Verbale Angriffe auf ÖPNV-Mitarbeiter in Südwestfalen nehmen zu

LP-Thementag Sicherheit - Nahverkehr


  • Kreis Olpe, 08.03.2026
  • Straße & Verkehr
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Titelbild Thementag Alles sicher? von Adobe Stock/Ralph Schneider
Titelbild Thementag Alles sicher? © Adobe Stock/Ralph Schneider

Kreis Olpe. Nach einem tödlichen Angriff auf einen Bahnmitarbeiter rückt die Sicherheit von Beschäftigten im öffentlichen Nahverkehr verstärkt in den Fokus. Die Ministerpräsidentenkonferenz berät am Donnerstag, 5. März, über Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit im ÖPNV. Auch in Südwestfalen beschäftigen sich Verkehrsunternehmen, Behörden und Politik intensiv mit der Frage, wie Personal und Fahrgäste besser geschützt werden können.


Der Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) unterstreicht auf LokalPlus-Nachfrage, Sicherheit sei „ein hohes Gut“ im Schienenpersonennahverkehr. Dazu setze man auf eine Kombination aus Personalpräsenz, Technik und Analyse.

Nach Angaben des Zweckverbands werden etwa Züge abends grundsätzlich mit Zugbegleitern besetzt, zunehmend auch tagsüber. Zusätzlich seien speziell geschulte Sicherheitsteams insbesondere abends und an Wochenenden im Einsatz.

Videoüberwachung in Zügen und an Bahnhöfen sowie Schwerpunktkontrollen mit der Bundespolizei gehörten ebenfalls zum Konzept. Grundlage für Strategien sei unter anderem eine landesweite Sicherheitsdatenbank, in der Vorfälle gemeldet und ausgewertet werden.

VWS: Körperliche Angriffe sind selten

Auch im Busverkehr wird das Thema ernst genommen. Unternehmenssprecher Stephan Boch von den Verkehrsbetrieben Westfalenb-Süd (VWS) in Siegen erklärt, dass extreme körperliche Angriffe zwar selten seien, jedoch verbale Übergriffe zunähmen:

„Wir beobachten seit mehreren Jahren einen Trend, dass die Hemmschwelle sinkt, Fahrpersonal zu beleidigen oder verbal anzugehen. Körperliche Übergriffe kommen zum Glück nur selten vor, aber fast jeder Fahrer erlebt inzwischen Beschimpfungen.“

Schutzmaßnahmen wie Plexiglasscheiben im Fahrerbereich hätten sich bewährt. „Sie sind ursprünglich aus dem Infektionsschutz entstanden, bieten aber auch einen guten Schutz vor körperlichen Angriffen.“

Zunehmende Nutzung von Dashcams

Zusätzlich würden Fahrzeuge zunehmend mit Innen- und Außendashcams ausgestattet. „Die Erfahrung zeigt, dass allein die sichtbare Kamera dazu führt, dass sich Fahrgäste eher zurückhalten.“ Regelmäßige Schulungen und Deeskalationstrainings gehören für die 250 bis 300 Fahrer der Wern Group ebenfalls zum Standard, ergänzt durch Sicherheitsnetzwerke zum Erfahrungsaustausch.

Die Hessische Landesbahn teilt mit, dass man „in den letzten Jahren keine nennenswerte Zunahme von Angriffen auf das Fahrpersonal im Raum Olpe – weder verbal noch nonverbal“ verzeichnet habe. Körperliche Übergriffe hätten seit 2023 „eher leicht abgenommen“. Auf der Linie RB 92 (Finnentrop–Olpe) habe es zwischen 2023 und 2026 lediglich vier nonverbale Vorfälle gegeben, davon drei im Jahr 2023 und einen 2024.

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Das Unternehmen unterstreicht, dass Zugbegleiter gezielt für schwierige Situationen geschult würden und Deeskalationsmaßnahmen lernten. „Die eigene Sicherheit geht in jedem Fall immer vor“, sagt Sabrina Walter. Das Personal sei angewiesen, sich und andere Reisende nicht zu gefährden und im Zweifel die Bundespolizei hinzuzuziehen.

„Umgangston wird rauer“ – Einschätzung aus dem Bahnalltag

Die Zahl verbaler und körperlicher Übergriffe auf Mitarbeitende ist laut einem Sprecher der VIAS seit Jahren auf konstant hohem Niveau. „Wir beobachten eine Verschärfung des Umgangstons und sinkende Hemmschwellen – eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich auch im Bahnalltag zeigt.“

Das Spektrum reiche von Beleidigungen und Beschimpfungen bis zu Spucken oder Schlägen. Solche Situationen erlebten Kundenbetreuer „nahezu täglich in unterschiedlichen Eskalationsstufen“.

VIAS setzt auf Prävention

Um das Personal zu schützen, setzt das Unternehmen vor allem auf Prävention. Beschäftigte würden bereits in der Ausbildung intensiv auf Konfliktsituationen vorbereitet, insbesondere durch Deeskalationstrainings. Oberste Priorität habe die Eigensicherung sowie der Schutz der Fahrgäste. Zudem stehe man mit den Aufgabenträgern im Austausch über weitere Sicherheitsmaßnahmen.

Trotz der Belastung sei die Fluktuation gering. Unterstützung erhalten Mitarbeitende nach Vorfällen durch interne Gespräche oder externe psychologische Betreuung. „Die Sicherheit und das Wohlbefinden unseres Personals haben oberste Priorität“, so der Sprecher.

Maßnahmenpaket der Deutschen Bahn

Bundesweit reagiert auch die Deutsche Bahn mit einem umfassenden Maßnahmenpaket. Nach einem Sicherheitsgipfel kündigte Vorstandsvorsitzende Evelyn Palla an:

„Unser Anspruch ist klar: Sicherheit braucht eine klare Haltung – personell, technisch und rechtlich.“ Unter anderem sollen ab 2026 Bodycams für Mitarbeiter mit Kundenkontakt bereitgestellt, zusätzliche Sicherheitskräfte eingesetzt und Trainings ausgeweitet werden. Außerdem wird der interne Notruf weiterentwickelt, um im Ernstfall schneller Hilfe zu ermöglichen.

Politischer Druck

Politisch erhält das Thema zusätzlichen Druck. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder sagt: „Bahnhöfe und Züge müssen sichere Orte sein.“ Auch Christian Bernreiter, Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz, meint, Sicherheit im öffentlichen Verkehr müsse „oberste Priorität“ haben. Das Gremium will sich Ende März erneut mit möglichen zusätzlichen Maßnahmen befassen.

Hintergrund sind aktuelle Zahlen: 2025 registrierte die Bahn konzernweit 3.262 körperliche Übergriffe auf Mitarbeiter. Das ist das ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Langfristig zeigt die Statistik jedoch einen deutlichen Anstieg – binnen zehn Jahren um 37 Prozent. Schwere Gewalttaten machen laut Bahn nur ein bis zwei Prozent der Fälle aus, dennoch sehen Branche und Politik Handlungsbedarf.

Bis Ende April wollen Bund, Länder und Verkehrsunternehmen konkrete Schritte zur Umsetzung weiterer Sicherheitsmaßnahmen festlegen. Ziel ist ein Strategiewechsel – weg von reiner Reaktion, hin zu mehr Prävention und schnellerer Hilfe im Ernstfall.

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