Alltag für die einen, Kraftakt für andere – Attendorn vom Rollstuhl aus
Andre Hoberg wünscht sich mehr Verständnis
- Attendorn, 22.05.2026
- Verschiedenes
- Von Jana Becker
Attendorn. Treppen, Bordsteinkanten, Straßenübergänge – was viele Fußgänger beim Bummel durch die Stadt gar nicht bewusst wahrnehmen, ist für Menschen mit Beeinträchtigungen eine Hürde. Ein Perspektivwechsel fällt vielen Menschen nicht leicht. Im Gespräch mit LokalPlus versucht Rollstuhlfahrer André Hoberg die Welt sichtbarer zu machen, in der er sich tagtäglich bewegt.


Der Bundestag berät aktuell über eine Verschärfung der Regeln für Barrierefreiheit. Den 41-jährigen Attendorner André Hoberg freut das. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen und wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für seine Lage. Dafür kämpft er seit Jahren. Unterstützt wird er dabei von Thomas Becker.
Die beiden sind bei den Werthmann-Werkstätten beschäftigt. Doch sie sind nicht nur Arbeitskollegen, die beiden verbindet auch eine Freundschaft. Am Wochenende sind sie häufig gemeinsam unterwegs. Deshalb weiß Thomas auch um die Alltagsbeschwerden, die ein Stadtrundgang für Rollstuhlfahrer mit sich bringt.

Es sind Orte wie die Zebrastreifen am Busbahnhof in Attendorn, die Menschen wie André im Alltag vor Schwierigkeiten stellen. Zwar gibt es eine abgesenkte Borsteinkante (extra für Rollatoren, Rollstuhlfahrer etc.) aber diese ist sehr steil. Um sie zu bewältigen, muss André die Vorderreifen seines Rollstuhls anheben.
„Ich bin nicht schwerbehindert und kann auch sprechen und mir somit selbst helfen oder Hilfe holen. Andere können das nicht“, erklärt der 41-Jährige. „Das muss sehr unangenehm sein.“ Besser gelöst sei dies an den Zebrastreifen beim Allee-Center. Die Übergänge sind dort ebenerdig und somit problemlos für ihn befahrbar.
„Ich merke, dass sich etwas verändert“, gibt der gebürtige Attendorner zu. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie die Stadt vor 20, 30 Jahren aussah. Seitdem habe sich viel getan. „Es ist nicht ganz schlecht, aber auf jeden Fall ist noch Luft nach oben“, pflichtet ihm Thomas Becker bei.
André erklärt, dass er Verständnis dafür habe, dass nicht alles von jetzt auf gleich geändert werden könne. Aber wenn eine Straße sowie neu gemacht werde, könne man sie doch direkt an die Bedürfnisse der Rollstuhlfahrer anpassen, findet er.

So wie am Übergang vom Süd- zum Ostwall auf der Höhe des Hallenbads. Die Strecke sei ebenerdig geteert und somit für ihn und Menschen mit ähnlichen Einschränkungen ohne Hilfe oder Kraftanstrengung durchgängig befahrbar.
Umso mehr wundert es ihn, dass diese ebenerdige Teerschicht schon am Übergang vom Ost- zum Nordwall wieder durchbrochen wird von Bodrsteinkanten. Erst vor wenigen Wochen sei er durch diese Kanten beim Citylauf ausgebremst worden, denn mit dem Liegerad, das er regelmäßig fährt, sind die nicht einfach überwindbar.
Gleiches gilt für zahlreiche Geschäfte in Attendorn, die nur über eine Treppe erreichbar sind. Ein Beispiel: Ein Sportgeschäft in der Innenstadt, in dem André häufig Kunde ist, da er dort die Ausrüstung für seine Sportmannschaft „Team André“ kauft und bedrucken lässt. „Wenn ich hier etwas brauche, bespreche ich dann alles hier draußen vor der Tür. Das ist scheiße.“


„Ich biete vielen Leuten meinen zweiten Rollstuhl an, damit sie meine Situation besser nachempfinden und sich selbst ein Bild davon machen können“, erzählt André. Doch bisher wurde dieses Angebot immer dankend abgelehnt.
Für die Stadt Attendorn sei Barrierefreiheit ein wichtiges Thema, das stark berücksichtigt werde, versichert das Tiefbauamt der Hansestadt auf Nachfrage von LokalPlus. „Im Prinzip war das Thema Barrierefreiheit neben der Aufenthaltsqualität das Hauptthema beim Innenstadtentwicklungskonzept“, heißt es in einer schriftlichen Antwort.

Blindenleitsysteme, das Entfernen hoher Kanten und Bordsteinabsenkungen – überall würden bei der Barrierefreiheit alle Gruppen mit einbezogen werden. Teilweise kommen diese Bedürfnisse sich jedoch in die Quere: „Während der Rollstuhl- oder Rollatorfahrer keine Höhenunterschiede haben möchte, benötigt der Blinde oder Sehbehinderte eine Kante, um nicht stark auf die Straße zu laufen.“
Deshalb werden Kompromisse gefunden, die für alle verträglich sind. Dafür werden neue Projekte jedes Mal mit der Behinderten- und Mobilitätsbeauftragten des Kreises Olpe abgestimmt und auch die Meinung von Rollstuhlfahrern oder blinden Menschen eingeholt - zum Beispiel dadurch, dass sie manche Stellen „Probe gefahren oder gelaufen“ sind.
Barrierefreiheit
Laut UN-Behindertenrechtskonvention ist die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein Menschenrecht. Seit 2002 regelt außerdem das Behindertengleichstellungsgesetz die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Über eine Änderung dieses Gesetzes berät aktuell der Bundestag. Es sollen schärfere Regeln vor allem für private Anbieter erstellt werden.
Quelle: Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen
