„Das Lachen und das Sterben gehören zum Leben dazu“

Im Gespräch mit Ehrenamtlern vom St.-Elisabeth-Hospizdienst


  • Kreis Olpe, 01.11.2023
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Grafik November-Serie tod und Trauer von pixabay / Grafk: Christine Schmidt
Grafik November-Serie tod und Trauer © pixabay / Grafk: Christine Schmidt

Kreis Olpe. Der November gilt als der Trauer-Monat: Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit übernimmt das Kommando, Feiertage wie Allerheiligen und der Volkstrauertag stehen an. Auch LokalPus möchte diesem Monat eine besondere Serie widmen und sich dem Thema Trauer von verschiedenen Seiten nähern. So wie heute: Im Gespräch mit drei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen vom St.-Elisabeth-Hospizdienst wollten wir einmal wissen: Warum entscheidet man sich für das „Hobby“ Sterbebegleitung?


Susanne Ludwig (62), Anette Brüseken (65) und Patricia Tichelli (69) engagieren sich seit einigen Jahren im Hospizdienst des St.-Elisabeth-Hospizes Altenhundem. Ehrenamtlich. Mit viel Zeit, viel Engagement – und, so erzählen sie im Gespräch, mit vielen Momenten, die sie bereichern, aber auch erschüttern.

Begleitung bis zum Schluss: Die ehrenamtlichen Hospizmitarbeiterinnen schenken dem sterbenden Menschen Zeit und Aufmerksamkeit. von pixabay
Begleitung bis zum Schluss: Die ehrenamtlichen Hospizmitarbeiterinnen schenken dem sterbenden Menschen Zeit und Aufmerksamkeit. © pixabay

Warum sucht man sich „Sterbebegleitung“ als Hobby aus?

A. Brüseken: Ich war 40 Jahre lang in der Pflege tätig, hatte aber immer viel zu wenig Zeit für Gespräche. Daher habe ich mich im Ruhestand für den Hospizdienst entschieden.

S. Ludwig: Der Tod ist immer noch ein Tabu-Thema, aber eines, das zum Leben gehört. Das habe ich selbst schon erfahren. Ich war lange Jahre im Karneval aktiv, das passt sehr gut zusammen: Das Lachen und das Sterben gehören zum Leben dazu.

P. Tichelli: Ich hatte einen sehr anspruchsvollen Beruf. Immer war der Wunsch da, einmal etwas zu tun, wo man nah am Menschen ist und sich sozial engagieren kann. Die Menschen geben einem soviel zurück.

Patricia Tichelli, Anette Brüseken und Susanne Ludwig (v.l.) erzählten im Gespräch mit LokalPlus-Redakteurin Kerstin Sauer von ihrer Tätigkeit als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen beim St.-Elisabeth-Hospizdienst. von Johan Hatzfeld
Patricia Tichelli, Anette Brüseken und Susanne Ludwig (v.l.) erzählten im Gespräch mit LokalPlus-Redakteurin Kerstin Sauer von ihrer Tätigkeit als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen beim St.-Elisabeth-Hospizdienst. © Johan Hatzfeld

Wie beginnt die Begleitung eines sterbenden Menschen?

S. Ludwig: Unsere Koordinatorin erzählt uns von dem Menschen und seiner Krankengeschichte. Es steht uns frei, die Begleitung anzunehmen oder abzulehnen. Wir begleiten Menschen im Krankenhaus, auf der Palliativstation, in Pflegeeinrichtungen, im Hospiz, aber auch zu Hause. Unser Einsatzgebiet ist hauptsächlich in Lennestadt und Kirchhundem, es gibt aber auch eine Ehrenamtsgruppe in Olpe.

A. Brüseken: Beim ersten Besuch ist die Koordinatorin dabei. Wir lernen den Patienten kennen. Oft ist ein Angehöriger dabei, denn meist wünschen die sich eine Begleitung, um etwas entlastet zu werden.

Wie können wir uns die Begleitung vorstellen?

S. Ludwig: Wir leisten dem sterbenden Menschen Gesellschaft, sprechen mit ihm, beten mit ihm, schenken ihm Zeit und Aufmerksamkeit.

P. Tichelli: Wir versuchen, auf die Bedürfnisse und Wünsche des sterbenden Menschen einzugehen. Oft lese ich etwas vor oder wir hören gemeinsam Musik. Wenn möglich, spielen wir auch noch gemeinsam. Wie lange wir bleiben, entscheidet der Mensch.

A. Brüseken: Am schwersten ist es, gemeinsam zu schweigen. Dann hilft es, im gleichen Atemzug mit dem Menschen zu sein und mit offener Körperhaltung bei ihm zu sitzen.

Zur Ruhe kommen und loslassen können

Was war Ihr schönstes Erlebnis bei einer Begleitung?

S. Ludwig: Die Menschen öffnen sich. Wir haben schon oft erlebt, dass sie das Bedürfnis haben, etwas auszusprechen, das sie belastet, was sie nicht noch nie getraut haben, jemandem zu sagen. Das ist wie eine kleine Beichte. Danach ist es gut und wir merken, dass der sterbende Mensch zur Ruhe kommt und loslassen kann.

A. Brüseken: Für mich war das Qualifizierungsseminar zur Sterbebegleitung das Beste, was ich seit langem gemacht habe. Rund ein Jahr lang trifft man sich an einem Abend alle zwei Wochen, an drei Samstagen und es finden zwei Exkursionen statt. Man lernt soviel über sich selbst. Das ist eine absolute Bereicherung.

Welches Erlebnis hat sie am meisten mitgenommen?

S. Ludwig: Ich wurde einer jungen Frau vorgestellt, die im Krankenhaus lag. Morgens war sie noch draußen, ist spazieren gegangen. Plötzlich baute sie ganz extrem ab, so dass wir die Angehörigen informieren mussten. Als der Sohn zur Tür hinein kam und „Mama“ sagte, hat sie die Augen zugemacht.

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Wie verarbeiten Sie das Erlebte?

P. Tichelli: Alle vier Wochen findet ein Austausch mit allen Ehrenamtlern statt, zwei Mal im Jahr zusätzlich eine Supervision, wo wir Themen ansprechen können, die uns nicht loslassen. Diese Treffen, die Gruppe und die Koordinatorin fangen uns auf. Wir haben immer die Möglichkeit, uns Hilfe zu holen.

A. Brüseken: Im Seminar lernt man, in sich hinein zu hören: Was tut mir gut? Ich zum Beispiel gehe viel raus, spazieren im Wald. Das gibt mir Kraft. Achtsamkeit ist wichtig, gegenüber dem Sterbenden sowieso, aber auch sich selbst gegenüber.

S. Ludwig: Wir müssen lernen, dass wir Situationen aushalten und für den sterbenden Menschen da sind – aber wir pflegen ihn nicht und können ihn auch nicht retten.

Was können wir noch tun? Los lassen...

Welches Zusammensein fällt leichter – das mit dem sterbenden Menschen oder das mit den Angehörigen?

P. Tichelli: Beides ist wichtig. Wir begleiten auch die Angehörigen, denn sie bleiben nach dem Tod des geliebten Menschen „übrig“ und leiden sehr, wenn er weg ist.

S. Ludwig: Viele Angehörige können ihre Lieben nicht gehen lassen. Oft werden wir verzweifelt gefragt: Was können wir noch tun? Wir antworten dann: Los lassen...

Kochbücher für den guten Zweck

Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des St.-Elisabeth-Hospizdienstes haben in den vergangenen Jahren zwei Rezeptbücher herausgebracht, deren Erlös zu 100 Prozent dem Elisabeth-Hospiz in Altenhundem zu Gute kommt: „Essen hält Leib und Leben zusammen“ und „Happy Häppchen“. Sie sind bei den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Hospizdienstes erhältlich oder in der Buchhandlung Hamm in Altenhundem.

Mit diesem Interview startet eine kleine November-Serie bei LokalPlus zum Thema „Tod und Trauer“. In den kommenden Wochen beschäftigen wir uns u.a. mit den Themen Wie fühlt sich Trauer an?, Trauer und Depression sowie Trauer als Tabuthema.

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