Auf der Walz: Zwei Rolandsbrüder und die lebendige Tradition des Handwerks
Zu Gast im Halberbrachter Winterquartier
- Lennestadt, 05.02.2026
- Verschiedenes
- Von Nils Dinkel
Halberbracht. Es ist eine Begegnung, wie sie wohl nur die Walz hervorbringen kann: In diesen Winterwochen ist der Wandergeselle Luis Stöver, Reisender im Rolandschacht, in Halberbracht untergekommen – bei einem Mann, der diesen Weg selbst gegangen ist.

Gastgeber ist Dominik Reuter, ehemaliger Wandergeselle und heute selbstständiger Zimmerer mit seinem Betrieb Holzbau Dominik Reuter. Die Werkzeuge ruhen derzeit wetterbedingt, doch die Gespräche über Handwerk, Reisen und das Leben auf der Walz sind umso lebendiger.

Seit Jahrhunderten ziehen Wandergesellen hinaus in die Welt, um fern der Heimat Erfahrungen zu sammeln und sich persönlich wie fachlich weiterzuentwickeln. Auch heute folgt der Nachwuchs im Handwerk dieser Tradition: mit Stenz, leichtem Gepäck und Wanderbuch – bewusst ohne Smartphone.
Gestartet wird mit nicht mehr als fünf Euro in der Tasche, ohne festen Wohnsitz, dafür mit offenen Augen und Ohren. Genau diese Regeln verbinden Luis und Dominik, obwohl ihre Reisen zeitlich versetzt verlaufen.
„Die Tradition ist das größte Abenteuer unseres Lebens.”
Während der 21-jährige Zimmerer Luis seine Walz im Juni 2025 begann, beendete Dominik seine Reise bereits 2018. Kennengelernt haben sie sich über die Gemeinschaft des Rolandschachts, in der Tradition und Zusammenhalt eine zentrale Rolle spielen. „Die Tradition ist das größte Abenteuer unseres Lebens. Wir führen etwas weiter, das es seit Jahrhunderten gibt“, bringt Dominik die Bedeutung der Walz auf den Punkt. Luis ergänzt: „Egal, woher du kommst – auf der Walz legst du alles ab, was du vorher warst. Herkunft, Schulbildung oder gesellschaftlicher Status spielen keine Rolle.“
Mindestens drei Jahre und einen Tag sind Wandergesellen unterwegs, im Rolandschacht mit einem Mindestabstand von 60 Kilometern zur Heimat (sonst 50 Kilometer). Besonders der Winter gilt als Herausforderung. „Leider hänge ich etwas am Hungerhaken“, sagt Luis mit einem Schmunzeln und meint damit den schmalen Geldbeutel in der kalten Jahreszeit. Noch bis Ende Februar hat er in Halberbracht ein Winterquartier gefunden – und offene Türen.

„Ich habe hier viel erlebt, Tambourkorps und Schützenverein kennengelernt. Die Menschen sind sehr offen, ich freue mich auf Karneval“, erzählt der junge Rolandsbruder. Dominik erinnert sich gut an seine eigene Winterzeit auf der Walz.
„Ich weiß, wie schwierig das ist. Deshalb habe ich hier eine kleine Herberge eingerichtet. Ein Schlafplatz kann im Winter Gold wert sein.“ Gerne hätte er Luis auch beschäftigt, doch die Witterung lässt aktuell nur wenig Arbeit zu. „Im Sommer wäre das kein Problem“, sagt der 32-Jährige.


Dominiks eigener Weg führte ihn von seiner fränkischen Heimat Ansbach über zahlreiche Länder Europas bis nach Afrika und Südamerika. In dieser Zeit lernte er auch seine heutige Frau kennen. Gemeinsam mit der gebürtigen Attendornerin lebt er seit 2020 in Halberbracht, wo er sich im vergangenen Jahr selbstständig machte.
Luis hat auf seiner noch jungen Reise bereits Stempel in Attendorn, Lennestadt, Olpe und Wenden gesammelt. Zuvor führte ihn der Weg nach England, weiter nach Schottland, Schweden und Dänemark und mit dem Segelboot zurück nach Deutschland geführt – mit Arbeiten an Scheunen und Saunen, und täglichen neuen Eindrücken. „Das ist die schönste Zeit“, sagt Dominik rückblickend. „Diese Erlebnisse brennen sich ein.“
Für Luis ist die Walz vor allem eines: ein Loslösen von allem Vertrauten. „Man lernt, allein klarzukommen und entwickelt eigene Vorstellungen“, sagt er. Dominik nickt: „Irgendwann merkt die Familie, dass man als ein ganz anderer Mensch zurückkommt.“ Als Ziel will Luis auf jeden Fall noch Augustfehn anvisieren und von Passau aus eine Reise Richtung schwarzes Meer in einem selbstgebauten „Bötchen“ starten.
