Wenn die Trauer überhand nimmt, ist professionelle Hilfe wichtig
Grenze zwischen Trauer und Depression
- Kreis Olpe, 22.11.2023
- Verschiedenes
- Von Annette Schmelzer
Kreis Olpe. Der November gilt als der Trauer-Monat: Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit übernimmt das Kommando, stille Feiertage stehen im Kalender. Auch LokalPus möchte diesem Monat eine besondere Serie widmen und sich dem Thema Trauer von verschiedenen Seiten nähern. Heute geht es um die Frage: Trauer oder Depression – wo liegt die Grenze?

Die Verarbeitung des Verlustes eines geliebten Menschen und der Prozess des Trauerns braucht manchmal viel Zeit. Zeit, die bewusst erlebt und durchlebt werden will.
Doch was, wenn bereits Monate und Jahre vergangen sind, Symptome des Trauerprozesses nicht aufhören wollen und Fragen wie „Was ist eigentlich mit mir los? Warum kann ich nicht wieder so sein wie früher?“ auftauchen. Über das Thema Trauer und Depression hat LokalPlus mit Barnd Hengstebeck, psychologischer Psychotherapeut aus Flape gesprochen.

Was unterscheidet trauernde Patienten von „normalen“ Patienten?
„Die wenigsten Menschen, die trauern, werden psychisch krank. Die Wahrscheinlichkeit für eine anhaltende Trauerstörung nach einem Verlust liegt je nach Studie zwischen einem und zehn Prozent. Es ist eher üblich, dass bei Menschen, die sich bereits in der Therapie befinden und einen Todesfall im näheren Umfeld erleiden, die Trauer „mitbehandelt“ wird.“
Gibt es eindeutige Grenzen zwischen trauernden und depressiven Patienten?
„Die gesunde Trauer unterscheidet sich von der anhaltenden Trauerstörung, auch ATS genannt. Zwischen der natürlichen Trauer und der ATS existieren keine eindeutigen Grenzen. Während eine natürliche Trauer im Laufe der Zeit abklingt und der Verlust in den Alltag integriert wird, hält der Trauerprozess bei einer ATS länger an und ist deutlich intensiver. Betroffene fühlen sich in der Regel emotional leer, ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und leiden unter anhaltender Sehnsucht bzw. Verlangen nach dem Verstorbenen. In diesem Fall handelt es sich noch nicht um eine Depression.
Welche Symptome zeigen sich bei depressiven Menschen?

„Von Depression kann erst gesprochen werden, wenn es über einen Zeitraum von zwei Wochen hinaus täglich zu Symptomen wie Niedergeschlagenheit, Freudverlust, vermindertem Antrieb und gesteigerter Ermüdung kommt. Der Betroffene ist dann häufig kaum noch in der Lage, anfallende Alltagsaufgaben wie Einkaufen oder Körperhygiene zu bewältigen. Der Übergang einer ATS zu einer Depression kann individuell sein, insbesondere wenn eine zusätzliche, depressive Symptomatik vorliegt.
Kann ein Mensch allein aus seiner Depression wieder heraus kommen?
Ein „normaler“ Trauerprozess kann aus eigener Kraft und ohne Psychotherapie oder Medikation bewältigt werden. Geht die Trauer jedoch über ein „normales“ Maß hinaus, sollten sich Betroffenen professionelle Hilfe holen. Anhaltende Trauerstörungen und Depressionen sind ernst zu nehmende psychische Erkrankungen und bedürfen Unterstützung von außen.
Ist ein depressiver Mensch immer suizidgefährdet?

„Nicht alle Menschen mit einer Depression sind zwangsläufig suizidgefährdet. Suizidgedanken sind jedoch ein häufig vorkommendes Symptom bei einer ATS oder einer Depression. In diesen Fällen ist sofort professionelle Hilfe aufzusuchen. Die telefonische Notfallseelsorge (02721/840 512), die Institutsambulanzen in Lennestadt und Olpe (02761/852 684) sowie ambulante Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten könnten hier die ersten Ansprechpartner sein.“
Hintergrund
- Der plötzliche Tod eines Familienmitgliedes oder guten Freundes kann sehr überwältigend sein und einen negativen Trauerprozess begünstigen.
- Bei Verdacht auf ATS oder einer Depression, sollte umgehend professionelle Unterstützung in Anspruch genommen werden.
- Betroffenen kann auch in akuten Fällen geholfen werden, denn psychische Leiden sind gut behandelbar.
