Erinnerung an Deportation von 77 Frauen mit Behinderung aus Drolshagen
Enthüllung einer Erinnerungstafel
- Drolshagen, 04.05.2023
- Verschiedenes
Drolshagen. Dass es wohl über 50 „Mädchen“ gewesen waren, die irgendwann in den Kriegsjahren bei Nacht und Nebel „weggekommen“ seien, hatte man gehört. Dass sie nach Hadamar gekommen seien und sich ihre Spur dort verloren hätte, wurde erzählt. Dass sie wohl alle in der dortigen Tötungsanstalt umgekommen seien, wurde gemutmaßt.

Dass aber einige der „Mädchen“ von den Schwestern des Franziskanerordens als unverzichtbare Arbeitskräfte im Sankt-Gerhardus-Hospital ausgegeben worden und dadurch der Deportation entgangen waren, das war im Drolshagen der Nachkriegszeit bekannt.

Im November 2017 tauchte dann ein konkretes Datum auf: der 9. April 1943. An diesem Tag war, auf Anordnung der nationalsozialistischen Militärverwaltung, die Abteilung „Sankt Joseph“ des Sankt-Gerhardus-Hospitals, in der sich Frauen mit Behinderung befanden, geräumt und die Frauen nach Marsberg deportiert worden. Als Begründung wurde die Notwendigkeit der Einrichtung eines Lazaretts in Drolshagen angeführt.
Auf Anregung von Stefan Schürmann wurde noch im November 2017 eine Erinnerungsinitiative gegründet, um die folgenschweren Ereignisse dieses Tages dem Vergessen zu entreißen. Bald schon schlossen sich andere Interessierte der überparteilichen Initiative an. Gemeinsam ging man auf Spurensuche.

Durch mehrere Dokumente aus dem Archiv der Franziskanerinnen zu Olpe konnte die Erinnerungsinitiative die sogenannte ‚Verlegung‘ von 77 Frauen nach Marsberg bestätigen. Doch die Erinnerungsinitiative, die inzwischen Kontakt zum Drolshagener Heimatverein aufgenommen hatte, gab sich mit ihren Recherche-Ergebnissen nicht zufrieden. Heute steht fest:
- In Marsberg starben 22 Frauen aus dem St. Gerhardus-Hospital.
- 21 Frauen wurden von Marsberg in die Provinzial-Heilanstalt Obrawalde bei Meseritz in Westpreußen deportiert. Die Namen von 18 dieser Frauen finden sich in den Sterbebüchern allein in den nachfolgenden 39 Tagen.
- Weitere neun Frauen wurden in die Heil- und Pflegeanstalt Lüben in Niederschlesien deportiert. Ihr Schicksal ist noch ungeklärt.
- In Marsberg überlebten 25 Frauen.

Das umfangreiche Material, das die Initiative zusammengetragen hat, ist in die Website des Drolshagener Heimatvereins eingepflegt worden und steht unter https://heimatverein-drolshagen.de/projekte/erinnerungs-initiative allen Interessierten zur Verfügung.
Am Montag, 8. Mai, wird - 80 Jahre nach der erzwungenen „Verlegung“ der 77 Frauen - im Rahmen einer Gedenkfeier eine Tafel mit ihren Namen an der Außenwand des Sankt-Gerhardus-Hauses enthüllt. Die Veranstaltung wird musikalisch vom Chor an Sankt Clemens und dem Schreibershofer Duo „Gemini“ begleitet und beginnt um 18 Uhr in der Cafeteria des Seniorenzentrums, Gerberstraße 37 (Zugang über den rückwärtigen Haupteingang im Innenhof).
