmal angekommen: in Altenhundem. In ihrer Wohnung empfangen Hassan und Fatima Fazili und ihre Töchter Nargis und Zahra LokalPlus, um von ihrem neuen Leben zu erzählen. Und von dem Film, der sie über Jahre begleitet hat.


Der Tisch ist gedeckt mit Teetassen, frischgebackenem Kuchen, Datteln und Nüssen. An der Wand hängt das große Filmplakat „Midnight Traveler“. Im Schrank stehen viele Trophäen. Willkommen bei Familie Fazili in Altenhundem.

Preise, die Hassan Fazili für den Film erhalten hat, der dieses Mal seine eigene Geschichte erzählt: seinen „Weg an der Schwelle zur Hölle“, wie er im Film selbst sagt. Während „Midnight Traveler“ auf rund 100 Filmfestivals in der ganzen Welt gezeigt wurde, konnte er nicht dabei sein. Er durfte nicht verreisen und wartete noch immer auf Asyl.
„Ich konnte mich nicht richtig freuen“
Mittlerweile hat er rund 30 Preise für sein Werk erhalten: den Publikumspreis beim Film Festival in Palma, einen Emmy und viele mehr. Aber dann endlich: Hassan Fazili durfte mit seiner Familie zur Berlinale reisen und zum ersten Mal an einem Filmfestival teilnehmen. „Natürlich ist es ein gutes Gefühl“, sagt der Familienvater, „aber ich konnte mich nicht richtig freuen, weil ich nicht wusste, ob wir in Deutschland bleiben dürfen.“

Seinen Film bezeichnet Hassan Fazili wie einen freien Vogel, der in verschiedenen Ländern gezeigt wurde. Aber seine Familie und er durften nicht reisen und konnten an den Filmvorführungen außerhalb Deutschlands nicht teilnehmen, was ihnen nur sehr schwer fiel. „Aber im September 2019 durfte ich dann endlich reisen und nahm an vielen Festivals in anderen europäischen Ländern teil“, erzählt der 40-Jährige.
„Unsere Gedanken sind noch immer woanders“
Im April 2018 kommt die Familie nach dreijähriger Flucht in Deutschland an. Hamburg, Bochum, Mönchengladbach – dann irgendwann in Oedingen. Hassan Fazili holt den Luftballon wieder hervor. Hin und her, hin und her. Seit November 2019 wohnen die Vier in Altenhundem. Sie dürfen in Deutschland bleiben. Und doch: Richtig angekommen sind sie noch nicht.  

„Körperlich sind wir hier, aber unsere Gedanken sind noch immer woanders.“ Fast eineinhalb Jahre träumte Hassan Fazili nachts, dass die Polizei sie wieder nach Ungarn abschieben würde. Gedanken von der Flucht, die ihn stets verfolgen.
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Das erträumte Leben in Deutschland hat sich die Familie anders vorgestellt. Oft haben sie Probleme mit den Behörden oder erfahren Ablehnung. Er fragt mit bedrückter Stimme: „Was bringt es mir, einen Emmy gewonnen zu haben, wenn manche Menschen im Zug wegen meiner Hautfarbe nicht neben mir sitzen wollen?“
Keine Karriere-Chancen in Lennestadt
Und dann gibt es wieder Menschen, die ihnen zur Seite stehen und ihnen herzlich gegenübertreten. So wie Gaby Gehlen und Andrea Schiller, die Hassan Fazili immer wieder erwähnt. Sie helfen der Familie bei alltäglichen Problemen. Nur durch den unermüdlichen Einsatz solcher Leute habe die Familie die Erlaubnis erhalten, in Deutschland zu bleiben.

„Natürlich sind wir froh, in Deutschland sein und leben zu dürfen“, betont der 40-Jährige. Seine zwei Töchter gehen zur Schule, sprechen Deutsch, worauf die Eltern auch sehr stolz sind. Hier fühlen sie sich sicher - wenn auch noch nicht zu Hause.
Stolz auf die Töchter
In Lennestadt möchten die Eltern auf Dauer allerdings nicht bleiben. Chancen, sich hier als Filmemacher zu verwirklichen, sehen Hassan Fazili und seine Frau Fatima nicht. Gerne möchten sie nach Berlin, denn der Familienvater schreibt bereits an seiner nächsten Geschichte. „Wir sind Filmemacher. Uns hören die Leute vielleicht zu“, erhofft sich Fazili mit seinen Filmen etwas bewirken zu können.
Ein Funken Hoffnung für andere
„Ich möchte mich auf keinen Fall dran erinnern in der Zukunft“, sagt Nargis in der letzten Szene des Films, der in Ungarn endet. Zu dem Zeitpunkt weiß die Familie noch immer nicht, wie es weiter geht. 

Mit „Midnight Traveler“ hat ihr Vater mehr als nur eine Erinnerung für die Familie geschaffen. Für Nargis und ihre Schwester ist es eine Erinnerung, ein Lebensabschnitt und wahrscheinlich die schlimmste Zeit ihrer Kindheit. Für andere Menschen ist es eine Botschaft, ein Zeitzeugnis und auch ein kleines bisschen Hoffnung auf ein besseres Leben.
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Info
Unter diesem Link könnt ihr euch den Film anschauen:%%Link[351826](link; text)%%Für das Majorcods, das Film Festival in Palma de Mallorca, drehte die FACT Werbeagentur ein Interview mit Hassan Fazili im Lichtspielhaus Lennestadt. Auch hier erhielt Hassan Fazili einen Preis für seine Dokumenation. 

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