„Midnight Traveler“: Hassan Fazili filmt dreijährige Flucht aus Afghanistan

Teil 1: Preisgekrönter Dokumentarfilm


  • Lennestadt, 23.10.2020
  • Von Christine Schmidt
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Die Kamera immer dabei: Hassan Fazili filmte die Flucht von Afghanistan nach Deutschland. von privat
Die Kamera immer dabei: Hassan Fazili filmte die Flucht von Afghanistan nach Deutschland. © privat

Altenhundem. Er ist mit seiner Familie angekommen. Nach drei Jahren Flucht. Die Taliban hatten Hassan Fazili in Afghanistan mit dem Tod gedroht. Mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Töchtern machte er sich auf den Weg Richtung Deutschland, lebt im Moment in Altenhundem. Mit dem Handy filmte er den Alltag, daraus entstand sein Dokumentarfilm „Midnight Traveler“ – inzwischen ausgezeichnet mit unzähligen Filmpreisen. Mit LokalPlus sprach die Familie über die Erlebnisse.


„Ich möchte hier nicht mehr bleiben“, weint die jüngste Tochter Zahra. Sie sitzt auf einem Bett in einer Flüchtlingsunterkunft in Bulgarien. Auf der Straße hört man lautes Geschrei. Hassan Fazili geht raus und filmt. Polizei, Sirenen, Männer, die von Banden bedroht und angegriffen werden. Familie Fazili fühlt sich hier nicht mehr sicher. 

Sicherheit. Ein Gefühl, dass die Familie in ihrer Heimat Afghanistan nicht mehr hatte. Hassan Fazili und seine Frau Fatima waren dort Filmemacher. Sie produzierten Filme über Menschen- und vor allem Frauenrechte sowie einen Film über einen ehemaligen Taliban, der einen Friedensdeal mit der Regierung eingegangen ist.
Ehemaliger Taliban wird ermordet
Nach der Veröffentlichung dieses Filmes wird dieser Mann, Mullah Turjan, umgebracht. Zeitgleich wird Hassan Fazili, der mit einem Freund ein Café betreibt, von Polizisten bedroht. Fazilis Lebensstil gefällt der Taliban nicht. Die Lage spitzt sich zu.

Hassan Fazili erhält die Nachricht, dass die Taliban hinter ihm her seien. Seine Stimme im Gespräch erhebt sich, als er die Worte wieder gibt: „Hassan, die wollen dich umbringen. Du musst Afghanistan sofort verlassen.“ Aus Afghanistan zu fliehen sei unmöglich, „dort ist es wie im Knast“, sagt der Vater von zwei Töchtern. Und doch beginnt im April 2015 die dreijährige Flucht der Familie.
„Wie ein Luftballon wurden wir herum geschubst“
Hassan Fazili sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa in der Altenhundemer Wohnung. Er nimmt einen Luftballon und wirft in ihn die Luft. Mit der Hand stößt er ihn immer wieder hin und her. „Das sind wird“, sagt er. „Wie ein Ball wurden wir in Tadschikistan herum geschossen.“

Dort gibt es keinen legalen Grund, in Asyl zu kommen. Nach unzähligen Anträgen, Ablehnungen und Hoffnung weiß die Familie, dass sie nur über den illegalen Weg nach Deutschland kommen kann. „Wir wussten, dass es gefährlich wird. Aber es war keine Option, hier zu bleiben“, erinnert sich der 40-Jährige.
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Sie wissen nicht, ob sie lebend ankommen. Deshalb beschließt Hassan Fazili, die Reise mit dem Handy zu dokumentieren. Ob Flüchtling oder nicht – so sollen auch andere Menschen sehen, wie es ist, diesen Weg zu gehen.

Szenen voller Emotionen – negativ wie positiv. Szenen, die den „Alltag“ der Familie zeigen: Voller Freude tanzt die heute 13-jährige Nargis zu dem Song „They don't care about us“ von Michael Jackson, Mutter Fatima lernt Fahrrad fahren und die kleine Zahra strahlt, als sie im Karussel sitzt.

In einem anderen Moment findet die Familie keinen Platz in einer Unterkunft, muss auf Kartons in einer Bauruine schlafen, nächtigt vier Tage mit anderen Flüchtlingen im Wald oder wird in Ungarn drei Monate hinter Stacheldraht untergebracht.
Der Film wurde zum Familienmitglied
Bald besteht die Familie aus fünf Mitgliedern: die zwei Töchter, Mutter und Vater sowie der Film, der die Familie immer begleitet. Manchmal habe er sich selbst dafür gehasst, erzählt Hassan Fazili. „Ob ich den Film nun mache oder nicht, es bringt doch sowieso nichts.“

In den Rollen als Vater und Filmemacher zu wechseln, sei für ihn oft eine Qual gewesen: „Muss ich meinem Beruf nachgehen oder meine Kinder schützen?“ Diese Frage habe ihn oft zur Verzweiflung gebracht.
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Im Film erzählt er, wie seine jüngste Tochter plötzlich verschwunden war. „Eine Sekunde lang stellte ich mir vor, Zahras Leiche zu finden. Ich habe die Kamera in der Hand und filme diesen Moment“, sagt er im Off. Schon darüber nachzudenken, macht den Vater wütend. „Ich hasste mich dafür. Als Filmproduzent sehe ich nur auf dem Bildschirm eine wunderbare Szene. Aber als Vater sehe ich den Moment und muss weinen.“
Ein Film über seine Geschichte
Auch für die zwei Mädchen wird das Smartphone immer wichtiger. Sie gewöhnen sich daran, gefilmt zu werden, tanzen, sobald die Kamera auf sie gerichtet ist, aber lehnen es genauso ab, wenn sie deprimiert sind, und filmen selbst aus Langeweile. 

Der Film gibt der Familie in den langen Monaten der Flucht Hoffnung, Halt und irgendwie ein gutes Gefühl. Sie wollen andere Menschen an ihrer Geschichte Teil haben lassen. In „Midnight Traveler“ erzählt Hassan Fazili nicht wie sonst über das Leben anderer, sondern über sein Leben und sein Schicksal.

Lest am Sonntag, 25. Oktober, bei LokalPlus, wie es für die Familie in Deutschland weiter ging, wie sie heute lebt und wie die Dokumentation ihr Leben veränderte.
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