Honorar-Kürzung für Psychotherapie: „Ohrfeige für jeden, der Hilfe braucht“

Zwei Therapeutinnen im Interview: „Prävention ist das A und O“


  • Kreis Olpe, 02.04.2026
  • Gesundheit & Medizin , Verschiedenes
  • Von Kerstin Sauer
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Prävention ist in der Psychotherapie das A und O: Werden psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter nicht behandelt, kann das schwerwiegende Folgen haben. Jetzt haben die Krankenkassen das Honorar für die ambulante Psychotherapie gekürzt - „eine Ohrfeige für jeden, der Hilfe braucht“, sagen Barbara Diehl-Pittlik und ihre Tochter Hanna Pittlik-Rau. von privat
Prävention ist in der Psychotherapie das A und O: Werden psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter nicht behandelt, kann das schwerwiegende Folgen haben. Jetzt haben die Krankenkassen das Honorar für die ambulante Psychotherapie gekürzt - „eine Ohrfeige für jeden, der Hilfe braucht“, sagen Barbara Diehl-Pittlik und ihre Tochter Hanna Pittlik-Rau. © privat

Kreis Olpe / Altenhundem. Schon jetzt warten Patienten monatelang auf einen Therapieplatz bei einem Psychotherapeuten. Nun könnte sich die Situation noch weiter verschärfen, denn die Krankenkassen haben zum 1. April die Honorare für ambulant tätige Psychotherapeuten gekürzt. LokalPlus hat nachgefragt: Was bedeutet diese Entscheidung für die Patienten?


Barbara Diehl-Pittlik ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit eigener Praxis in Altenhundem. Unterstützt wird sie von ihrer Tochter Hanna Pittlik-Rau, Psychotherapeutin in Ausbildung, die nach insgesamt zehnjähriger Ausbildung ab Sommer in die Praxis ihrer Mutter mit einsteigt. Die beiden Fachfrauen erklären, welche Auswirkungen die Entscheidung der Krankenkassen auf ihre Arbeit und die Patienten hat.

LokalPlus im Gespräch mit zwei Expertinnen: Barbara Diehl-Pittlik (l.) ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit eigener Praxis in Altenhundem. Unterstützt wird sie von ihrer Tochter Hanna Pittlik-Rau, Psychotherapeutin in Ausbildung, die nach insgesamt zehnjähriger Ausbildung ab Sommer in die Praxis ihrer Mutter mit einsteigt und ironisch sagt: „Nach dieser langen Ausbildungszeit kommen die Kürzungen zum ‚richtigen‘ Zeitpunkt.“ von privat
LokalPlus im Gespräch mit zwei Expertinnen: Barbara Diehl-Pittlik (l.) ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit eigener Praxis in Altenhundem. Unterstützt wird sie von ihrer Tochter Hanna Pittlik-Rau, Psychotherapeutin in Ausbildung, die nach insgesamt zehnjähriger Ausbildung ab Sommer in die Praxis ihrer Mutter mit einsteigt und ironisch sagt: „Nach dieser langen Ausbildungszeit kommen die Kürzungen zum ‚richtigen‘ Zeitpunkt.“ © privat

Werden die Kürzungen Auswirkungen auf die Patienten haben?

Schon jetzt gibt es für eine ambulante Psychotherapie lange Wartelisten – und der Bedarf wird immer größer. Die psychischen Erkrankungen nehmen sowohl im Erwachsenen- als auch im Kindesalter zu. In der Kinder- und Jugendpsychotherapie arbeiten wir vor allem präventiv: Wenn wir keine Patienten mehr aufnehmen können, dann können Kinder mit Schulangst beispielsweise nicht mehr in die Schule gehen, ADHS wird nicht diagnostiziert und im Zuge dessen bleiben Eltern und Lehrkräfte überfordert.

Wenn ein ambulanter Therapieplatz nicht wahrgenommen werden kann, dann können sich psychische Erkrankungen wie Essstörungen oder Suchterkrankungen forcieren, diese müssten dann stationär behandelt werden - was viel teurer ist als eine ambulante Therapie. Wenn psychische Erkrankungen im Kinder- und Jugendalter nicht diagnostiziert werden, kann es dramatische Auswirkungen haben, auch für das Erwachsenenalter. Es können sich andere psychische Störungen entwickeln. Folge: Man ist nicht arbeitsfähig, fällt lange aus, hat finanzielle Einbußen. Die Entscheidung der Krankenkassen ist eine absolute Ohrfeige für jede Person, die Hilfe benötigt.

Versorgung auf dem Land steht „auf wackeligen Füßen“

Um wieviel wird das Honorar für Psychotherapeuten gekürzt?

Um 4,5 Prozent. Und das bei gleichbleibenden oder inflationär bedingt sogar steigenden Fixkosten. Betroffen sind die niedergelassenen Psychotherapeuten mit eigener Praxis. Therapeuten, die in Kliniken arbeiten, sind nicht betroffen. Wenn das Geld für ambulante Therapien gekürzt wird, wird sich keine Therapeutin mehr ambulant niederlassen – weil es sich nicht lohnt. Dann steht die ambulante Versorgung „auf dem Dorf“ auf wackeligen Füßen.

Wie begründen die Krankenkassen die Kürzung?

Im Vergleich zu anderen Facharztgruppen haben Psychotherapeuten früher am wenigsten verdient. Seit 2013 wurde das Honorar für Psychotherapeuten insgesamt um 52 Prozent angehoben, das von anderen Fachärzten um 32 Prozent – doch auch heute ist die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen im Vergleich immer noch deutlich niedriger. Diese Steigerung wird aber als Begründung für die Kürzung genommen.

„Auf lange Sicht ist eine Therapie viel, viel günstiger als ein Klinikaufenthalt, Arbeitsausfall, Reha-Maßnahmen…”
— Barbara Diehl-Pittlik und Hanna Pittlik-Rau

Mit eigener Praxis gehören nicht nur Therapiestunden zum Alltag, sondern auch unbezahlte Bürokratieaufgaben. Wie hoch ist der Umfang?

Grob geschätzt gehen pro Wochen 10 bis 15 Stunden für bürokratische Aufgaben drauf. Dazu gehören u.a. vier Stunden unbezahlter Telefondienst, Telefongespräche mit Lehrern, der Kontakt zu Eltern und das Verfassen von mehrseitigen Berichten für eine Langzeittherapie.

Welche Kosten müssen Sie mit eigener Praxis tragen?

Es fängt damit an, dass ein niedergelassener Therapeut einen Kassensitz kaufen muss. Der liegt im mittleren fünfstelligen Bereich, Ende offen. Die Ausbildung zum Psychotherapeuten kostet ebenfalls einen fünfstelligen Betrag, auch Weiterbildungen tragen wir selbst. Hinzu kommen die monatlichen – und stetig steigenden - Fixkosten wie Miete, Heizkosten, Steuern, Berufsverbände, Versicherungen und auch Testmaterialien, die je im vierstelligen Bereich liegen.

Besteht die Gefahr, dass Privatpatienten in Zukunft bevorzugt behandelt werden?

Das kann passieren. Paradox ist, dass die Krankenkassen bei der ambulanten Therapie sparen wollen – auf lange Sicht ist aber solch eine Therapie viel, viel günstiger als ein Klinikaufenthalt, Arbeitsausfall, Reha-Maßnahmen…

Wertschätzung fehlt

Worüber ärgern Sie sich am meisten?

Wir machen wir Prävention, unterstützen Kinder und Jugendliche, geben Eltern viel mit auf den Weg - und das wird nicht wertgeschätzt, es heißt gerne: „Ihr sitzt ja nur da und redet mit den Patienten.“ Dabei ist Psychotherapie bedeutend – das wissen viele Menschen, die betroffen sind oder jemanden kennen, der erkrankt ist. Wir arbeiten so gerne mit Kindern und Jugendlichen – und dieses frühe Helfen ist so unglaublich wichtig.

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